Tourismuswelt

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Wenn Reisen bilden soll, bemisst sich das nicht daran, wie schöne Bilder wir aus der ganzen Welt auf Instagram oder Facebook posten. Bild: TN

Einwurf Reisen bildet! – Bildet Reisen?

Von Felix Frei

Was tragen wir nach Hause, wenn wir die Welt als Touristinnen und Touristen besichtigen? Fragt sich Felix Frei.

Man lehnt sich nicht gerade aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass für jemanden in – sagen wir – der Schweiz, der frei verfügbare Zugang zu Wissen noch nie so gross war wie heute. Und vermutlich wurde auch noch nie so viel gereist wie heute. Man könnte also viel über den Zustand der Welt lernen, als Google-Nutzer und Tourist.

Reisen bildet, sagt man ja. Nun, dann testen Sie doch einmal Ihr Wissen über die Welt, respektive über den Zustand der Welt im Jahr 2018. Machen Sie einen kurzen Test mit nur gerade dreizehn Fragen mit je drei Antwortmöglichkeiten: Den Gapminder-Test finden Sie unter diesem Link (in Englisch).

Lesen Sie bitte erst weiter, wenn Sie die dreizehn Fragen beantwortet haben!

So: Geschafft? Haben Sie schlecht abgeschnitten? Dann geht es Ihnen wie dem grössten Teil der so genannten Experten weltweit. Jeder Schimpanse, der dreizehn Mal aus jeweils drei Bananen – beschriftet mit A, B, C – auswählen darf, besteht den Test mit 33% Richtigen. Der grösste Teil von gebildeten Leuten aus der ganzen Welt schneidet schlechter ab als die Schimpansen.

Offenbar bilden uns Tagesschau und Zeitungen mehr als Wikipedia und Reisen. Sie bilden in unseren Köpfen die Vorstellung einer Welt, der es immer schlechter geht. Unbestritten gibt es viel Übles auf der Welt. Sehr viel. Aber nichtsdestotrotz sind die objektiven Fakten klar: Es geht der Welt besser als je zuvor. Und sie bessert sich weiter, in mancherlei Hinsicht sogar galoppierend.

Lernen wir dazu, oder bestätigen wir nur unseren übervollen geistigen Vorurteileschrank?

Was tragen wir nach Hause, wenn wir die Welt als Touristinnen und Touristen besichtigen? Lernen wir dazu, oder bestätigen wir nur unseren übervollen geistigen Vorurteileschrank?

Der Gapminder-Test legt Letzteres nahe. Er stammt von Hans Rosling, einem schwedischen Arzt, der seine Erkenntnisse im Buch «Factfulness» – soeben, auch unter diesem Titel, auf Deutsch erschienen – detailliert schildert und belegt. Rosling verstarb vor einem guten Jahr. Er war der Mensch, der es schaffte, Statistiken verdaulich und anschaulich zu machen. Wir können von ihm lernen, unser Denken mehr von Fakten als von Vorurteilen leiten zu lassen.

Wenn Reisen bilden soll, bemisst sich das nicht daran, wie schöne Bilder wir aus der ganzen Welt auf Instagram oder Facebook posten. Und auch nicht daran, wie viele Pics wir auf unserem iPhone nach Hause tragen. Es bemisst sich daran, ob wir sehen, was ist. Und nicht bloss, was wir erwarten. Und ob wir das, was wir sehen, einordnen können in grössere Zusammenhänge – statt nur in unsere zentraleuropäischen Massstäbe.

Sonst geht es uns wie der Touristin, die im Lift in einem «Entwicklungsland» (ein übrigens nicht mehr tauglicher Begriff!) wie gewohnt den Fuss zwischen die sich schliessenden Türen steckte, als noch jemand angerannt kam. Der Lift kannte nur nicht die bei uns üblichen Sensoren, die in einem solchen Fall die Türe wieder öffnen. Es endete übel für den Fuss.

Am interessanten an der Geschichte ist aber die Reaktion eines Einheimischen, der fragte: «Und woher wollt ihr in Europa wissen, dass der Lift wirklich wieder die Türen öffnet, wenn ihr den Fuss dazwischen haltet?»

Weil wir in Tat und Wahrheit sehr viel mehr glauben als wissen.