Tourismuswelt

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Einreisestempel oder seitenfüllende Visa werden in Reisepässen seltener. Bild: RAS

Einwurf Wozu hat mein Reisepass eigentlich 40 Seiten?

Von Raphaël Surber

Sie sind die kleinen, heimlichen Orden eines Reisenden, die stummen Souvenirs, Weihungen des Vielreisenden – und ein probates Mittel, um im Familienkreis mal so richtig zu prahlen: die Zollstempel im Reisepass. Nun, die Zeiten haben sich geändert.

Am Flughafen Zürich gab es einst, Jahre ist es her, das Restaurant Airport. Weisse Tischtücher, chic, teuer. Ein prächtiger Luxustempel, den man stilgerecht über eine weite Treppe im 70er-Stil erreichte, die von der Halle im Terminal A (heute Terminal 1) hinaufführte. Die Aussicht aufs Rollfeld war ebenso fantastisch wie das Essen – und unten, am Fusse der Treppe, schlummerte ein Modell des Flughafens Zürich in einem riesigen Glaskasten vor sich hin. Für mich als kleiner Junge war dies damals ein multiples Vergnügen der Extraklasse und bleibt auf ewig unvergessen.

Dies nicht zuletzt deshalb, weil das eigentliche Highlight des Airport Restaurants erst zündete, wenn es ans Bezahlen ging. Zum Abschied bekam man als Knirps vom Airport Restaurant einen Pseudo-Pass, in den die Dame an der Kasse pro Besuch einen Stempel drückte – der den Einreisestempeln rund um den Globus nachempfunden war. Es war das erste Mal, dass ich (natürlich ohne es zu ahnen) mit einem Kundenbindungsinstrument in Berührung kam und in der Folge meine Eltern regelmässig zu nötigen versuchte, mit mir wieder dorthin zu fahren. Es war auch das erste Mal, dass ich in Berührung mit Pass-Stempeln kam.

Seit diesem Tag faszinieren mich Einreisestempel und ich kann nicht genug davon bekommen. Ich bin fast süchtig danach. Ich habe sogar schon versucht, meinen Pass möglichst vor Ablauf der Gültigkeit so voll zu haben, dass ich alleine aus Platzmangel einen neuen bestellen müsste.

Das hat aber leider nicht ganz geklappt – und wird von Tag zu Tag schwieriger. Denn die Zeit hat nicht nur der guten alten Flughafen-Ära und der Swissair den Garaus gemacht, sondern auch den Einreisestempeln. Ich will nicht verbergen, dass mich dieser Umstand traurig macht.

Nicht schon wieder so ein Zettel!

Dass es in Europa längst keine Einreisestempel mehr gibt, muss ich wohl oder übel akzeptieren, auch wenn ich nicht einverstanden bin. Aber dass es bei Übersee-Reisen keine Stempel mehr gibt? Ich bitte Sie! Als mir der Zollbeamte in Hongkong neulich meinen Pass zurückschob, öffnete ich diesen prüfend und musste feststellen, dass ich statt des Stempels wieder nur so einen dämlichen Zettel bekommen hatte. Ich drückte mein Unbehagen mit einem verächtlichen Blick aus und zog wortlos von dannen. Letztes Mal, so erinnerte ich mich, hat er ihn mir wenigstens noch reingetackert, so dass er jetzt auf alle Ewigkeit dortbleibt. Auch, weil ich ihn extra noch angeklebt hatte. Doppelt hält schliesslich besser. Aber diesmal haben sie sich sogar die Heftklammer gespart.

Frustriert plante ich daraufhin einen kurzen Abstecher nach Macau, in der Hoffnung, dass es wenigstens dort noch einen schönen Stempel gibt. Doch auch da gibt’s mittlerweile nur noch einen schnöden Papierfetzen – und keinen Stempel mehr. Aber naja, was habe ich auch von einem Kleinstaat erwartet, der seine Tradition komplett ausverkauft und alles in ein Kasino verwandelt, was unter dem Ansturm spielsüchtiger Festlandchinesen nicht gleich in sich zusammenzufallen droht…

Metaphysisches Reisen

Natürlich gibt es auf der Welt nach wie vor viele Staaten, die sich der kulturellen Bedeutung des Einreisestempels bewusst zu sein scheinen und diesen von ihren Zollbeamten mit viel Verve in die Pässe dieser Welt setzen lassen. Besonders lobenswert fällt hier etwa Malaysia auf, deren Stempel gleich eine halbe Pass-Seite füllen. Jawoll, so soll das sein! Für viele andere asiatische Länder muss ich ausserdem nach wie vor ein Visum erstehen. Das ist dann sozusagen der Mercedes unter den Einreise-Stempeln – und für mich als Einreise-Stempel-Fetischisten eigentlich immer jeden Rappen wert.

Manch einer mag meinen Stempel-Fanatismus belächeln. Doch Sie sollten mal sehen, wie selbst Zollbeamte genüsslich in meinem Reisepass stöbern und jeden einzelnen Stempel genau betrachten, um im Geiste von Land zu Land reisen. Es beflügelt offenbar deren Fantasie genauso wie meine. Metaphysisches Reisen sozusagen.

Tatsächlich erzählen die Stempel in einem Reisepass ganze Geschichten, sie laden zum Träumen und Schwärmen ein, wecken Erinnerungen und sind ein wichtiger Bestandteil einer Reise. Zumindest für mich.