Tourismuswelt

Sunday_Press_new-30d6a224.jpg

Sunday Press Der Bund wusste schon lange von der Wirkungslosigkeit der Quarantäneliste

Seit September war klar, dass die per Risikoländerliste bei Reisenden eingeforderte Quarantänepflicht wenig bringt. Dennoch hat der Bund aus erzieherischen Gründen absichtlich versucht, die Schweizer Bevölkerung am Reisen zu hindern. – Politiker wollen die Ausschüttung der Boni für 2019 bei der Swiss verhindern. – Der Pannenflughafen Berlin-Brandenburg ist jetzt offiziell eröffnet.

Die Quarantäneliste war ein rein politischer Entscheid

Aus Sicht der Reisebranche Explosives liest man heute bei der «NZZ am Sonntag». Demnach hätte die Risikoländerliste des Bundesamts für Gesundheit, welche bei Rückreise aus bestimmten Ländern eine Quarantänepflicht nach sich zieht, schon viel früher auf ein Minimum reduziert oder ganz abgeschafft werden können. Zur Erinnerung: Seit Juli gab es die Liste; bei der vorletzten Version standen über 50 Länder und Regionen auf der Liste. Inzwischen stellte sich heraus: Der Effekt der Massnahme war klein. Laut Protokoll hat ein Kanton aufgrund von Daten mehrerer Kantone berechnet, dass gerade einmal 0,4 Prozent aller Personen, die sich zwischen dem 2. Juli und dem 2. September in Reisequarantäne befanden, dann auch tatsächlich an Covid-19 erkrankten. Das BAG hat die Zahlen ebenfalls geprüft und kam auf einen leicht höheren Wert von 0,87 Prozent. So oder so zeigt sich: Weniger als eine Person auf hundert war infiziert. Die anderen sassen grundlos 10 Tage zu Hause fest.

Noch bedenklicher: Wie ein Protokoll zeigt, welches der «NZZ am Sonntag» vorliegt, diskutierten Bund und Kantone bereits Mitte September darüber, dass man so kaum infizierte Personen erfasse. Dabei wird klar, dass der Bund weniger darauf abzielte, Corona im Land einzudämmen. «Die Reisequarantäne hat insbesondere auch den Effekt, dass die Menschen (...) weniger in Risikogebiete reisen», sagte ein Vertreter des Bundesamts für Gesundheit. Es gehe eben nicht nur um die evidenzbasierte Wirksamkeit der Massnahme, sondern auch um das psychologische Ziel. «Es war eher eine politische Entscheidung», steht im Protokoll.

Zehntausende Personen haben sich seit Juli in Quarantäne begeben müssen, weil sie aus einem sogenannten Risikoland in die Schweiz eingereist waren. Als solches galt bis vor kurzem ein Land, in dem mehr als 60 pro 100'000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen an Corona erkrankt waren. Mittlerweile liegt der Wert in der Schweiz selbst bei gut 900 Infizierten pro 100'000 Einwohner. Das BAG schreibt auf Anfrage, man habe die Reisequarantäne «in Annahme eines Effekts auf den Import von Fällen und auf den präventiven Effekt in Bezug auf Reisen» in Kraft gesetzt. Das sei durchaus erfolgreich gewesen: «Aus Sicht des BAG haben die Massnahmen ihre Wirkung erreicht, indem die Reisetätigkeit in Risikoländer als Reaktion auf die Quarantänepflicht abnahm.» Man könne den Erfolg aber nicht berechnen, da man nicht wisse, wie sich die Reisetätigkeit ohne Quarantänepflicht entwickelt hätte.

FDP-Ständerat Andrea Caroni bezeichnet es als skandalös, dass der Bund an der Quarantänepflicht festhielt, obwohl längst grosse Zweifel an der Wirksamkeit bestanden: «Offensichtlich hat der Bund ganz willkürlich in die Grundrechte der Einwohner dieses Landes eingegriffen», sagt er. Kritik kommt auch von der Denkfabrik Avenir Suisse. «Hier wurde im Sommer enorm viel Leid und Schaden verursacht für einen minimalen Nutzen», sagt Forschungsleiter Jürg Müller. Die Reisebranche selber hatte schon lang wiederholt protestiert. Inzwischen sind nur noch wenige Länder auf der Liste. Aber der offenbar gewünschte psychologische Effekt des Nicht-Reisens wurde leider weitgehend erzielt.

Finanzpolitiker wollen Swiss-Boni verhindern

Diese Woche berichtete der «Tages-Anzeiger», dass die Swiss in der Krise einigen Topmanagern deren Boni regulär auszahlen will, für Leistungen aus dem Jahr 2019, welches für die Fluggesellschaft noch äusserst erfolgreich war. In der Zwischenzeit überlebt die Swiss allerdings nur mit einem Kredit des Bundes, und mit gelinde gesagt trüben Ausblicken für die mittelfristige Geschäftserholung. Die Wut in gewissen Teilen der Bevölkerung, auch der Reisebranche, aber auch unter Finanzpolitikern von links bis rechts war gross.

«Als die Finanzkommission im Eiltempo das Darlehen für die Swiss beriet, erklärte der Bundesrat, dass Boni für die Chefetage ausgeschlossen seien», sagt SP-Nationalrätin Céline Widmer nun im «SonntagsBlick». Deshalb habe ihre Partei einen Antrag zurückgezogen, der dies explizit festhalten wollte. «Für mich spielt es keine Rolle, ob die Boni nun das vergangene oder das aktuelle Jahr betreffen», so Widmer. Denn ohne diese Zusicherung seitens der Landesregierung hätte das Parlament wohl auf ein Boni-Verbot bestanden.

SVP-Nationalrat Lars Guggisberg zielt in die gleiche Richtung. Er sagt: «Die Swiss steht tief in der Schuld der Schweizer Steuerzahler.» Deren Chefs sollten eigentlich wissen «was sich gehört»: Bonuszahlungen, auch für das Jahr 2019, seien aktuell inakzeptabel. «Es geht einzig darum, die Tausende Arbeitsplätze der Swiss zu retten. Manager, die nun ans eigene Portemonnaie denken, handeln unanständig.» Widmer und Guggisberg stellen in der nächsten Sitzung der Finanzkommission den Antrag, dass die Landesregierung die Überweisung der Boni unterbinde.

In einem separaten Vorstoss verlangt SP-Nationalrätin Tamara Funiciello, dass kein Unternehmen, das in irgendeiner Art während der Covid-Krise
durch den Staat unterstützt wird, Boni ausschütten darf. Wobei mit Bundesgeldern sowohl ein Kredit als auch À-fond-perdu-Beiträge und Kurzarbeitsentschädigung gemeint ist. Ausnahmen seien dann möglich, wenn das Basisgehalt der Geschäftsleitung sehr tief angesetzt ist.

Der BER ist offen

Mit sage und schreibe neun Jahren Verspätung wurde der deutsche Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg (BER) am gestrigen 30. Oktober nun endlich eröffnet. In Zeichen von reduziertem Flugverkehr und Corona-bedingt nur wenigen geladenen Gästen, aber auch angesichts der deutlich überstiegenen Baukosten sowie wegen Klimaschutz-Aktivisten, welche die Eröffnung zu stören versuchten, war die BER-Eröffnung aber alles andere als ein rauschender Festakt, wie aus einem Bericht der «SonntagsZeitung» hervorgeht.

Ganz glatt lief es zudem auch nicht bei der Eröffnung. Eigentlich sollten um 14 Uhr zwei Maschinen parallel landen, eine der Lufthansa, eine der Easyjet. Doch der Himmel war trüb, es regnete. Aus Sicherheitsgründen landete zuerst das Flugzeug von Easyjet, ein paar Minuten später Flug LH2020. Mit an Bord war auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer gab die Stimmung des Tages ganz gut wieder, als er sagte: «Es ist kein Jubeltag, es ist ein Arbeitstag.» Gefeiert wurde vor allem Engelbert Lütke Daldrup. Nicht nur, weil der Flughafenchef am Samstag 64 Jahre alt wurde, sondern weil er es war, der den Flughafen letztendlich in Gang brachte. Im März 2017 hatte er die Baustelle übernommen, immer noch ein mittleres Chaos. «Durchhaltevermögen» sei ein Markenzeichen seines Teams gewesen, betonte Lütke Daldrup, und das sei auch jetzt noch notwendig.

Der erste Abflug von Terminal 1 des BER startete heute Sonntag (1. November) um 06.45 Uhr: Easyjet-Flug EJU8210 nach London.

Behörden rechnen mit Konkurswelle

Über das einsetzende Hotelsterben in der Schweiz haben wir bereits berichtet. Insbesondere die Schliessung der Swissôtel Zürich löste Schickwellen aus. Seit Freitag (30. Oktober) sind nun auch die Türen des Zürcher Hotels Ascot versiegelt; das Konkursamt hat nun das Sagen. Das Hotel überlebte die Corona-Krise nicht, weil der Vermieter offenbar nicht entgegengekommen war beim Mietzins.

Die Zürcher Behörden glauben, dass dies erst der Anfang ist - was der «SonntagsZeitung» einen (weiteren) Bericht wert ist. Die Behörden rüsten sich auf einen Ansturm bei der Bearbeitung von Konkursen. Denn die Konjunkturprognosen verheissen nichts Gutes. Dieser Tage nimmt deshalb ein Spezialteam mit zehn Vollzeitstellen seine Arbeit auf. Die Sondertruppe soll Konkursverfahren als Ganzes übernehmen und erledigen. Dabei rechnet man in Zürich offensichtlich mit einer lang andauernden Krise. Es handle sich um eine «zeitlich einstweilen auf zwei Jahre befristete Einheit im Hinblick auf eine mögliche Konkurswelle. Der Konkurs des Hotels Ascot sei der erste «Corona-Konkurs», den die so genannte «Mobile Equipe+».

Der Bundesrat hatte mit einer Verordnung verschiedene Massnahmen getroffen, damit überschuldete Firmen vorerst nicht Konkurs anmelden müssen. Die Regelung ist seit dem 19. Oktober aber nicht mehr in Kraft. Bislang war die Lage hinsichtlich Konkursen ruhig. Ein Blick auf die Statistik zeigt schweizweit in den ersten neun Monaten sogar einen Rückgang. So nahm die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen in der Schweiz von Januar bis September um 21 Prozent ab, wie der Wirtschaftsinformationsdienst Bisnode D&B jüngst meldete. Jedoch ist die Lage je nach Branche unterschiedlich. Ein erhöhtes Risiko einer Pleite sieht Bisnode in der Holz- und Möbelindustrie, im Baugewerbe, im Gastgewerbe sowie bei Handwerksbetrieben. Von der Reisebranche kein Wort. Aber klar ist dort die Not auch gross.

Weniger Geschäftsreisende = mehr Wohnungen?

Es gibt ein Geschäftsfeld, welches sich in der Peripherie zwischen Hotellerie und Vermietung entwickelt hat: Die zeitlich limitierte Vermietung von Wohnungen an Geschäftsreisende. In den letzten Jahren ein lukratives Geschäftsfeld; allein im Hochpreissegment buhlen mindestens 20 Firmen um Geschäftsreisende. Andere Firmen loten aus, ob das Geschäft mit Wohnraum auf Zeit auch in tieferen Preisklassen funktioniert, etwa bei Studierenden und Migranten auf Jobsuche. Die auf Immobilien spezialisierte Beratungsfirma Wüest Partner schätzte 2018, dass in der Schweiz mindestens 10'000 Wohnungen auf Zeit vermietet werden. Inzwischen dürften es deutlich mehr geworden sein.

Doch nun bleiben Geschäftsreisende weitgehend aus. Seit europaweit die Infektionszahlen steigen, haben sich Manager ins Home-Office zurückgezogen. Den Zweitwohnsitz in Basel, Zürich oder Genf haben viele aufgegeben. In einem Bericht der «NZZ am Sonntag» erklärt nun Robert Weinert, Leiter Immo-Monitoring von Wüest Partner: «Die Auslastung vieler Business-Apartments ist zurzeit schwach.» Die Manager fehlen besonders den Marktführern VisionApartments und Apartments Swiss Star. Diese kommen zusammen auf mehr als 1600 möblierte Wohnungen. Experten sprechen besonders für Zürich von einem Überangebot an Business-Apartments. Jede Woche schliesst ein Hotel, weil seit Monaten kaum mehr Gäste absteigen. Für Hauseigentümer ist es vom Aufwand her am günstigsten, die Zimmer in Studios umzuwandeln.

Nun satteln die ersten Vermieter um und inserieren Zimmer und Studios als Home-Offices, teils mit Rabatten. Die Möbel in den möblierten Wohnungen werden auf Wunsch ausgeräumt, Mietverträge sind neu teils unbefristet erhältlich. Auf der Plattform Airbnb setzte schon im März ein Exodus der Vermieter ein, die lieber in den krisenresistenten normalen Wohnungsmarkt zurückkehrten. Hoffnungen auf tiefere Mieten in den Grossstädten dämpfen sie aber.

Im Tourismus muss man jetzt improvisieren

In einem Interview mit der «SonntagsZeitung» äussert sich Christian Jott Jenny, Gemeindepräsident von St. Moritz, über das Geschäft des beliebten Promi-Tourismusortes in den Bündner Bergen. Auf die Frage, was er für die bevorstehende Saison erwartet, gibt es folgende bemerkenswerte Antwort zu Protokoll: «Ich habe ebenso wenig Ahnung wie all die selbst ernannten Experten. Vielleicht bleiben viele Betten leer, vielleicht gibt es auch einen Run, weil niemand auf die Malediven fliegt. Im Moment ist Tourismus wie Jazz - man muss laufend improvisieren. Mir persönlich kommt das entgegen, ich habe als Künstler immer so gearbeitet. Schwer haben es all diejenigen, die gerne alles weit im Voraus planen.»

St. Moritz musste dieses Jahr viele grosse Events - White Turf, Gourmet Festival etc. - absagen und zahlreiche auf internationale Kundschaft ausgerichtete Hotels hatten wegen den ausbleibenden ausländischen Promis/Reisenden zu darben. Dazu Jott Jenny: «Vielleicht müssen einige Hotels nun umsatteln und einheimische Gäste akquirieren. Viele haben dies übrigens schon getan und profitieren von diesem Investment. Diesen Sommer etwa konnten wir beweisen, dass man in St. Moritz auch günstige Unterkünfte findet.» Weiter glaubt , dass das Virus den Promi-Ort dazu zwingt, das Party-Image abzustreifen. Betriebsschliessungen befürchtet Jott Jenny allerdings keine: «St. Moritz hat sich immer wieder neu erfunden. Es wird auch dieses Mal gelingen.»

Schärfere Schutzkonzepte bei Bergbahnen: Was heisst das für Skifahrer?

Die Schweizer Skiorte bangen um ihr Geschäft. Deshalb hat der Verband der Schweizer Seilbahnbranche bereits Anfang Oktober ein Schutzkonzept mit den Regeln in den Bahnen und auf den Skiliften präsentiert. Angesichts der rasant steigenden Fallzahlen und der angepassten Vorgaben des Bundes sah sich der Verband nun aber gezwungen, nachzubessern: Am Freitagabend hat er eine entsprechende Vorlage seinen Mitgliedern verschickt, worüber die «SonntagsZeitung» berichtet.

Das angepasste Schutzkonzept hat der Verband dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) unterbreitet. So sollen sich laut Berno Stoffel, Direktor von Seilbahnen Schweiz, nicht nur die Bahnbetreiber danach richten, sondern auch die Kantone. «Wir wollen damit einen Flickenteppich verhindern», sagt Stoffel. Nach dem neuen Schutzkonzept gilt Maskenpflicht auf sämtlichen Anlagen. In der früheren Fassung des Konzepts war diese lediglich in geschlossenen Bahnen verordnet worden. Angelehnt an die Vorschriften im ÖV müssen die Wintersportler neu nicht nur in geschlossenen Warteräumen, sondern auch beim Anstehen einen Mund- und Nasenschutz tragen. In den Warteräumen denkbar seien deutlichere Signalisationen, Schranken oder sogar Personal, das Menschenansammlungen verhindert.

Vermischtes

Der Reiseteil der «SonntagsZeitung» bietet einen Artikel über Thailand - trotz praktisch ausbleibender Neuinfektionen öffnet sich das Land weiterhin praktisch nicht, zwingt die wenigen zur Einreise berechtigten Sondertouristen noch in Quarantäne - und schafft damit beim Asien-Spezialisten Tourasia in Wallisellen grosse Probleme, derweil das Büro von Tourism Thailand in Bern auf eine künftig wieder einsetzende Nachfrage hofft. Darüber hinaus beschränkt man sich auf eine Reportage zu einer SBB-Sonderausstellung in Windisch, welche die industriellen Leistungen des Aargau zelebriert, sowie auf die Skisaison-Eröffnung in Adelboden-Lenk.

In der Beilage der «NZZ am Sonntag» findet sich ein Portrait von Lausanne, mitsamt Tipps für einen Wochenendausflug.

Und im Magazin des «SonntagsBlick» wird wieder der schöne Beruf des Lokführers präsentiert. Die SBB leiden bekanntlich an einem akuten Lokführer-Mangel.

(JCR)