Tourismuswelt

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Ist die Reisebranche über den Corona-Berg hinweg? Noch nicht - aber schon jetzt sollte man den Blick gen Horizont richten. Bild: AdobeStock

Kommentar Die Omikron-Welle trifft alle hart – doch 2022 kommt schon noch gut

Von Jean-Claude Raemy

Die Infektionsraten sind in praktisch allen Ländern derzeit so hoch wie noch nie während der Pandemie. Trotzdem und auch bei aller Pandemie-Müdigkeit wäre jetzt aber der falsche Moment um zu verzagen: Wir glauben, dass sich das Reisegeschäft noch 2022 wieder weitgehend erholen wird.

Aktuell scheint die Reisewelt gerade wieder still zu stehen. Täglich melden zahllose Länder neue Rekorde bei den Corona-Infektionen, es werden Flüge und Kreuzfahrten annulliert, die Einreise wird da und dort auf 1G beschränkt, statt Reise-Inspirations-Lust zum Jahresbeginn herrscht aktuell Flaute, zumal auch fast alle Reisemessen ausfallen. Die Lage präsentiert sich auch zu Beginn des dritten Pandemiejahres vermeintlich wie ein Jammertal. Und doch darf man jetzt nicht den Kopf hängen lassen, denn es ist nicht einfach alles so wie schon zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Es ist vor allem an der Zeit, jetzt auch mal positiv zu denken.

Beginnen wir mit den medizinischen und behördlichen Positionen zu Corona. Im Rahmen der neusten Leitlinien hat der Bundesrat die Quarantäneanforderungen um die Hälfte reduziert, während die WHO darauf hingewiesen hat, dass Omikron zwar hochgradig übertragbar, aber für geimpfte Bevölkerungsgruppen weit weniger kritisch ist. Klar, diese jüngste Welle belastet die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt erneut. Die meisten Experten gehen aber davon aus, dass Omikron Mitte Januar seinen Höhepunkt erreicht und sich die Situation danach entspannen wird. Man darf also hoffen, dass die Covid-Massnahmen, in der Praxis immer noch allzu oft inkonsequent und verwirrend (gerade im internationalen Vergleich), schon bald wieder einer grösseren Reisefreiheit Platz machen werden. Klar ist: Die Reisebranche wurde ungerechterweise mit Massnahmen bestraft, welche das relative Risiko im Vergleich zu anderen sozialen Aktivitäten nicht widerspiegeln. Dass dies nach den Fehltritten 2020 auch 2022 immer noch so ist, ist enttäuschend, aber wir sind zuversichtlich, dass sich dies in naher Zukunft ändern wird.

Obwohl jetzt wegen Omikron die Reaktionen der Regierungen weltweit wieder uneinheitlich sind, Grenzkontrollen wieder strenger wurden und Einreiseverbote immer noch da und dort gelten, bleiben vielerorts die Grenzen wenigstens offen - noch verbunden mit Impf- und/oder Maskenvorgaben, aber immerhin. Man kann davon ausgehen, dass viele Kontrollen ab Februar wieder gelockert werden, zumal die Politiker optimistischer über den weiteren Verlauf der Pandemie sind als noch 2020 oder 2021, Impfung sei dank.

Aktuell dezimiert Omikron bzw. das dazugehörige Quarantäneregime das arbeitende Personal in der ganzen Wirtschaft; in der Reisebranche ist dies beim Flugpersonal, aber auch beim Grenz- und Sicherheitspersonal, bei Hotelangestellten, im Kreuzfahrtbereich und mehr ebenfalls deutlich spürbar. Wir bewegen uns gerade in Europa immer noch auf Rekordhöhe bei den Infektionen, jedoch werden die Stimmen immer lauter, welche besagen, dass die reine Menge an Infektionen wenig Aussagekraft über den Ernst der Pandemie (z.B. in Bezug auf die Belastung des Gesundheitssektors) hat.

Worauf läuft das alles hinaus?

Die vorherrschende Meinung scheint zu sein, dass mittelfristig Covid-Impfungen in vielen Ländern für internationale Reisen vorgeschrieben sein werden. Im technologischen Bereich stellt man sich darauf ein; viele Unternehmen arbeiten an der Weiterentwicklung digitaler Gesundheitspässe, mit denen der Impfstatus und möglicherweise auch Testergebnisse schnell übermittelt werden können. Wobei man wohl davon ausgehen kann, dass Impfungen die hauptsächliche institutionelle Massnahme sind und die Testpflicht heruntergefahren wird, wie das Beispiel von England zeigt.

Da trotz immer noch vielen dezidierten Impfgegnern die allgemeine Durchimpfung weiter steigt, geht man inzwischen davon aus, dass sich die Situation im Verlauf des Frühjahrs 2022 wieder entspannen wird. Und dann wird es wieder eine starke Reise-Nachfrage geben. Das hat sich durch die Pandemie hindurch gezeigt: Wo es Lockerungen gab, kehrte die Nachfrage sofort zurück. Darüber hinaus gibt es diverse Studien, welche besagen, dass die Konsumentenstimmung mittelfristig recht optimistisch ist, also viele in diesem Jahr im Ausland Ferien zu verbringen beabsichtigen.

Das heisst: Auch wenn Omikron jetzt wieder für kurzfristige Stornierungen sorgt oder die normalerweise im Januar übliche Buchungssaison stark drosselt, dürfte der «Buchungsstau» auf den Frühling hin soviel Druck entwickeln, dass auf den Sommer hin richtig was geht. Das konnte ja schon 2021 beobachtet werden, und dürfte dieses Jahr noch verstärkt eintreffen. Der Nachholbedarf wird im Leisure-Sektor wie auch im Geschäftsreisesektor zu spüren sein: Hybride Meeting-Modelle werden 2022 zwar noch Bestand haben, aber wohl nach der Omikron-Welle wieder verstärkt auf persönliche Meetings umgestellt.

Bleibt die Frage, was mit den Preisen geschieht. Manche Reiseveranstalter und Airlines operieren bereits wieder mit recht aggressiven Preisen; die vielen Frühbucherrabatte dagegen, die nun in der «Saure-Gurken-Zeit» Abhilfe schaffen sollten, dürften aber in der Wirkung weitgehend verpuffen. Hiess es 2020 noch, viele Haushalte hätten pandemiebedingt Einsparungen erzielen können, ist dieser Effekt gerade in der Schweiz infolge wenig Teuerungsanpassungen und bei vielen auch reduzierten Einkommen infolge Kurzarbeit wohl weniger zu sehen. Das könnte bedeuten, dass weniger oft oder weniger teuer gereist wird - aber wohl kaum, dass nicht gereist wird. Sprich: Im High-End-Markt könnten durchaus höhere Preise verlangt werden, während der Rest des Marktes eine Preisschwäche erlebt. Das schafft Herausforderungen für den «Mittelstands-Reisemarkt», da die Reisenden in Bezug auf die Reisequalität und den Reisepreis entweder aufsteigen (weil sie es sich leisten können) oder absteigen (weil sie es müssen).

Ausblick

Auch Travelnews besitzt keine Kristallkugel und wir haben gelernt, dass in jüngster Zeit das einzig Beständige die Unbeständigkeit ist. Und doch denken wir, dass 2022 der Weg aus der Krise endlich gefunden wird. Was nicht heisst, dass die Reisenachfrage und damit die Umsätze sofort explodieren und es ab Frühjahr/Sommer einfach «wieder 2019» sein wird.

Die Reisebranche wandelt sich weiterhin, wobei der Wandel wegen Corona an Geschwindigkeit zugenommen hat. Künstliche Intelligenz und Blockchain, in der breiten Reisepraxis noch wenig angewendet, werden weiterhin an Terrain gewinnen, ebenso wie moderne, datengesteuerte Marketing- und CRM-Möglichkeiten. Investorengeld fliesst primär zu (Reise-)Unternehmen, welche im digitalen Sektor Quantensprünge versprechen, derweil sich parallel dazu kleinere Spezialisten mit direktem und gepflegtem Kundenkontakt eine gute Nische im Markt sichern können.

Wir hoffen sehr, solche Themen schon in Kürze verstärkt beleuchten zu können und uns weniger mit täglich veränderten Einreisebestimmungen herumplagen zu müssen. Wenn dies eintrifft, darf man 2022 dann durchaus als Comeback-Jahr betiteln.