Tourismuswelt

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David Ruetz, Head of ITB Berlin: «Aussteller, Medien und Fachbesucher profitieren daher von dem pandemiebedingten Digitalisierungsschub.» Bild: zVg

ITB der Zukunft: «Das Stichwort heisst hybrid»

Von Jean-Claude Raemy

Die weltweit grösste Reisemesse ITB Berlin wird 2021 als rein virtueller Event durchgeführt – mit 500 Ausstellern aus 109 Ländern. Wie geht das überhaupt und was wird dies für künftige Ausführungen der ITB bedeuten? David Ruetz, Head of ITB Berlin, nimmt Stellung.

Herr Ruetz, die ITB ist bezüglich Ausstellern, Besuchern und auch Formaten wie Events und Vorträge ein gigantischer Anlass. Wie kriegt man eine solche Messe in ein Online-Format?

Es ist nicht einfach, die seit 1966 weltweit führende Messe der globalen Reiseindustrie zum ersten Mal komplett digital zu «verpacken». Durch die rein digitale Umsetzung der Veranstaltung mussten wir unser Angebot jedoch nicht kürzen, sondern konnten dieses sogar noch erweitern.

So ist ITB Berlin NOW bereits ab Mitte Februar für Aussteller, Medien und Fachbesucher verfügbar - zunächst können sie sich mit der Plattform vertraut machen, erste Kontakte knüpfen, Termine vereinbaren, Kongress-Sessions, Pressekonferenz-Termine speichern oder das eigene Profil bespielen. Die Inhalte der Veranstaltung werden sogar nach Messeende über den 12. März hinaus noch verfügbar sein: Pressekonferenzen und Kongressinhalte werden On-Demand bis zum 31. Mai zur Verfügung stehen. Genauso wie die Plattform selbst, zum Beispiel um mit bestehenden Kontakten via Chat weiter in Verbindung zu bleiben. Ausserdem haben wir die Anmeldefrist für Aussteller verlängert. Das wäre bei einer physischen Messe allein wegen des Standaufbaus unmöglich. Unsere Aussteller, Medien und Fachbesucher profitieren daher von dem pandemiebedingten Digitalisierungsschub.

Wie muss man sich die ITB 2021 denn konkret vorstellen? Wie wird das vonstatten gehen?

Man muss sich die Messe als eine Kombination aus Netflix, Zoom und Linked-In vorstellen. Kongress-Sessions werden gestreamt, mit den Ausstellern kann man via Videocall in Kontakt treten und das Business-Netzwerk wird  über ein smartes «Match-Making» realisiert und ausgebaut, insbesondere durch unseren «Discovery Graph». Am 8. März findet unser Soft-Opening statt: Eine Art Einführungstag, der allen Teilnehmern Orientierung bieten soll, um dann auch digital startklar für die kommenden vier Tage zu sein. Wir geben damit die Möglichkeit, die Plattform einen Tag vor Eventbeginn, auf Herz und Nieren zu testen und sich vor allem mit allen Funktionen vertraut zu machen. Unsere Plattform ist so vielseitig, wie es sowohl unsere Branche als auch die physische Messe in ihrer bisherigen, analogen Form war, da wäre es nicht ratsam, sich erst am ersten Veranstaltungstag mit der Plattform auseinander zu setzen. Vom 9. bis 12. März trifft sich dann das Who’s Who der globalen B2B-Reisebranche live auf der neuen digitalen Plattform ITB Berlin NOW. Sie können in Video-Chats Termine umsetzen, in thematischen Cafés Gleichgesinnte treffen und darüber hinaus die Inhalte des Kongressbereichs streamen.

Auf welche technologische Plattform wird gesetzt und was muss man an IT-Voraussetzungen mitbringen?

Besondere technologische Hürden für Teilnehmer gibt es nicht. Unsere Plattform basiert auf dem Server von Amazon AWS und wir stellen in den nächsten Tagen Video-Tutorials zur Verfügung. Ausserdem haben wir technische Ansprechpartner in unserem Service Support Center.

Wie kann ich Aussteller besuchen? Und sind die Kongressinhalte interaktiv, d.h. kann man Fragen stellen?

Die Aussteller lassen sich anhand der alphabetischen Suche ganz einfach finden – bereits Wochen vor dem Start, sobald der Aussteller sein Profil, seine Brand-Card, angelegt hat. Dann können Sie den Aussteller per private Nachricht kontaktieren. Sie können das Profil teilen, seine Visitenkarte speichern oder seine Produkte studieren. Die Kongressinhalte haben unterschiedliche Formate, von der Paneldiskussion bis hin zum 1:1 CEO-Talk. Bei allen Inhalten ist eine interaktive Teilnahme möglich, wenn auch in unterschiedlichen Formaten wie Video, Audio oder Chat.

«Man muss sich die Messe als eine Kombination aus Netflix, Zoom und Linked-In vorstellen.»

Wie schafft man in solch einem Umfeld neue bzw. pflegt man bestehende Kontakte?

Bestehende Kontakte lassen sich unkompliziert über die Suchfunktion finden. Durch den KI-basierten «Discovery-Graph» werden Ihnen Business-Kontakte, die zu Ihnen passen, vorgeschlagen. Für das Networking ist das A&O aber die Profilpflege, denn die Kontaktvorschläge basieren auf Künstlicher Intelligenz. Je ausführlicher ein Profil gepflegt ist, umso mehr passende Kontakte können angeboten werden. Die Features und Funktionen werden den meisten sehr bekannt vorkommen, da sie sich an bekannten Social Media-Plattformen orientieren.

Was lässt sich zur Ausstellerzahl sagen?

Am 15. Januar endete die Frühbucherfrist und wir freuen uns über ein reges Interesse seitens unserer Kunden. Zur ITB Berlin NOW haben sich (Stand 19.1.2020) bereits mehr als 500 touristische Unternehmen aus 109 Ländern angemeldet, hierzu kommt noch eine Vielzahl der Mitaussteller der Destinationen. Besonders ist auch, dass sich nun auch bisherige Mitaussteller mit einem eigenen virtuellen Auftritt in Form einer Brand Card direkt anmelden können. Erfreulich ist auch der sehr internationale Anteil unserer Aussteller: Zwei Drittel der bisherigen Anmeldungen kommen nicht aus Deutschland, was den globalen Anspruch und Mehrwert der Plattform ITB Berlin NOW unterstreicht. Angesichts der Pandemie ist der Bedarf insbesondere am Networking sowie an fachlichem Austausch und fachlicher Orientierung immens.

In welchem Segment herrscht das grösste Interesse?

Das grösste Interesse sehen wir zum jetzigen Zeitpunkt bereits bei den nationalen Tourist Boards sowie bei Travel Technology, aber auch bei Hotels und anderen Leistungsträgern. Hier haben wir unter anderem bereits Anmeldungen aus Korea, Malaysia, Japan, Australien, Neuseeland, Österreich, Slowenien, Botswana, Brüssel, Türkei und vielen anderen.

Wir haben aber auch vernommen, dass beispielsweise die Skandinavischen Länder nicht teilzunehmen gedenken und stattdessen eine kleine, rein skandinavische virtuelle Reisemesse auf die Beine stellen. Einzelfall? Oder sind auch andere ganze Regionen/Gruppen abgesprungen?

Unter dem Titel «Der digitale Treffpunkt der Reiseindustrie. Jederzeit. Überall.» vernetzt ITB Berlin NOW die weltweite Reisebranche und bietet ihr eine hochspannende und zentrale Online-Plattform für erfolgreiche Geschäfte, neue und etablierte Kontakte, erstklassigen Content und tägliche News aus der Tourismusindustrie. Diese Reichweite wird eine skandinavische Messe nicht abbilden können, bei allem Respekt zu ihrer sicherlich erfolgreichen Umsetzung der eigenen Messe.

Wir haben Verständnis für die Unsicherheit einiger Aussteller. Andere zeigen diese jedoch gar nicht. So präsentiert sich Sachsen 2021 als erste offizielle Kulturdestination der ITB Berlin. Das deutsche Bundesland wird im Rahmen von ITB Berlin NOW als herausragende Kultur- und Städtedestination in Kombination mit aussergewöhnlichen Naturerlebnissen und Aktivurlaub beworben.

«Zur ITB Berlin NOW haben sich bereits mehr als 500 touristische Unternehmen aus mehr als 60 Ländern angemeldet.»

Was kostet eine Teilnahme als Aussteller? Generell gesprochen im Vergleich zu einer Live-Teilnahme…

Ausstellern der ITB Berlin NOW stehen insgesamt vier Buchungspakete zur Auswahl. Sie können sich zwischen den Optionen Starter, Plus, All-In sowie All-In for Destinations entscheiden. Mit dem All-In Destination Paket können Destinationen auch Mitaussteller anmelden. Reisekosten oder Kosten für den Standbau fallen komplett weg. Dadurch erreichen wir weltweit potentiell noch mehr Kunden, für die ein Messebesuch auf ITB Berlin NOW nun auch finanziell umsetzbar wird.

Im Vergleich zur analogen Messe ist die Teilnahme als Aussteller an ITB Berlin NOW also deutlich günstiger, denn wie bereits erwähnt, kommt noch hinzu, dass die gesamte Plattform bereits ab Anfang März bis Ende Mai online ist.  

Eine Online-Durchführung bedeutet für Sie aber sicherlich Mindereinnahmen – nach dem Totalausfall 2020 wohl schwer zu verkraften. Was bedeutet dies für die ITB-Organisation?

Es wäre gelogen zu sagen, dass wir nicht weniger mit diesem virtuellen Format einnehmen. Das dürfte uns allen klar sein. Für die Umsetzung eines virtuellen Konzepts sind aber auch die Kosten völlig andere. Und um Kosten nicht auf unsere Aussteller abwälzen zu müssen, haben wir uns gegen bestimmte Konzepte entschieden.

Wir wollen uns ausschliesslich auf die vier Kernelemente der Messe fokussieren: Business, Networking, Content und News. Dafür braucht es im Prinzip keine Avatare oder 3D-Stände. Hinzukommt, dass  eine 3D-Darstellung auch oft grosse Mengen an Datenvolumen verbraucht und wir möchten die Messeteilnahme für Aussteller mit eingeschränkter Bandbreite technisch ermöglichen. Uns ist es an dieser Stelle wichtig, der Branche ein adäquates Format im zweiten Corona-Jahr anzubieten. Die ITB Berlin ist Innovationstreiber und das führende Event der Tourismuswirtschaft für Reisetrends und -Business. Angesichts der aktuellen globalen Lage gilt dies mehr als je zuvor. Die ITB Berlin wird auch 2021 zeigen, wie wichtig es ist, dass es eine Plattform wie ITB Berlin NOW gibt, wo sich wie gewohnt die weltweite Reise-Branche an einem Ort trifft, wenn auch rein digital.

Die Schweiz hat nun auch eine rein virtuelle Reisemesse. Dabei stellen sich neuartige Fragen des Besuchermarketings. Wie sieht das bei der ITB aus?

Wichtig zu verstehen ist, dass es sich bei der ITB Berlin NOW um eine reine Fachbesucher-Veranstaltung handelt. Dennoch wollen auch Fachbesucher auf kreative und innovative Weise angesprochen werden. Dazu bieten wir neben der ITB Berlin NOW mit ihrem Bündel an spannenden Inhalten von KI-gesteuertem Match-Making über interaktive Stände, thematische Cafés mit «Social-Charakter» oder spannende Kongress-Inhalte eben auch unsere Partnerveranstaltung «Berlin Travel Festival (BTF)» an. Das BTF ergänzt gezielt die ITB Berlin NOW, da dieses gesondert B2C-Publikum anspricht, sich aber durchaus auch an B2B-Interessenten richtet. Lanciert ist ein Online-Video-Magazin, das die Themen «Safe Trips + Safe Places», «Tiny Living + Slow Travel», «Freedom + Adventure» und «Culture Trips». Jeder Abend ist gespickt mit verschiedenen Formaten wie Essays, Interviews, Live-Vorträgen, Videodokumentationen, Reisefilmen sowie Panels und Expertengesprächen zu Reisethemen. Der Zugang ist kostenlos.

«Wir werden weder komplett zu einer rein analogen Messe zurückkehren noch eine rein virtuelle Veranstaltung werden.»

Eine weitere Frage stellt sich zur Zukunftsfähigkeit einer digitalen Messe. Lautet das Ziel, 2022 wieder die «alte ITB» zu haben? Oder was wird von der ITB Berlin NOW langfristig hängen bleiben?

Wir werden weder komplett zu einer rein analogen Messe zurückkehren noch eine rein virtuelle Veranstaltung werden. Das Stichwort heisst «hybrid». Wir haben die einmalige Chance, das Konzept der weltweit grössten Reisemesse nachhaltig zu verändern und ins neue Zeitalter zu überführen. Wir werden im Jahr 2022 die vielversprechendsten Aspekte aus analog und digital vereinen und somit ein Format schaffen, das sämtlichen Ansprüchen gerecht wird – beim Zuschauer am Computer in Neuseeland ebenso wie beim Live-Besucher auf dem Messegelände.

Vorstellbar wäre ein digitaler Auftakt der Messe mit anschliessendem physischem Konzept. Ein solches Konzept testen wir bereits im kommenden Oktober bei der ITB Asia in Singapur.

Was sind Ihre Erwartungen an die ITB Berlin NOW in diesem Jahr, generell gesprochen?

Ich spreche da fürs gesamte Team, wenn ich sage: Wir sind voller Vorfreude und Spannung. Die Absage der ITB 2020 war für uns alle enorm bitter. Wir sind sehr, sehr froh, dass wir 2021 die Chance haben zu beweisen, dass die ITB Berlin NOW auch während und post-Corona die Plattform für die globale Reiseindustrie ist.