Tourismuswelt

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Lisa und Dario Ressegatti auf ihrer Reise in die Welt mit dem Velo. Bilder: Lisa und Dario

Mit dem Velo unterwegs in Richtung Asien

Von Nina Wild / Nadia Imbaumgarten

Vor mehr als 2,5 Jahren planten Lisa und Dario ihre Reise in die Welt mit dem Velo. Trotz Corona-Pandemie sind die beiden aufgebrochen und erzählen nun Travelnews, wie es ihnen geht, wo sie zurzeit stecken und was es zu beachten gibt, wenn man mit dem Velo unterwegs ist.

Lisa und Dario Ressegatti befinden sich zurzeit auf ihrer Reise in die Welt. Mit ihren Fahrrädern, wenig Gepäck und viel Vorfreude sind die beiden trotz der Corona-Pandemie aufgebrochen, um Erfahrungen der Welt zu sammeln: «Wir haben unsere Reise schon sehr lange vorher geplant, sonst wären wir nicht genau in diesem Jahr losgereist», schreiben uns die beiden per Mail.

Lisa Ressegatti (ehemals Herzog) kennt sich mit Reisen bestens aus. Die Badenerin hat nämlich zuvor im Reisebüro Sense of Travel als Product Managerin gearbeitet, als auch als Dozentin an der Höheren Fachschule für Tourismus, der IST in Zürich, das Unterrichtsfach Destinationskunde Outgoing unterrichtet.

Im ausführlichen Blog der beiden, über ihre Reise in die Welt mit dem Fahrrad, können Leserinnen und Leser stets mitverfolgen, wo die beiden sich gerade befinden und was sie erlebt haben. Die vielen tollen Bilder lassen die Leserschaft definitiv etwas neidisch werden und das Fernweh wird grösser, doch es lohnt sich den Blog zu verfolgen. Auf Anfrage von Travelnews haben Lisa und Dario Fragen zu ihrer Reise beantwortet. Erfahrt selbst, wie spannend die Reise der beiden Traveler bis jetzt schon ist.


Wo befindet ihr euch gerade?

Lisa und Dario: Wir befinden uns gerade auf der Insel Thassos im Nordosten von Griechenland und machen hier einige Tage Pause auf dem Weg in die Türkei. Wir warten hier auf die Lieferung von einem Ersatzreifen, damit wir weiterfahren können. Seit der Insel Mljet in Kroatien haben wir Probleme mit einem Hinterreifen, den wir nun behelfsmässig zusammengenäht haben. Das hielt die letzten 1200 km ganz gut, aber ist keine langfristige Lösung, daher warten wir nun auf die langersehnte Paketlieferung und verbinden das gleich mit dem Aufenthalt am Meer. Langsam kommt aber auch hier der Herbst und die Saison ist definitiv vorbei.

Hier und da müssen die Velos gewartet und repariert werden. Prevlaka-Halbinsel, kurz vor Montenegro.

Wie sieht eure geplante Route aus?

Unsere geplante Route führt uns von der Schweiz bis nach Südostasien über den Balkan, die Türkei, den Iran, den Oman, den Kaukasus nach Zentralasien und dann über den Pamir-Highway weiter in Richtung Osten bis nach Südostasien. Besonders freuen wir uns darauf, den Iran und Georgien zu erkunden, zwei Länder, die uns schon lange reizen. Gespannt sind wir auch auf den Karakorum Highway, eine der höchst gelegenen Fernstrassen der Welt, die Kashgar in China mit Pakistan verbindet. Geplant haben wir die Route in Hinblick auf möglichst angenehme Temperaturen, so wollten wir beispielsweise den Winter 20/21 im Südiran / Oman verbringen und den Frühling im Kaukasus, um dann im Sommer 21 den Pamir- und Karakorum-Highway zu erfahren. Soweit die Idee.

Durch Corona ist natürlich alles anders gekommen und wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt und was überhaupt möglich ist. Aktuell können wir nicht in den Iran reisen, aber hoffen, dass dies im 2021 wieder möglich sein wird. Eventuell findet sich auch ein interessantes Projekt, wo wir uns nützlich machen können. Wir sind da völlig offen.

Die geplante Reiseroute von Lisa und Dario. Karte: Bureau Condrau

«Wir hoffen, dass wir andere dazu inspirieren können, auch mit dem Fahrrad loszuziehen, denn diese Art des «Slow-Travel» gefällt uns sehr.»

Ihr habt euch in Mitten der Corona-Krise in diesem Sommer entschieden, die Reise zu machen – warum?

Wir planten unsere Reise seit über 2.5 Jahren mit dem Abfahrtsdatum im Sommer 2020 und haben entsprechend unsere Jobs und die Wohnung gekündigt. Wie alle wurden auch wir von 2020 völlig überrascht und waren unsicher, ob wir trotzdem reisen sollen. Doch bereits im April mussten wir uns entscheiden, ob wir die Wohnung definitiv kündigen möchten oder nicht und haben uns dann für die Reise entschieden. Denn durch die lange Planungsphase waren wir emotional schon sehr in der Reise drin und haben uns innerlich von vielem zu Hause für längere Zeit verabschiedet. Dann kommt irgendwann der Punkt, wo es kein Zurück mehr gibt und man seine Pläne nicht mehr aufschieben möchte, denn wer weiss, ob es dann im 2021 besser gewesen wäre. Zudem gab es im Sommer ein kleines Zeitfenster, wo vieles wieder möglich schien und die Leute auch wieder anfingen zu reisen. Doch wir waren uns völlig bewusst, dass wir jederzeit auf Veränderungen reagieren und unsere Pläne entsprechend flexibel bleiben müssen.

Welches sind die grössten Herausforderungen in diesem Zusammenhang?

Die grössten Herausforderungen sind natürlich geschlossene Grenzen und die sich ständig ändernden Einreisebestimmungen der bereisten Länder. Zum Glück können wir da auch auf gute Kontakte zurückgreifen wie die Liste «Wohin können Schweizer reisen» von Travelnews oder die Beziehungen von Lisa mit Sense of Travel.

Eines unserer grössten Bedenken war jedoch, wie die Menschen auf uns als Reisende in diesen Zeiten reagieren werden. Doch wir erhielten durchwegs positive Rückmeldungen von den Einheimischen.

Spontane Einladung auf ein Glas Wein in Kroatien.

Unterwegs seid ihr fast ausschliesslich mit dem Velo. Was macht die Reise mit diesem Verkehrsmittel so besonders?

Die Langsamkeit des Reisens. Das Meditative vom Pedalschlag. Man erlebt seine Umgebung unmittelbar und mit allen Sinnen und ist nahe dran an Mensch und Landschaft. Dadurch bleibt auch plötzlich Raum für die leisen Veränderungen von Ort zu Ort, die man sonst vielleicht nicht mitbekommt. Wir haben das Gefühl durch die Veloreise, ein Land oder eine Region wirklich zu erleben, wortwörtlich mit allen Höhen und Tiefen. Wir bekommen ein ganz anderes Gefühl von Distanz und wie gross und vielfältig unsere Welt doch eigentlich ist. Wir wissen wie sich das «Dazwischen» anfühlt, über das man sonst nur fliegt auf dem Weg von A nach B. Wir lernen auch die «B-Seiten» eines Landes kennen, die weniger bekannten Orte und genau das macht den Reiz aus. Das Velo ist nur ein Transportmittel für uns und es kommt nicht darauf an, wie viele Kilometer wir am Tag zurücklegen. Wir bleiben auch gerne mal an einem Ort oder nehmen die Fähre, den Zug, wenn es Sinn macht.

Unterwegs auf einsamen Strassen in Dugi Otok, Kroatien.

Welche Tipps habt ihr für Fernweh geplagte, welche in diesen speziellen Zeiten verreisen wollen?

Wir waren überrascht wie viele wunderbare Reiseziele sich auch in der nahen Umgebung finden lassen. So gehörte die Reise entlang dem Dolomitenradweg zu unseren landschaftlichen Highlights bisher und auch die Übernachtung auf dem Albula Hospiz war etwas ganz Besonderes. Man kann auch im Kleinen viel erleben, wenn die grössere Reise noch warten muss. Wer sich auch für eine längere Veloreise interessiert, dem bieten sich viele spannende Velorouten in der Schweiz oder dann etwas weiter das Eurovelo-Streckennetz. Nach einer Woche auf dem Sattel merkt man schnell, ob einem diese Reiseart liegt oder nicht.

Was war bislang euer grösstes Highlight auf der Reise?

Wir geniessen jeden Tag. Es ist etwas Wunderbares, am Morgen aufzuwachen und einfach drauf loszufahren mit ganz viel Zeit und sich von allem überraschen zu lassen. Somit ist jeder Tag ein Highlight für uns, denn jede Landschaft hat ihren eigenen Reiz und irgendwas passiert immer. Sei das eine interessante Begegnung, eine spontane Einladung oder einfach eine Schildkröte, die über die Strasse läuft. Landschaftliches Highlight waren für uns die Dolomiten sowie die kroatische Inselwelt (besonders Mljet). Am meisten überrascht hat uns Albanien mit seiner abwechslungsreichen Landschaft und der überwältigenden Gastfreundschaft.  Etwas ganz Besonderes war es natürlich, dass wir viele touristische Highlights wie Dubrovnik oder die Bucht von Kotor während dem Spätsommer fast ohne andere Besucher erleben durften. Das war einmalig, machte uns aber auch nachdenklich bezüglich der Zukunft des Tourismus, wenn wir all die leeren Restaurants und Unterkünfte sahen. In Montenegro waren wir beispielsweise in einer Unterkunft die ersten Gäste überhaupt in diesem Jahr. Es haben sich alle sehr gefreut, dass überhaupt noch Touristen kamen.

Blick auf die albanischen Alpen in Theth.

Was darf auf einer Reise mit dem Velo auf keinen Fall im Gepäck fehlen?

Das kommt ganz darauf an, wie lange und auf welche Art man reisen möchte. Wenn man z.B. von Hotel zu Hotel radelt und auswärts isst, dann braucht man nicht viel Gepäck. Wir haben jedoch so gepackt, dass wir für mehrere Jahre und diverse Klimazonen ausgerüstet wären. Das heisst wir haben alles dabei von Zelt zu Campingkocher über verschiedene Ersatzteile und Werkzeuge für das Velo bis hin zu Laptops und natürlich diverser Kleidungsstücke für alle Temperaturen. Eine detaillierte Packliste findet sich auf unserer Website. Generell hat man immer zu viel dabei, wenn man bergauf fährt und zu wenig, wenn man in der Stadt ist (dann vermissen wir z.B. schönere Kleidung und elegantere Schuhe). Und doch gibt es einige «luxuriösere» Gepäckstücke, welche die Reise angenehmer machen wie bequeme Campingstühle, eine mobile Dusche oder einen E-Reader.

Auf keinen Fall zu viel einpacken: das alles muss in die Velotaschen passen. Bild: Nicole Rumpf

Wie sieht euer Alltag aus?

Normalerweise planen wir die Routen für die nächsten paar hundert Kilometer mit Hilfe von der App Komoot und wissen somit immer etwa, welche Strecke uns erwartet und welche Steigungen. Je nach Wetterbericht legen wir dann unsere Sachen zurecht, damit wir auch mal schnell die Regenjacke überziehen können. Wenn wir zelten, versuchen wir so früh wie möglich loszufahren und machen nach den ersten 20 – 30 km eine Frühstückspause in einem Café. Danach fahren wir weiter und kaufen uns etwas für ein Picknick und machen nach dem Mittagessen auch gerne mal eine kleine Siesta. Wir verbringen teilweise 5 – 7 Stunden auf dem Fahrrad pro Tag, dann suchen wir uns rechtzeitig auf der Karte einen schönen Platz zum Übernachten aus und kaufen genügend Wasser ein, damit wir kochen und uns waschen können. Wir versuchen jeweils um 17.00 – 18.00 Uhr an unserem Übernachtungsort anzukommen, damit wir noch genügend Zeit haben zum Kochen vor der Dämmerung. Wir haben immer einen Grundvorrat an Nahrungsmitteln und Gewürzen dabei und kaufen dann jeweils für 1 – 2 Tage frische Früchte / Gemüse für unsere Mahlzeiten. Dann lesen wir gemütlich im Zelt oder planen die nächsten Tage und legen uns früh schlafen.

Kurz zusammengefasst Cycle, Eat, Sleep, Repeat. Aber genauso gerne übernachten wir mal in einem Apartment oder gönnen uns ein schönes Hotel und essen auch immer wieder mal auswärts.

Kochen unter freiem Himmel.

Wie unterscheidet sich das Reiseerlebnis zu jenem vor der Corona-Pandemie?

Der grösste Unterschied sind die fehlenden Touristen. Man ist an vielen Orten ziemlich alleine unterwegs und hat kein Problem mit der Verfügbarkeit von Unterkünften oder Sitzplätzen im Restaurant. An vielen Orten ist aber die Sommersaison auch deutlich früher zu Ende gegangen, teilweise schon Mitte September anstelle von Ende Oktober. Dann kann sich das Reiseerlebnis natürlich auch durch die unterschiedlichen Corona-Massnahmen in den einzelnen Ländern unterscheiden durch andere Grenzbestimmungen, Distanzregeln oder die Maskenpflicht. Wir mussten beispielsweise unsere Route ändern, da nur ein Grenzübergang nach Griechenland für Touristen geöffnet ist und sich dieser in Bulgarien befindet und wir zusätzlich auch noch einen negativen Covid-Test für die Einreise nach Griechenland vorweisen mussten. Somit lernten wir ein bulgarisches Spital von innen kennen, also auch ein Reiseerlebnis.