Tourismuswelt

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Das Ärztepaar Danielle Gyurech und Julian Schilling betreibt die Travel Clinic in Zürich - und ist mit der ganzen Impfthematik bestens vertraut. Bild: zVg

«Wir erachten eine generelle Impfpflicht als unwahrscheinlich»

Von Jean-Claude Raemy

Dr. med. Julian Schilling betreibt mit seiner Partnerin Danielle Gyurech die Travel Clinic in Zürich. Gegenüber Travelnews äussert er sich zum aktuell dringlichen Impfthema und zu weiteren reiserelevanten gesundheitlichen Themen.

Die Travel Clinic Zürich ist seit über 25 Jahren auf Anfragen von Reisenden, tropenmedizinischen Diagnosen und der prophylaktischen Vorbereitung von Reisenden spezialisiert. Die Inhaber der Praxis, PD Dr. med. Julian Schilling und Dr. med. Danielle Gyurech, sind selber passionierte Reisende und kennen sich dadurch auch bestens mit der ganzen Thematik von «Impfungen als Bedingung für Reisen» aus. Wer könnte da besser Auskunft geben zu aktuellen Impf-Themen rund um die von Covid-19 durchgeschüttelte Reisewelt? Travelnews hat sich mit Dr. Schilling über den aktuellen Stand der Dinge unterhalten.


Herr Schilling, gibt es momentan in der Travel Clinic mehr als üblich zu tun?

Nein, wir haben deutlich weniger Kunden als üblich. Das ist auch nicht erstaunlich, weil ja massiv weniger gereist wird.

Wir dachten dabei vor allem an Anfragen rund um das Thema Impfen.

Natürlich gibt es hierzu Fragen, aber die Faktenlage ist noch dünn. Ausserdem können wir in unserer Praxis noch keine Corona-Impfungen durchführen.

Warum eigentlich?

Wir haben keine Impfstoffe! Das Problem ist ja bekannt: Es gibt in der Schweiz Lieferschwierigkeiten. Und das wenige, was vorhanden ist, wird prioritär an Altersheime, Spitäler und dergleichen geliefert. Sogar als spezialisierte Praxis landen wir da hinten auf dem Lieferungskalender.

Wann rechnen Sie denn damit, Covid-Impfstoffe zu erhalten?

Zuerst hiess es März, dann April. Ende April oder Anfang Mai sollte es soweit sein.

An eine Durchimpfung der Schweizer bis zum Sommer glauben Sie also nicht?

Nein, dieser Zeitrahmen ist nicht mehr realistisch. Mit Wehmut denkt man dabei an die Zeit zurück, als es noch das Schweizerische Serum- und Impfinstitut Bern - die «Berna» - gab, welche in Eigenregie hochwertige Impfstoffe gegen epidemische Krankheiten wie Diphterie, Cholera, Polio, Typhus, Hirnhautentzündung, Hepatitis oder Influenza herstellte. Die Berna wurde 2006 übernommen und ist inzwischen Teil eins amerikanischen Pharmaunternehmens.

«Noch präliminäre Studien zeigen erfreulicherweise gute Resultate der beiden mRNA-Impfstoffe.»

Sprechen wir doch einmal über die verschiedenen Impfstoffe. Gibt es da bessere und schlechtere? Was können Sie dazu sagen?

Grundsätzlich gilt festzuhalten, dass verlässliche, also über eine gewisse Zeitdauer erhobene Impfdaten, noch nicht vorliegen. Weltweit wurden jedoch noch nie in so kurzer Zeit so viele neue Impfungen verabreicht. Noch präliminäre Studien zeigen erfreulicherweise gute Resultate der beiden mRNA-Impfstoffe. Die Impfung von AstraZeneca wurde letzte Woche in gewissen EU-Staaten vorläufig gestoppt. Der Impfstoff von Johnson&Johnson bekommt wahrscheinlich demnächst die Zulassung und hat den Vorteil, dass man nur einmal impfen muss. Die chinesischen Impfstoffe der Firmen Sinopharm, Sinovac Biotech und CanSino und die russische Variante Sputnik V haben gute Resultate erzielt.

Die Covid-Impfung wird als Allerheilmittel zur Beseitigung der Pandemie angesehen. Teilen Sie diese Meinung?

Wie bei anderen impfbaren Krankheiten wie zum Beispiel Masern ist eine hohe Durchimpfung notwendig, um die Krankheit anhaltend einzudämmen. Allerdings gibt es aktuell noch zahlreiche offene Fragen. Ein Impfstoff ruft Antikörper hervor. Es ist anzunehmen, dass nicht alle Impfstoffe gleich immunogen wirksam sind. Es wird sich in der Zukunft zeigen, welche Impfstoffe zu welchem Prozentsatz und in welchem Alter effektiv vor der Krankheit schützen. Zudem ist noch offen, ob die verschiedenen Impfungen nur zu einem milderen Verlauf der Krankheit führen oder in jedem Fall vor der Krankheit selbst schützen. Dazu fehlen auch noch Daten, welche zeigen, dass die Impfungen zu einem hohen Prozentsatz auch vor einer Übertragung von Viren schützen. Also ob ein Geimpfter zwar selber geschützt ist, die Krankheit jedoch trotzdem weitergeben kann. Dann wäre die Impfung für die Reisebranche nutzlos, weil kein Land solche «unsicher» Geimpften haben will.

Darüber hinaus gibt es noch das Thema der Schutzdauer einer Impfung. Zum Beispiel schützt eine zweistufige Hepatitis-A-Impfung über 30 Jahre, eine herkömmliche Grippeimpfung dagegen nur 4 bis maximal 6 Monate. In welchem Zeitspektrum wir uns bei den Covid-Impfungen bewegen, wird die Zukunft zeigen.

Man sagt immerhin, dass jene, welche bereits eine Covid-Erkrankung hatten, für mindestens drei Monate sicher sind vor einer neuerlichen Ansteckung.

Das ist bloss eine Kennzahl. Inzwischen zeichnet sich ab, dass bei bereits Erkrankten mindestens sechs Monate Antikörper nachweisbar sind. In Anlehnung an andere Viren gehen wir davon aus, dass Genesene mehrere Jahre lang nicht mehr an Corona erkranken oder die Krankheit wesentlich milder verläuft. Es gibt aber sicher Ausnahmen. Das würde bedeuten, dass sich «schon Erkrankte» nicht alljährlich impfen müssten. Aber wie gesagt, da warten wir noch auf verlässlicheres Datenmaterial.

«Die Behörden sind in Bezug auf die Reisefreiheit in einer Art Überreaktion gefangen.»

Fakt ist doch aber auch, dass Corona nicht weggehen wird, sondern dass wir damit zu leben lernen müssen. Wie sehen Sie das?

Es ist wie Sie sagen: Coronaviren gibt es schon lange, und die aktuelle Pandemie ist eine besonders aggressive Variante. Wir wollen nichts beschönigen: Es gibt sehr schwere Verläufe, auch bei jungen Menschen, und Langzeit-Covid ist natürlich noch nicht genügend erforscht. Man muss Covid-19 also durchaus ernst nehmen.

Trotzdem sind wir der Meinung, dass die Massnahmen weltweit übertrieben und darüber hinaus noch unkoordiniert sind. Beispielsweise hat Auckland in Neuseeland wegen einem einzigen Fall die ganze Stadt in einen Lockdown versetzt, man stelle sich das mal vor! Die Verhältnismässigkeit der Reaktionen von Behördenseite ist längst nicht mehr für alles gegeben.

Aber wie soll denn der «Ausstieg» aus der Krise geschafft werden?

Es wird zunächst über den Weg der Impfung gehen. Nur wird das nicht so schnell geschehen, wie es manche gerne hätten. Es braucht noch weitere Forschung und Studien. Ein Ausstieg wäre auch durch ein Medikament zur wirksamen Behandlung möglich. Eine andere Möglichkeit ist ein Verlauf wie damals bei SARS oder MERS: Beide Krankheiten waren auch durch Coronaviren hervorgerufen und sind ganz von selbst nach etwa zwei Jahren, vielleicht durch Mutationen, wieder verschwunden.

Schauen Sie: Wie oft wurde - gerade in der Reisebranche - schon ein Blick in die Glaskugel gewagt, und wie oft stellten sich die Prognosen als komplett falsch heraus? Man dachte zunächst, im Sommer 2020 sei alles wieder gut, dann rechnete man mit dem Herbst, dem Winter, nun ist Frühling und die Welt ist in Bezug aufs Reisen weiterhin in einem Quasi-Lockdown.

Sie sagen also, dass Impfen die Lösung ist, sind jedoch auch skeptisch?

Natürlich. Wir sind als Ärzte alles andere als Impfgegner, wissen aber auch, dass man mit neuen Impfstoffen vorsichtig sein muss. Zum Beispiel wurde eine Phase-3-Studie auf den Philippinen mit einem neuen Impfstoff gegen Dengue wegen Nebenwirkungen und sogar Todesfällen vorzeitig abgebrochen. Ein zugelassener nasaler Impfstoff gegen Grippe wurde in der Schweiz in der Postmarketingphase wegen Lähmungen des Gesichtsnervs wieder vom Markt genommen. Es ist auch bei den verschiedenen Covid19-Impfungen möglich, dass Langzeitnebenwirkungen auftreten könnten. Das weiss man nach so kurzer Zeit noch nicht.

Was ist denn nun, kurzfristig gesehen, ihr Rat?

Ich denke, die Behörden sind immer noch weltweit oftmals in einer Art Überreaktion gefangen, gerade in Bezug auf die Reisefreiheit. Ich hoffe sehr, dass mehr oder weniger normales Reisen ab 2022 wieder möglich sein wird. Hände waschen war schon immer wichtig und ist es nun umso mehr. Ebenso das Einhalten von vernünftigen Distanz-Regeln. Ansonsten sehe ich auf einer Reise in eine abgelegene Gegend nicht mehr Gefahrenpotenzial als beim Aufenthalt in der Stadt Zürich.

Und was das Impfen angeht: Es braucht einfach saubere Daten zur Langzeit-Verträglichkeit und Zeit. Wichtig dabei bleibt auch, dass es im Moment weltweit wesentlich mehr Menschen gibt, welche die Krankheit gehabt haben, als Geimpfte. Wahrscheinlich brauchen sich diese nicht mehr impfen zu lassen, wodurch für die anderen mehr Impfdosen zur Verfügung stehen würden.

Kommt demnächst eine Impfpflicht?

Wir erachten eine generelle Impfpflicht als unwahrscheinlich. Insbesondere so lange noch unbekannt ist, wie lange die verschiedenen Corona-Impfungen gültig bleiben. Letztlich wird es sein wie beispielsweise bei Gelbfieber oder Masern: Länder legen Regeln hinsichtlich benötigter Impfungen für die Einreise fest. An diese hat man sich zu halten. Von einem aktiven Impfzwang kann also nicht die Rede sein.

Aber wer in bestimmte Länder reisen will, wird eben eine Impfung oder wie bei Masern für verschiedene Südseeinseln einen positiven Antikörpertitel im internationalen Impfausweis vorlegen müssen. «Courant normal» also...