Tourismuswelt

Impfung_kaja-reichardt.jpg
Wer den Piks hat, muss fürs Reisen deutlich weniger Hürden auf sich nehmen und hat eine grössere Destinations-Auswahl. Was wiederum heisst, dass die tiefe Impfquote im DACH-Raum die Reisetätigkeit eindämmt und dementsprechend das Tourismusgeschäft schwächt. Bild. Kaja Reichardt

Riskieren wir einen touristischen DACH-Schaden?

Die Impfquote ist europaweit nirgends so niedrig wie in der Schweiz und unseren deutschsprachigen Nachbarländern. Das könnte auf dem Weg zur touristischen Erholung zum Pferdefuss werden.

Eine Grafik, welche die «Financial Times» kürzlich publizierte, lässt aufhorchen: Eine Analyse der Covid-Impfquoten pro Land ergibt für Westeuropa das ernüchternde Bild, dass Österreich, die Schweiz und Deutschland mit deutlichem Abstand die niedrigste Impfquote aufweisen. In Österreich und der Schweiz haben über 24 Prozent der Bevölkerung ab 12 Jahren keine Impfung, in Deutschland über 22 Prozent; es folgt Schweden mit 16 Prozent, die restlichen Länder bewegen sich alle unterhalb der 14-Prozent-Schwelle.

In der globalen Impf-Rangliste sind Gibraltar und Malta (prozentual) führend, bei den grösseren Ländern schwingt in Europa Portugal obenauf - wo das Leben mehr oder weniger wieder seinen normalen Gang geht. In den USA waren Anfang November immerhin 58,4 Prozent geimpft; die Quote der Ungeimpften liegt dort also bei 41,6 Prozent und somit deutlich höher als in der Schweiz. Andere Länder, in Europa vor allem Osteuropa, aber vor allem auch Länder in Asien und Afrika, haben bislang nur sehr wenige oder gar keine ihrer Bürger geimpft - was mindestens zum Teil die Tatsache widerspiegelt, dass die Länder einen ungleichen Zugang zu Impfstoffen haben.

Die Schweiz mag also in Westeuropa einen Impf-Schlussrang belegen; im globalen Vergleich stehen wir nicht so schlecht da. Dennoch muss man sich die Frage stellen, was die tiefe Impfquote - bei genügend vorhandenem Impfstoff - für Auswirkungen haben könnte. Was heisst dies vor allem für die «touristische Erholung» der Schweiz? Kann die tiefe Impfquote zum Pferdefuss werden? Dafür muss man unterscheiden zwischen dem Incoming- und dem Outgoing-Sektor.

Für den Outgoing-Sektor sagt etwa André Lüthi (VR-Präsident Globetrotter Group) gegenüber Travelnews: «Sehr viele Reiseländer haben die so genannten ‹Risikolisten› abgeschafft. Einreisekriterium ist dann in den meisten Fällen, ob man die Impfung hat, oder allenfalls einen kürzlich durchgeführten Test. Wer geimpft ist, wird also nicht am Reisen gehindert; wer ungeimpft ist, kann hingegen zahlreiche Länder bis auf Weiteres wohl nicht bereisen. Das heisst also, dass rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung aktuell nicht reisen kann, oder nur zu wenigen Zielen. Das dämpft natürlich die Nachfrage bei Reiseanbietern. Wir gehen inzwischen davon aus, dass die 2019er-Zahlen frühestens ab 2025 wieder erreicht werden.» Lüthi zufolge gebe es zwar durchaus viele Ungeimpfte, welche gerne in die USA oder nach Thailand reisen würden, dies aber nicht tun - und offenbar lieber abwarten, als sich impfen zu lassen. «Wenn die Schweiz wie jetzt Österreich aber auf 2G umstellt, könnte es nochmals einen Impfschub geben, wie man dies aktuell in Österreich beobachten kann», sagt Lüthi. Er sieht aber das grössere Problem ohnehin im Incoming-Bereich: «Wenn in den Medien immer wieder kolportiert wird, dass die Schweiz zu den impfschwächsten Ländern gehört, wird das die Nachfrage aus dem Ausland sicherlich dämpfen.»  

«Reise-Restriktions-Liste steht im Moment nicht zur Diskussion.»

Zur aktuellen Situation, dass die Schweiz europaweit eine der tiefsten Impfquoten hat und deutlich steigende Infektionszahlen aufweist, sagt Markus Berger, Mediensprecher von Schweiz Tourismus: «Seit Sommer spricht sich Schweiz Tourismus klar fürs Impfen aus und sieht darin auch den einzigen Weg aus der schwierigen Situation. Wir hoffen daher, dass sich auf die Wintersaison hin möglichst alle im Tourismus beschäftigten Menschen impfen lassen, damit wir unseren Gästen ein sicheres Umfeld bieten können.»

Und ob Schweiz Tourismus Bedenken habe, dass nun gewisse Quellländer ein Reiseverbot Richtung Schweiz aussprechen könnten? Dazu sagt Berger: «Dass die Schweiz auf eine Reise-Restriktions-Liste kommen könnte, steht im Moment nicht zur Diskussion, da die Situation trotz eher tiefer Impfrate – immerhin höher als in Österreich –, insbesondere auf den Intensivstationen glücklicherweise nicht kritisch ist. Reisen in der Schweiz sind nicht zuletzt dank der guten Zertifikatslösung problemlos möglich.»

Ungeimpfte werden gestraft

Nicht alle DACH-Länder reagieren aber gleich. In Deutschland gibt es noch eine Risikoliste. Und Österreich greift gerade ziemlich durch. Unser östlicher Nachbarsstaat reagiert auf die hohen Infektionszahlen (die mit immer volleren Intensivstationen einhergehen) und die gleichzeitig tiefe Impfquote im Land und straft die ungeimpfte Bevölkerung - aber auch ungeimpfte Touristen - ab. Seit dem 8. November gilt in vielen Bereichen 2G (geimpft, genesen). Der Zutritt beispielsweise zu Beherbergung, Gastronomie oder Seilbahnen ist nur mit 2G-Nachweis möglich. Die Einreise wiederum ist weiterhin unter 3G (geimpft, genesen, getestet) möglich und für die meisten Länder, darunter die Schweiz, wird nach dem Grenzübertritt keine Quarantäne verhängt. Das gültige Covid-Zertifikat muss unbedingt mitgeführt werden.

Seit heute (15. November) hat Österreich zudem aufgrund der steigenden Infektionszahlen einen Lockdown für Ungeimpfte beschlossen. Verlassen darf das Haus nur, wer von Covid genesen oder vollständig gegen die Krankheit geimpft ist, ausser es handelt sich um dringende Gründe, etwa Lebensmittel-Einkäufe, Arbeit oder Ausbildung sowie zur körperlichen Erholung. Voraussichtlich werden die Einschränkungen bis zum 24. November bestehen.

Deutschland hat übrigens bereits auf die verschlechterte Covid-Situation in Österreich reagiert: Das Robert-Koch-Institut stuft Österreich seit dem 14. November als Hochrisikogebiet ein, weil die sieben-Tage-Inzidenz pro 100'000 über 100 beträgt. Österreichische Einreisende müssen also neuerdings ein elektronisches Formular auf einreiseanmeldung.de ausfüllen und dieses mit sich tragen. Zudem ist eine zehntägige Quarantäne obligatorisch – jedoch nur für Personen, welche keinen Nachweis über eine vollständige Impfung oder Genesung vorweisen können.

Steigen die Infektionszahlen auch hierzulande rasant an, droht auch der Schweiz, dass sie von anderen Ländern wieder als Hochrisikogebiet eingestuft wird. Es bleibt aber zu hoffen, dass – wie im Beispiel Österreich und Deutschland – nur ungeimpfte Personen von Verschärfungen der Einreisebestimmungen betroffen sind und nicht kategorisch Länder abgestraft werden.

Ist die Impfung wirklich zum Reisen notwendig?

In gewissen Ländern (z.B. eben USA) ist die Impfung für die Einreiseerlaubnis zwingend. Für manche Länder reicht auch die Vorlage eines negativen PCR-Tests, dazu gehören etwa Spanien, Griechenland oder auch die V.A.E. - oder auch die Seychellen, welche die Vorlage des PCR-Tests auch von Geimpften verlangen. In diesen Ländern war zuletzt die Nachfrage denn auch besonders hoch. Es bleibt aber festzuhalten, dass sich die Einreisebestimmungen je nach Lage der Infektionsentwicklung wieder verschärfen kann; wer aber vollständig geimpft ist, wird kaum mehr mit Ausschlüssen zu rechnen haben, was eine gewisse Planungs-Sicherheit vermittelt. Wer eine Covid-Impfung hat und dies nachweisen kann, wird in der Regel also vergleichsweise problemlos reisen können.

Hinzu kommt, dass auf der Liste der zugelassenen Impfstoffe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer mehr Impfstoffe drauf sind, was wiederum heisst, dass (geimpfte) Personen aus immer mehr Ländern die Schweiz bereisen können.

Und noch etwas: Jene Länder, die über eine hohe Impfquote verfügen, kommen mit der neuen «Winter-Welle» deutlich besser klar, wie folgende Grafik verdeutlicht - was für den Winter-Tourismus von entscheidender Wichtigkeit sein kann.

(JCR/GWA/NWI)