Tourismuswelt

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Travelnews-Reporterin Nina Wild lässt sich die Vorfreude auf die wilden Strände im mexikanischen Puerto Escondido nicht vermiesen. Bild: Lorraine Mojica

Kommentar Sorry, aber ich habe kein schlechtes Gewissen

Von Nina Wild

Nach 1,5 Jahren Reiseentzug habe ich mich entschieden, nächste Woche nach Mexiko zu reisen. Die Vorfreude hat jedoch einen bitteren Beigeschmack.

Anfang März konnte ich eines Abends nicht einschlafen. Ich war gefangen in meinen eigenen Gedankenkreisen und Sätze wie «dieses Jahr wirst du schon 25 Jahre alt» und «jetzt ist schon bald ein Viertel des Jahres 2021 um, und du hast noch immer nichts Aufregendes erlebt», schwirrten mir durch den Kopf. Also buchte ich direkt am nächsten Tag, ohne gross zu überlegen, meinen Flug nach Mexiko für eine dreiwöchige Reise Ende März. So gut und glücklich und vor allem erfüllt mit Vorfreude und bereit, mich ins Abenteuer zu stürzen, habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass wir uns noch mitten in der Pandemie befinden. Dennoch haben mich die Reaktionen aus meinem Umfeld zunehmend verunsichert: «Findest du es wirklich eine gute Idee, jetzt ins Ausland zu reisen?», «Genau wegen Leuten wie dir, werden wieder neue Corona-Fälle in die Schweiz eingeschleppt», «Ich verstehe nicht, wieso man in dieser Situation nicht einfach einmal auf das Reisen verzichten kann», «Du weisst aber schon, dass es in Mexiko jetzt noch gefährlicher ist, weil durch die Pandemie die Armut gestiegen ist?», «Viel Spass dann, wenn der Corona-Test vor der Rückreise positiv ausfällt und du nicht zurückkommen kannst, weil du in Quarantäne musst.» Okay, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Zunehmend werde ich mehr und mehr verunsichert, ob ich das Richtige tue - obwohl ich ja eigentlich weiss, dass es sich für mich richtig anfühlt.

Die Pandemie hat die Meinung zum Reisen extrem verändert. Sicherlich ist noch in vielen Köpfen das Mantra «bleiben Sie zuhause» von Bundesrat Alain Berset verankert. Tatsächlich rät die Regierung noch immer von nicht notwendigen Auslandsreisen ab, ein faktisches Reiseverbot besteht aber nicht. Gleichzeitig hat auch Mexiko kein Einreiseverbot für Ausländer verhängt. Wieso sollte ich meine Möglichkeiten also nicht nutzen?

Gesunder Menschenverstand

Ich bin überzeugt, dass die Wahrscheinlichkeit, mich in Mexiko mit dem Coronavirus anzustecken, nicht höher ist als hier. Sofern ich die gängigen Hygieneregeln einhalte, auf Abstand gehe und in geschlossenen Räumen eine Maske trage. Natürlich gehe ich ein Risiko ein - aber das tue ich auch, wenn ich in Zürich bei schönem Wetter mit hunderten Menschen an der Seepromenade spazieren gehe. Hinzu kommt, dass ich ja ohnehin ein negatives Testergebnis für die Rückreise in die Schweiz vorlegen muss, sodass es höchst unwahrscheinlich ist, das Virus in die Schweiz zu importieren.

Ich glaube auch nicht, dass es in Mexiko nun gefährlicher ist zu reisen als noch vor der Pandemie. Es ist bekannt, dass das Land politisch instabil ist, ein trauriger Drogenkrieg herrscht und es passieren kann, dass Touristen ausgeraubt werden. Aber diese Probleme waren vorher schon da. Natürlich sollte man nicht leichtsinnig sein und ein gesundes Mass an Vorsicht walten lassen sowie gefährliche Gebiete nicht besuchen. Genauso wie ich es vor zwei Jahren in El Salvador, Guatemala und Kolumbien gemacht habe - und mich auch alle gewarnt haben, wie gefährlich diese Länder doch sind. Vielmehr sehe ich es aber als positiv an, dorthin zu reisen und mein Geld in lokalen Restaurants, an Marktständen und in kleinen Unterkünften auszugeben und damit die Bevölkerung und lokale Wirtschaft zu unterstützen. Denn genau diese Menschen sind jetzt mehr denn je auf ausländische Gäste angewiesen.

Es lässt mein Herz bluten, wenn ich sehe, wie sich die ganze Touristikbranche seit Ausbruch der Pandemie verändert hat. Die Reisebüros fürchten um ihre Existenzen, hunderte Jobs gingen in der Schweiz bereits verloren, der Flugverkehr ist weitgehend lahmgelegt und Kreuzfahrschiffe liegen in den Häfen statt dass sie auf den Weltmeeren unterwegs sind. Doch die Branche kämpft sich durch und bleibt trotz der Situation immer optimistisch. Das einzige, was ich in dieser Situation tun kann, ist ein positives Zeichen zu setzen und trotzdem zu verreisen und so immerhin einen kleinen Beitrag zur Erholung zu leisten. Und vielleicht so andere Menschen inspirieren, ihrerseits eine Auszeit zu nehmen.

Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, warum diese negative Einstellung und Angstschürerei zum Reisen plötzlich in der Breite angekommen ist. Ich habe jedenfalls null schlechtes Gewissen, dass ich diese Reise antreten werde und lasse mir die Vorfreude auch nicht vermiesen. Im Gegenteil: Ich freue mich auf die aufregende Zeit ausserhalb meiner Comfort-Zone.