Tourismuswelt

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Das Grounding der Skywork beschert der Europäischen Reiseversicherung mit CEO Thomas Tanner (Bild) sechsstellige Schadenbeträge. Die Versicherung hält am Produkt aber vorerst fest. Bild: Kambui/ERV (Montage TN)

«Isoliert betrachtet ist der Airline-Insolvenzschutz ein Verlustgeschäft»

Von Jean-Claude Raemy

Die Europäische Reise-Versicherung (ERV) bietet seit Jahren die AIP (Airline Insolvency Protection) an. Ist das angesichts zahlreicher Insolvenzen in den vergangenen Jahren überhaupt ein gutes Versicherungsgeschäft? ERV-CEO Thomas Tanner nimmt Stellung.

Herr Tanner, was waren die Überlegungen hinter der Einführung einer «Airline Insolvency Protection», also einem Airline-Insolvenzschutz?

Nach dem Swissair-Grounding 2001 keimte bei uns die Idee auf, eine solche Versicherung, die es bereits in England gab, auch in der Schweiz einzuführen. Der Bann, dass so etwas überhaupt geschehen konnte, war gebrochen und daher sahen wir gewisse Marktchancen für ein solches Produkt. Schliesslich erfolgte der operative Startschuss - wie bei der ERV üblich ohne grosses Tam-Tam - per 1. Januar 2003. Erstmals fix in eine Jahresreiseversicherung eingebaut wurde sie drei Jahre später bei Globetrotter. Später, nach und nach, auch in Produkte anderer Partner und natürlich seit längerem auch innerhalb unseres Comfort-Jahresreiseversicherungspakets. Seit ein paar Jahren ist unsere AIP ebenso in diversen Kreditkarten-Deckungen inkludiert, zum Beispiel in der Cumulus-Mastercard.

Werden spezielle Rückstellungen gemacht, wenn eine neue Police lanciert wird?

Ja, wir kennen eine Kumulierungs-Obergrenze von 1 Million Franken. Sollten also aus ein und demselben Ereignis die eingereichten Schadenfälle den Betrag von 1 Million Franken übersteigen, werden die Auszahlungen proportional gekürzt. Der gleiche Betrag - 1 Million Franken - figuriert explizit und nur für diese Deckung auch als Reserve in unseren Büchern.

Für die ERV ist doch nun der «Worst Case» eingetreten: Drei Groundings von Schweizer Airlines innert einem Jahr.

Der absolute «Worst Case» für uns wäre, wenn eine Hub-Airline wie British Airways, Lufthansa oder Air France ihren Betrieb von heute auf morgen komplett einstellen würde. Die Groundings von Hello und auch Belair betrafen uns nicht, da sie Bedarfsfluggesellschaften sind bzw. im Wet-Lease tätig waren. Darwin Air betraf uns nur am Rande. Air Berlin und jetzt Skywork hatten und haben hingegen schadenseitig schon kräftige «Impacts».

«Air Berlin und Skywork hatten schadenseitig kräftige Impacts»

Wie hoch ist die seit Beginn der AIP angehäufte Schadensdeckungssumme eigentlich?

Ich schätze, dass wir - inklusive Skywork - seit Bestehen der AIP insgesamt rund 0,75 Millionen Franken an Schäden ausbezahlt haben werden. Isoliert betrachtet ist die AIP ein Verlustgeschäft.

Groundings treiben letztlich aber auch Neukunden in die Arme der Versicherer.

Ja, solche «Windfall»-Effekte bieten zusätzliche Marktchancen und somit bleibt die AIP kurz- und mittelfristig mit Sicherheit weiterhin Bestandteil unseres Portefeuilles - zumindest bis Ende 2020. Es kann sein, dass Kreditkarten-Anbieter oder andere Vertriebspartner bei uns vermehrt nach AIP-Deckungen nachfragen werden. Und das Potential eines Groundings infolge fehlenden Mitteln ist bei den noch verbliebenen Airlines, die Hauptsächlich aus der Schweiz operieren, aktuell wohl nicht mehr so virulent. Helvetic Airways hat - wie deren CEO Tobias Pogorevc ausführte - einen äusserst finanzkräftigen Investor im Rücken.

«Dass das Grounding auf dem Rücken von Konsumenten und Versicherern erfolgte, ist erbärmlich»

Gibt es allenfalls Überlegungen dazu, die Preise für die Versicherung nach oben zu revidieren?

Nein, im Gegenteil. Nach unserer Einschätzung sind wir, unter anderem wegen der Exklusiv-Zusammenarbeit mit der Globetrotter-Group, Marktleader bei Versicherungen für Individualreisen. In diesem Bereich kommt es öfters vor, dass irgendeine «Südsee»- oder afrikanische Airline plötzlich ihren Betrieb einstellt, und der/die Individualreisenden demzufolge umbuchen und ihnen deswegen Mehrkosten entstehen. Wir denken also, dass die AIP nach wie vor ein fixer Bestandteil einer heutigen, modernen Jahresreiseversicherung sein sollte. Wir bieten Sie auch als Einzeldeckung zu CHF 9 an, allerdings erfreut sich dieser Individual-Bereich keiner grossen Nachfrage seitens der Reisebüros, was allerdings verständlich ist: Man kann schwerlich einen Flug verkaufen und gleichzeitig aktiv eine AIP hinzufügen. Das würde zu einem Vertrauensbruch beim Endkonsumenten führen. Gleiches oder Ähnliches gilt im Übrigen auch für die Flugunfallversicherung.

Was hält die ERV vom Umstand, dass Skywork und wohl auch das BAZL bereits am Montag wussten, dass eine Pleite kommt, aber am Mittwochmorgen Kunden immer noch Tickets über die Skywork-Webseite buchen konnten?

Sollten sich Management und Geschäftsleitung der Skywork dieses Umstandes bereits am Montag voll bewusst gewesen sein, bestanden wahrscheinlich erhebliche Sachzwänge bezüglich eines ungestörten Transports der YB-Fussballer nach und von Zagreb. Die «Bombe» durfte somit erst nach ihrer sicheren Rückkehr endgültig platzen. Trotzdem: Dass dies auf dem Rücken von Konsumentinnen und uns Versicherern erfolgte, ist natürlich unschön und insgesamt erbärmlich!