Tourismuswelt

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Ist Tradition und Spass höher zu gewichten als Tierschutz? Ethische Grundfragen sollten im modernen Tourismus wieder vermehrt Einzug halten. Bild: Youtube

Diese touristischen Aktivitäten sind ein No-go

Von Jean-Claude Raemy

Moderner Tourismus kann sich nicht mehr um Ethik, Moral und Umwelt foutieren. Und das ist gut so. Wir zeigen, welche früher üblichen touristischen Attraktionen nach heutigen Standards nicht mehr vertretbar sein sollten.

Ist Ethik im Tourismus Pflicht oder Nebensache? Grundsätzlich wollen Reisende neue Erlebnisse haben, die «Bucketlist» abarbeiten und heute natürlich auch über ihre Erfahrungen in sozialen Medien prahlen. Gerade Letzteres kann aber häufig nach hinten losgehen: Wer ethisch fragwürdigen Aktivitäten auf seinen Reisen nachgeht, erntet schnell mal den befürchteten – und oftmals auch verdienten - Shitstorm. Das ist eigentlich positiv, denn diverse, früher völlig normale touristische Aktivitäten sind in den letzten Jahren ins Zwielicht geraten und wurden entsprechend auch von vielen Reiseveranstaltern aus dem Programm genommen. Wir versuchen aufzuzeigen, welche touristischen Attraktionen fragwürdig sind und am besten komplett verschwinden sollten.

Menschen-Unwürdig

Slum-Tourismus

Besucher von Rio de Janeiro halten es manchmal für «bildend», geführt oder sogar auf eigene Faust die berüchtigten «Favelas» zu besuchen. Auch in Indien oder auf den Philippinen finden viele Touristen, dass sie sich mal das Elend ansehen möchten, das vor Ort an gewissen Orten herrscht. Vielleicht machen sie sich damit ein Bild davon, wie es ist – aber ausser man hilft den betroffenen Personen vor Ort aktiv, sollte man dies sein lassen. Letztlich ist es nämlich so, dass «westliche», vergleichsweise reiche Touristen die Armut der anderen als «Attraktion» begaffen. Die Armut wird ausgestellt, vielleicht sogar romantisiert, aber letztlich helfen Exkursionen in Armenviertel niemandem. Noch schlimmer: Umgekehrt wird Bewohnern der Favelas der Besuch an Rios Touristenstränden untersagt. Das ist entwürdigend.

Rundgang durch die Favelas: Ist Armut etwas, das man bestaunen soll? Bild: CatComm

Menschensafaris

Ja, es gibt sie noch, die «Wilden» - also Menschen, die auf vergleichsweise primitive Art leben. Das ist für diese auch kein Problem. Problematisch wird es dann, wenn sie zu einer Art Zoo-Attraktion gemacht werden. Auf gewissen Andamanen-Inseln gibt es Bustouren, wo man durch Stammesgebiete fährt und wo idiotische Touristen den Eingeborenen auch schon Essen oder Gegenstände zugeworfen haben, vielleicht als Hilfe gedacht, aber letztlich sind diese Menschen keine Zootiere und haben auch nicht um Hilfe gebeten. Dass sich einige Stämme wehren, ist nur zu gut verständlich. Mal abgesehen davon, dass Touristen tendenziell Krankheiten und ausbeuterischen Praktiken importieren könnten.

Ein Mitglied des Jarawa-Stamms auf Andaman versucht, einen Touristenbus zu besteigen. Darf man Menschen wie Zootiere anglotzen? Bild: YXO

Schädlicher Voluntourismus

Es gibt Firmen, welche Voluntourismus seriös anbieten – also die Möglichkeit, während einer Reise zu helfen, beispielsweise in Waisenhäusern in der Dritten Welt. Leider gibt es aber viele Firmen, welche hilfsbereite Touristen auszunützen versuchen und deshalb auch Zustände vor Ort in der Dritten Welt zementieren. Beispiel: Kinder, die ihren Familien entrissen werden bzw. mit Geld entlockt werden, um Waisenhäuser künstlich zu bevölkern, wo dann «Westler» helfen kommen. Nicht zuletzt werden solche Kinder dann auch noch häufig ausgenützt, sexuell oder anderswie. Auch hier gilt: Prüfe genau, mit welcher Organisation zu Voluntourismus-Ferien aufgebrochen wird, und wie die Zustände vor Ort sind. Direkte Hilfe ist immer noch besser als indirekte Hilfe über oftmals undurchsichtige Organisationen.

Kinder sind oftmals Opfer mehr oder weniger gutmeinender Touristen. Bild: Hansel and Regrettal

Tierquälerei

Elefantenreiten

In Thailand und anderen asiatischen Ländern sind direkte Interaktionen mit Elefanten beliebt. Vielfach werden aber die Elefanten malträtiert und müssen ihr Leben weitgehend angekettet fristen – für Tiere, die in der Wildnis eigentlich grosse Distanzen zurücklegen, eine Qual. Die Kritik ist in den letzten Jahren aber deutlich gewachsen und immer mehr Reiseveranstalter verzichten auf das Anbieten solcher Shows. Nun ist es an den Touristen, auf solche Attraktionen – ob vermittelt oder direkt vor Ort gebucht – zu verzichten oder sich zumindest ein genaues Bild der Anbieter zu machen.

Ein Leben lang angekettet und am Leute rumtragen - für die Halter einträglich, für die Elefanten eine Qual. Bild: Allie Caulfield

Schwimmen mit Delfinen

Freilebende Delfine zu sehen versuchen ist das eine. Mit gefangenen Delfinen zu schwimmen oder sonstwie zu interagieren das andere. Diese intelligenten Tiere sollten nicht für den Spass einiger «Tierliebhaber» gefangen gehalten und dressiert werden. Hotels mit Delfinarien und dergleichen sollte es nicht mehr geben. Wichtig: Wer Delfine oder auch andere Meerestiere im Rahmen seiner Ferien sehen will, sollte genau prüfen, wer was und in welcher Form anbietet und ob dabei dem Tierwohl geschadet wird. Diverse Reiseveranstalter wie etwa Hotelplan haben Delfinshows aus ihrem Angebot verbannt und generell Nachhaltigkeitsthemen mehr in den Fokus gerückt.

Trauriges Leben in einem Hotel-Delfinarium: darf es uns das für den kurzzeitigen Spass wert sein? Bild: Jari Schroderus

Stierhatz und Corridas

Ist die Misshandlung und Tötung von Tieren gerechtfertigt, nur weil es sich um althergebrachte «Traditionen» handelt? Aktuell läuft in Pamplona wieder die «Feria», wo Stiere durch die Strassen der Stadt gehetzt werden. Viel Stress für die Tiere, um etwas Nervenkitzel für alkoholisierte Möchtegern-Hemingways zu bieten. Seit Beginn dieser Tradition vor über 100 Jahren sind bereits 16 Menschen gestorben; über die Anzahl toter Stiere ist nichts bekannt. Diejenigen in Pamplona haben wenigstens noch eine Chance, jemanden zu erwischen – in den Corridas geht das kaum, da sie ja zuerst vom «Picador» schwer verletzt werden und anschliessend so lange gereizt werden, bis sie angreifen, wonach man sie ja in einer Art künstlerischen Selbstverteidigung töten kann. Merke: Es gibt auch Varianten, bei denen die Stiere nicht umgebracht werden (die «Courses Camarguaises» in Südfrankreich). Stierkämpfe sind ein Milliardengeschäft und werden kaum schnell verschwinden. Aber wenn nicht jeder Tourist auch mal «zum Spass» dem Leiden der Stiere beiwohnen will, kann man vielleicht diese fragwürdige Tradition etwas eindämmen.

Sterben als Schauspiel: Der Stier hat beim Stierkampf keine Chance, und doch werden Stierkämpfer als Helden verehrt. Bild: RufinoLasaosa

Haikäfigtauchen

Wer taucht, ist gewiss schon Haien begegnet, und das ist in der Regel erhaben und gefahrlos. Erst wenn man gezwungenermassen mit dem Tier interagiert, kommt es zu Reaktionen. In Südafrika beispielsweise taucht man in Käfigen unter Wasser und lockt dann grosse Weisse Haie an, indem blutige Köder ausgestreut werden. Für den freilebenden Hai ist das nicht direkt schädlich. Aber dieser gewöhnt sich an Fütterung, an die Präsenz von Menschen, und das erhöht das Risiko von Attacken, was dann wiederum Rufe nach der Tötung von Haien in Tourismusregionen mit sich bringt. Nicht ohne Grund ist in Florida das Füttern von Haien seit 2001 verboten. Merke: Wildtiere sollten einfach Wildtiere sein - beobachten ja, anlocken und reizen nein.

Dem Image der Haie ist nicht gedient, wenn sie bei touristischen Käfigtauch-Events künstlich in blutrünstige Bestien verwandelt werden. Bild: vic.bergmann

Jagdtourismus

Was ist daran heldenhaft, irgendwo in Afrika Grosswild aus sicherer Distanz aus einem Fahrzeug mit einem grosskalibrigen Gewehr abzuknallen? Leider gibt es immer noch viele Menschen, die dafür viel Geld zu bezahlen bereit sind – und dafür wird ihnen dann auch eine teure «Lizenz» von Regierungsbeamten erteilt. Glücklicherweise werden Bilder von «Jägern», welche auf abgeknallten Giraffen, Löwen oder Nashörnern sitzen und strahlen, in sozialen Medien gleich abgestraft. Das wird den Idioten zwar egal sein, aber vielleicht kann genügend Druck generiert werden, dass die Gesetzgebung geändert wird und Afrikas Staaten sich nicht auch noch ihren «animalischen Rohstoff» ausbeuten lassen.

Bravo, Sie haben ein prächtiges Tier für ein hässliches Bild und ihr erbärmliches Ego abgeknallt. Bild: Traveller24

Exotische Kulinarik

Haha, in den Ferien sind viele besonders abenteuerlustig, und das gilt dann natürlich auch für die Essensgewohnheiten. Als ob der Umgang der Nahrungsmittelindustrie mit Tieren nicht schon schlimm genug wäre, wird oftmals in den Ferien noch etwas probiert, was in anderen Ländern längst verboten oder indexiert ist. Schildkrötensuppe? Haifischflossensuppe? Foie gras? Schuppentier-Eintopf? Mancherorts kann man sogar Elefant essen. Wenn die Einheimischen es tun, kann man ja auch, oder? Hauptsache nicht bei uns…

Haifischflossensuppe ist der grösste Hai-Killer. Bild: nicwn

Fragwürdige Souvenirs

Immer noch werden täglich 55 Elefanten allein für ihr Elfenbein erschossen – daraus werden nicht selten Souvenirs und sonstiger unnützer Kram hergestellt. In der Karibik werden Schildkrötenschilder oder getrocknete Seesterne verkauft – die Tiere wurden nicht am Strand gefunden, sondern gejagt und geerntet. In vielen Ländern der Welt werden Produkte wie Schmuck oder Dekorationsgegenstände aus Korallen verkauft – als ob es den Korallenriffen nicht schon mies genug ginge. Natürlich kann man in vielen Ländern auch Pelze oder Felle von Tieren kaufen, wobei der Preis höher ist, je seltener das Tier ist. Hände weg von solchen Souvenirs!

Trotz fast weltweitem Verbot sind Gegenstände aus Elfenbein immer noch gefragt. 55 Elefanten müssen täglich deswegen sterben. Bild: animalrescueblog

Fazit

Reisen bildet, das gilt auch heute noch, und Tourismus kann wunderbare Brücken bilden. Gerade in Zeiten der Globalisierung und des Anstossens an erste Wachstumsgrenzen (Stichwort «Overtourism») ist es jedoch nötig, den Tourismus kontinuierlich zu hinterfragen. Das gilt sowohl für Anbieter, die den Tourismus vermehrt in qualitativer Hinsicht fördern müssen, als auch für Touristen selber, deren Reisetätigkeit Auswirkungen zeitigt, die es im vornherein abzuschätzen gilt. Ethik beim Reisen ist nicht eine Spassbremse oder «Öko-Tamtam» - es geht darum, sich zu überlegen, in welcher Form man «Vergnügen» für alle Beteiligten und nicht nur für sich selber erreichen kann.