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Reisende, die nach Flügen suchen, erwarten sehr kurze Antwortzeiten und guten Content. Amadeus arbeitet mit Fluggesellschaften und Reiseverkäufern zusammen, damit sie den Reisenden genau das geben können. Bild: TN

AMADEUS BLOG «2019 wird für uns das Jahr der NDC-Vernetzung»

Der Einsatz des NDC-Standards im Flugvertrieb kommt 2019 in die heisse Phase. Wie sich Amadeus darauf vorbereitet und auf welche Neuerungen sich der Reisevertrieb einstellen muss, erläutert Gianni Pisanello, Vice President NDC-X Program, im Interview mit Monika Wiederhold, Vorsitzende der Geschäftsführung von Amadeus Germany.

Monika Wiederhold: 20 Airlines haben erklärt, dass sie bis 2020 mindestens 20 Prozent ihrer Ticketverkäufe über die NDC-Technik abwickeln wollen. Sind sie auf einem guten Weg dorthin?

Gianni Pisanello: Das NDC Leaderboard hat dieses Ziel erst 2017 verkündet. Für einzelne Märkte ist es möglich, aber es wird schwierig für Airlines, das für ihren weltweiten Vertrieb zu erreichen. Fluggesellschaften benötigen dafür die Reisebüros und Aggregatoren. Deshalb unterstützen wir die Entwicklung. Diese Selbstverpflichtung ist positiv für uns als Aggregator wie auch als IT-Provider, denn wir benötigen für die Wirtschaftlichkeit unserer neuen Lösungen eine kritische Masse. Läuft die Technik, können die Buchungszahlen sehr schnell hochgefahren werden.

Es wurde davor gewarnt, der NDC-Standard würde die Transaktionszahlen pro Buchung in die Höhe treiben. Wie sehen die bisherigen Erfahrungen aus?

Die Look-to-Book-Rate kann von einigen Hundert auf Zehntausende steigen. Das ist ein enormer Unterschied. Bisher bereitet das keine Probleme, denn das Buchungsvolumen ist sehr gering. Wenn wir die Technik in vollem Umfang freischalten, wird es eine regelrechte Explosion der Transaktionszahlen geben.

Wie bereitet Amadeus seine Systeme vor?

Bei Amadeus haben wir uns auf die Bereitstellung von Technologien spezialisiert, die diese Art von Problemen für unsere Kunden lösen. Wir verfügen über starke Cloud-Funktionen und unsere Lösung Amadeus Airline Cloud Availability repliziert das Passenger Service System einer Fluggesellschaft in der Cloud, um die Verwaltung hoher Transaktionsmengen bei gleichen Reaktionszeiten zu ermöglichen. Wir haben jetzt auch Instant Search in der Cloud. Weitere Lösungen werden in Kürze folgen. Verbraucher, die nach Flügen suchen, erwarten sehr kurze Antwortzeiten und guten Content. Wir arbeiten mit Fluggesellschaften und Reiseverkäufern zusammen, damit sie den Reisenden genau das geben können.

Ein Ziel der Airlines ist es, ihr Produkt mit Hilfe von NDC zu differenzieren. Wie managen Sie diesen Content, der nicht im PNR erfasst wird? Den PNR benötigt Amadeus weiterhin für das Ticketing.

Dafür haben wir Amadeus Altéa NDC mit den Offer- und Order-Funktionalitäten als Erweiterung aufgebaut. Im Hintergrund kreieren wir nach der Buchung einen PNR für das Ticketing, um die Reiseabwicklung in den etablieren Prozessen sicher zu stellen. Damit kommen die Vorteile von NDC zum Einsatz, aber wir müssen nicht gleich alle Anwendungen erneuern. Das Ticketing wird es noch für längere Zeit geben, aber die Zukunftslösung ist die Order mit der Order-ID. Bis zur vollständigen Einführung sind entlang der Wertschöpfungskette der Reisebuchung noch viele Veränderungen notwendig.

Die Verlagerung vom PNR zu ONE Order entzieht dem GDS bestimmte Funktionen, eine bestimmte Intelligenz. Besteht das Risiko, dass die GDS zu austauschbaren Datencarriern werden?

Amadeus ist das System der Airlines, und wir redesignen die Branche gemeinsam. Die Airlines wollen und müssen ihre Produkte und die Art, diese zu präsentieren, erneuern. Das führt jedoch zu sehr viel mehr Angebotsvarianten und unterschiedlichen Angebotstypen: GDS-Offerten, NDC-Offerten, anderen Offerten. Der Aufwand, deren Komplexität zu verstehen, diese Angebote qualitativ zu vergleichen und in einer sinnvollen Weise für den Vertrieb und die Reisenden aufzubereiten, wird viel höher sein als die Komplexität, die wir heute managen. Das heißt: Die Anforderungen an die technische Intelligenz unserer Systeme erweitern sich sogar.

«Der Workflow für die Reisebüros wird sich je nach Buchungskanal unterscheiden»

Sie haben unter anderem  American Express Global Business Travel, BCD Travel und Carlson Wagonlit Travel als Partner für Ihr NDC-X-Programm gewonnen. Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Airlines aus?

Wir haben viele Airline-Partner, wie American Airlines und Qantas, mit denen wir für unsere NDC-Aggregator-Lösung zusammenarbeiten. Andere Fluggesellschaften wie Finnair, Saudia, Avianca und Singapore Airlines nutzen Amadeus Altéa NDC bereits. Weitere Airlines sind an Bord gekommen, möchten aber noch nicht erwähnt werden. Auch auf der Vertriebsseite treiben wir die NDC-Lösungen mit weiteren Partnern voran, beispielsweise mit Flight Centre und Travix. Wir beziehen nach und nach neue Partner in das Programm ein.

Was sind die Ziele des Programms?

Wir erarbeiten Lösungen in Arbeitsgruppen, statt einfach sämtliche Wünsche von Partnern einzusammeln und nach drei Jahren eine Lösung zu präsentieren. Wir verfolgen einen agilen Ansatz, wir designen gemeinsam mit Airlines und Reiseverkäufern Schritt für Schritt an ihren Bedürfnissen entlang die NDC-Prozesse. Es wird also nicht auf einen Schlag die große und komplette Lösung geben, sondern wir werden unsere Lösung nach und nach ausrollen.

Haben Sie bereits Bereiche identifiziert, in denen die Anwendung der NDC-Technik Sie vor spezielle Herausforderungen stellt?

Da gibt es einige Herausforderungen. So müssen erstens die Amadeus Lösungen mit den verschiedenen NDC-Versionen ab Version 17.2 aufwärts kompatibel sein. Zweitens müssen alle Fluggesellschaften NDC in der gleichen Weise nutzen, etwa indem erst der Sitz und dann die Zusatzleistungen gebucht werden. Drittens müssen wir, wie beschrieben, die Performance bei uns und bei den Fluggesellschaften sicherstellen. Einige Airlines verlängern die Antwortzeiten, indem sie Anwendungs-Layer vor ihre Inventory-Systeme (PSS) bauen. Heute akzeptiert aber niemand Antwortzeiten von 20 Sekunden.

Welche Herausforderungen kommen auf den Reisevertrieb zu?

Die Umsetzung von NDC ist für den Reisevertrieb ein grosses und wichtiges Vorhaben. Denn Reiseverkäufer nutzen zahlreiche Mid- und Backoffice-Systeme, die mit den GDS vernetzt sind. Mit diesen Systemen NDC zu adaptieren ist nicht trivial. Es ist notwendig, dass wir die Umstellung so glatt wie nur möglich gestalten. Auch deshalb müssen wir Schritt für Schritt vorgehen. Für die Welt der Online-Reisebüros sieht es viel einfacher aus, weil ihre Prozesse bereits wie mit NDC funktionieren: anbieten, buchen, zahlen (shop, order, pay). Zudem nutzen sie Webservices und XML-Schnittstellen. Und sie überlassen die weitere Kundenbetreuung etwa bei Flugunregelmäßigkeiten, anders als im Business Travel, den Airlines.

Für stationäre Reisebüros werden Sie den Flug-Content aus unterschiedlichen Kanälen in eine Arbeitsoberfläche integrieren. Aber die Funktionalitäten etwa beim Umbuchen unterscheiden sich je nach Kanal. Was bedeutet das für Reisebüro-Mitarbeiter?

Der Workflow für die Reisebüros wird sich je nach Buchungskanal unterscheiden. Die GDS-Queue funktioniert anders als der NDC-Kanal. Aber im Shopping-Prozess über die Amadeus Travel Platform werden alle Kanäle komplett integriert, so dass die Reisebüro-Mitarbeiter durch die jeweiligen Workflow-Varianten geführt werden können.

«Geschäftsmodelle verändern sich überall, und sie werden immer differenzierter»

Bleibt es auf Dauer bei diesen Workflow-Varianten?

Unser Ziel ist es, den NDC-Workflow als einen Standard zu setzen, egal aus welcher Quelle der Content stammt. Wir sind darauf vorbereitet, auch die Buchungen für Airlines, die weiterhin den PNR nutzen, im NDC-Workflow abzuwickeln.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass Amadeus nicht Geschäft an den Direktvertrieb verliert?

Wir sehen diese Veränderungen in dieser Branche nicht in den Kategorien Gewinner und Verlierer. Wir sehen, dass unsere Kunden unterschiedliche Anforderungen haben, und wir bauen die Technologie und die Lösungen, die diese Anforderungen erfüllen. Reisebüros brauchen eine vereinfachte Lösung, die die Komplexität zusammenfasst und Inhalte aus beliebigen Quellen verarbeitet. Deshalb bauen wir die Amadeus Travel Platform, um diesen Content zusammenzuführen. Da mehr Kanäle und Inhaltsquellen zur Auswahl stehen, gewinnt die Rolle von Aggregatoren wie unserer Travel Platform an Bedeutung, um all diesen Content an einem Ort buchbar zu machen. Fluggesellschaften geht es im Vertrieb auch um Wertschöpfung, Reichweite und Effizienz. Der indirekte Kanal stellt all das weiterhin bereit, und wir sind überzeugt, dass er in der Reisebranche auch künftig eine wichtige Rolle spielen wird.

Sprechen wir über Geschäftsmodelle im Flugvertrieb. Werden Airlines in Zukunft noch Buchungsentgelte zahlen müssen?

Ganz allgemein sage ich: Ja. Es ist aber wichtig hinzuzufügen, dass NDC keine Geschäftsmodelle festlegt. Es sind die Fluggesellschaften, die Geschäftsmodelle verändern. Durch die Konsolidierung sind große Airlines entstanden, die eine neue Dynamik in die Märkte bringen.

Airlines haben aber postuliert, dass sie sämtliche Kosten für den indirekten Vertrieb loswerden wollen.

Das ist keine Frage der Technik. Die grossen Airlines haben heute bereits mehr Power, um die Geschäftsmodelle umzugestalten. Hier werden zwei unterschiedliche Dinge erneut in einer Story verpackt. Unsere Aufgabe ist es, die Vorteile der NDC-Technik in den Vertrieb zu bringen, mehr nicht. Es ist die Frage, wie der Vertrieb die Marktdynamik mit verändern kann.

Erhalten Reisebüros in Zukunft für ihre Buchungen noch Incentives von den GDS?

Ich gehe davon aus, dass es eine Vielzahl von kommerziellen Modellen zwischen den Beteiligten geben wird, die heute schon existieren: Die Geschäftsmodelle verändern sich überall, und sie werden immer differenzierter. Erst vor kurzer Zeit wurde das Geschäftsmodell «private channel» in den Markt eingeführt. Und GDS-Incentives könnten sich verändern, beispielsweise stärker am Wert verschiedener Arten von Buchungen ausgerichtet sein. Ich gehe davon aus, dass wir eine dynamische Entwicklung der Geschäftsmodelle erleben werden.

Könnten sich die Geschäftsmodelle auch umkehren, etwa indem Reisebüros für den Zugang zu Content zahlen?

Dieses Geschäftsmodell gibt es doch schon in einigen Fällen – zum Beispiel bei Low Cost Carriern. Es gibt viele Geschäftsmodelle auf dem Markt, von denen jedes unter bestimmten Marktdynamiken sinnvoll ist. Zum Thema Low Cost Carrier lautet die gute Nachricht, dass Amadeus die Angebote von Low Cost Carriern, die mit Navitaire zusammenarbeiten, über NDC in den Vertrieb einspeisen wird. Dies ist ein Ergebnis der NDC-Einführung: Da die Full-Service-Carrier den NDC-Standard vorantreiben, stellen sie sicher, dass die Low Cost Carrier breiter im Vertrieb verfügbar sind. Und wie ich bereits sagte: NDC ist nicht der Treiber hinter der Weiterentwicklung des Geschäftsmodells.

Wie schnell wird NDC-Content über Amadeus in den Reisebüros zur Verfügung stehen?

Ende März 2019 werden wir die Lösung für Amadeus Web Services fertiggestellt haben, so dass Vertriebsunternehmen wie Online-Reisebüros über Webservices Zugriff auf den NDC-Content bekommen. Ende des zweiten Quartals 2019 wollen wir den Content für alle Nutzer der Amadeus Selling Platform Connect bereitstellen. Parallel arbeiten wir am Anschluss von Airlines. 2019 wird für uns das Jahr der NDC-Vernetzung.

Erwarten Sie angesichts der vielen Veränderungen und des wachsenden Direktvertriebs, dass die GDS weiterhin ein starker Player im Flugvertrieb bleiben?

Es ist nicht meine Rolle, das zu behaupten. Aber American Airlines und die IATA haben diese These aufgestellt. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass NDC funktioniert. Es gibt jedoch nur wenige Unternehmen, die die Komplexität, die daraus resultiert, und die notwendige Performance wie auch Antwortzeiten im weltweiten Massstab bewältigen können. Und wir als Aggregator & IT-Provider bieten so starke Vorteile, dass wir ein starker Partner der Airlines bleiben – im indirekten und im direkten Vertrieb.

(TN)