Tourismuswelt

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Ob wir in Zukunft statt einem Kurztrip nach Rio de Janeiro gleich eine Brasilien-Rundreise machen werden, wird davon abhängig sein, ob das nötige Geld und die Flexibilität dafür verfügbar sind. Bild: Agustin Diaz

«Es wird nicht mehr so sein, wie es einmal war»

Von Nadia Imbaumgarten

Veränderungen wird es im Tourismus geben, doch in welche Richtung? Im Experten-Interview äussert sich Prof. Dr. Jürg Stettler zur aktuellen und zukünftigen Situation. Er schliesst nicht aus, dass eine Rezession kommen wird und diese grosse Auswirkungen auf den Tourismus haben wird.

Konsumenten wollen endlich wieder unbeschwert Reisen können, Airlines wollen zurück zu Umsatzzahlen wie im Jahr 2019 und Reiseanbieter wollen anständige Lösungen für ihre ernste Situation und sowieso eigentlich einfach die Normalität in der Reisebranche zurück. Inzwischen liegen die Nerven hinsichtlich dem weiteren Fortbestand des eigenen Geschäfts vielerorts schon ziemlich blank. Doch wann können wir wieder mit dem Aufschwung des Tourismus rechnen? Was wird sich ändern und was kommt auf uns zu?

Travelnews hat nach den beiden Experten Interviews mit Prof. Dr. Christian Laesser und Dr. Monika Bandi nun auch mit Professor Dr. Jürg Stettler der Hochschule Luzern zu diesen und weiteren Themen gesprochen.


Herr Stettler, wenn sich das Verhalten der Konsumenten in Zukunft hinsichtlich Ferien und Reisen verändern wird, in welche Richtung wird es sich verändern?

Momentan ist es aufgrund von Regulierungen, Einschränkungen, fehlender Erreichbarkeit und Quarantäneproblematik gar nicht möglich, so zu reisen, wie man bisher gereist ist, oder wie man gerne reisen würde. Die Frage wie sich dies mittel- oder langfristig verändert, ist absolut von der Entwicklung der Pandemie, der Fallzahlen und von Regulierungen abhängig. Es ist davon auszugehen, dass es früher oder später medizinische Behandlungen, kleinere Risiken oder ein Impfstoff gegen das COVID-19 Virus geben wird. Jedoch je länger die aktuelle Situation anhält, umso mehr wird man alternative Ferien oder Reiseerfahrungen machen, welche auch positiv sind. Die grundsätzlichen Reisebedürfnisse dürften sich zwar nicht grundlegend ändern. Aber es könnte trotzdem zu Veränderungen im Reiseverhalten führen, in Bezug auf die Art und Weise wie man diese Reisebedürfnisse befriedigt.

Prof. Dr. Jürg Stettler

Spielen noch andere Faktoren eine Rolle, als nur das Bedürfnis zu Reisen?

Ja, es gibt neben der gesamten Corona-Konstellation noch zwei weitere Faktoren, welche in dieselbe Richtung wirken. Erstens die gesamte Klimapolitik, Stichwort Greta. Die Klimaproblematik ist nicht verschwunden, sie ist momentan allerdings ein wenig in den Hintergrund gerückt. Dennoch hören wir immer wieder von den Temperaturentwicklungen wie Hitzerekorde. So ist davon auszugehen, dass gegen solche Klimaentwicklungen in Zukunft etwas unternommen wird und wir dann mit Regulierungen wie steigenden Flugticketabgaben rechnen müssen. Die Themen Klima und Nachhaltigkeit werden auch eine gesellschaftliche Veränderung mit sich bringen.

Denn es wird in Zukunft ein relevanteres Thema werden und man wird als Folge davon, mehr oder weniger freiwillig, weniger reisen. Weiter, und damit der möglicherweise mittel- oder langfristig wichtigste Punkt, ist die wirtschaftliche Entwicklung. Es ist nicht auszuschliessen, dass es zu einer Rezession kommen und als Folge davon die Arbeitslosigkeit steigen wird und die Löhne sinken werden. Zudem wird der Tag kommen, an dem alle die enormen Staatsausgaben zurückbezahlen müssen. Dies führt dann dazu, dass die Staaten weniger Geld haben und möglicherweise die Steuern erhöht werden. Dadurch werden die Menschen schlicht weniger Geld zur Verfügung haben und damit auch weniger Geld für Ferien. Das eigentliche Reisebedürfnis «unbeschwert zu Reisen» wie es vorher möglich war, wird in den kommenden Jahren nicht mehr im selben Ausmass möglich sein. Dies kann in der Summe der drei Faktoren, wenn sie länger anhalten, durchaus dazu führen, dass wir weniger oft reisen und auch weniger weit reisen werden. Ob wir dann einmal längere Ferien machen statt dreimal Kurzferien, ist abhängig davon, ob man das nötige Geld und vor allem auch die zeitliche Flexibilität dazu hat.

«Die Situation ist gravierend und es ist noch lange nicht ausgestanden»

Sind die Themen Nachhaltigkeit und bewusstes Reisen nur ein kurzfristiger Trend, oder wird das langfristig anhalten?

Es zeigt sich schon länger, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Angeboten zugenommen hat. Das Bewusstsein für dieses Thema und auch die Bereitschaft für nachhaltige Angebote mehr Geld auszugeben, ist stärker geworden. Dieser Trend wird nicht nur auf der Nachfragerseite grösser, sondern auch auf der Anbieterseite, was in der Vergangenheit viel weniger der Fall war. Aktuell spielen Nachhaltigkeitsaspekte beim Reiseentscheid der meisten Reisenden aber noch eine untergeordnete Rolle. Zudem ist auf Anbieterseite eher zu sehen, vor allem bei Airlines, dass man einfach möglichst schnell zurück zur Normalität will – koste es was es wolle. Meiner Meinung nach ist dies zu kurzfristig gedacht. Es ist verständlich und nachvollziehbar, dass das wirtschaftliche Überleben der Unternehmung im Vordergrund ist, aber aus einer langfristigen Perspektive nicht ausreichend, denn die Welt und damit auch die Nachfrage werden nach oder mit COVID-19 anders sein. Jedoch sage ich immer, Nachhaltigkeit hat 3 Dimensionen und die eine davon ist die Wirtschaft. Wenn eine Firma die Krise nicht überlebt, so ist dies auch nicht nachhaltig. Es ist eine enorme Herausforderung in der aktuellen Situation dem Thema Nachhaltigkeit gerecht zu werden.

Wie wird sich die Angebotsgestaltung verändern?

Das Angebot wird sich den zukünftigen Umständen anpassen müssen. Das passiert schon jetzt: Es gibt bereits sehr innovative Angebot von Veranstaltern, veränderte Buchungskonditionen und angepasste Stornierungsmöglichkeiten. Das sind alles Veränderungen der Angebote, die aufgrund der Corona-Pandemie entwickelt, oder angepasst wurden. Was leider zu befürchten ist, ist, dass es auf dem Weg dieser Veränderungen zu einigen Konkursen kommen wird. Denn die Nachfrage wird sich nicht so schnell erholen. Es ist nicht nur der Bereich der Privatreisen, der sehr wichtig ist für Airlines, Destinationen und Anbieter. Auch die Geschäftsreisen sind ein sehr wichtiges Segment für den Tourismus. Ein Teil der Geschäftsreisen wird schlicht nicht mehr stattfinden, da er durch digitale Formate ersetzt wird. Zudem wird der geschäftliche Reiseverkehr erst wieder zunehmen, wenn die Wirtschaft über Alles gesehen wieder wachsen wird.

Wie werden sich Reisende, Destinationen und Veranstalter in Zukunft verhalten? Werden sich alle besser absichern wollen, wenn es um Ferien und Reisen geht?

Das ist momentan sehr schwierig abzuschätzen. Regulierungen sind zurzeit sehr unberechenbar und können sich rasch und markant ändern. In den letzten 30 Jahren war die Entwicklung des Reisens so, dass in jeder Hinsicht alles einfacher wurde: Die Erreichbarkeit der Flugverbindungen, Grenzübertritte und Visa-Beantragungen beispielsweise.

Dies führte dazu, dass es für uns zur absoluten Selbstverständlichkeit wurde, dass wir überall hinkommen, zu jeder Zeit und das ganze verbunden mit einem extrem tiefen Preis. Man hatte den Eindruck, dass Reisen in der Schweiz, in Deutschland oder im Fernen Osten einerlei waren, weil uns alles so einfach gemacht wurde. Dies dürfte sich nun aber ändern. Wir werden mit dem Corona-Virus leben müssen und somit nimmt automatisch die Bedeutung der Sicherheit und der medizinischen Versorgung zu. Auch die Umbuchungs- und Stornierungsflexibilität wird an Bedeutung gewinnen. Auf Nachfragerseite genau wie auf Anbieterseite. Als Kunde erwarte ich diese Flexibilität, als Anbieter bin ich gezwungen sie anzubieten.

Kann die Corona-Pandemie auch eine Chance für den Tourismus sein?

Ja, Chancen gibt es, aber die Risiken sind um ein Vielfaches grösser und die meisten werden im Tourismus momentan verlieren. Bei vielen geht es aktuell darum, den Konkurs zu vermeiden und das Überleben der Firma zu sichern. Die Situation ist gravierend und es ist noch lange nicht ausgestanden. Die wirkliche Problematik wird erst noch kommen, wenn die Kurzarbeitsentschädigung der Mitarbeitenden auslaufen und die Unternehmen gezwungen sind, ihre Kredite zurück zu zahlen. Es wird so sein, dass einige Unternehmen es nicht durch die Krise schaffen werden. Damit verbunden ist die Bereinigung des Tourismusangebotes unumgänglich.

Für wen ist die aktuelle Krise ein Vorteil?

Zum Beispiel für Firmen, die ein digitales Geschäftsmodell haben. Ebenfalls Anbieter die im Schweizer Markt tätig sind. Diese hatten bis anhin Nachteile, aus dem einfach Grund, dass sie ein beschränktes Wachstumspotential haben. Nun profitieren diese am meisten von der Krise. Wobei man auch hier nicht nur von Gewinnern sprechen darf. Die Bergregionen sind absolut im Vorteil, wohingegen die Städte Mühe haben, genügend Gäste für sich zu gewinnen.

«Reisebüros müssen jetzt zuerst überleben»

Wird es Veranstalter im Outgoing-Bereich geben, die sich nach der Krise ein zweites Standbein mit Schweiz-Angeboten aufbauen werden?

Wann nehme ich ein Reisebüro in Anspruch? Wenn ich ein Land bereisen will, das keine einfachen Buchungsmöglichkeiten bietet und wenn ich Länder bereise, welche auch sonst nicht einfach zu bereisen sind, wie beispielsweise hinsichtlich Infrastruktur, Politik, Sprache und Reisebestimmungen. Hier brauche ich qualifizierte Zusatzinformationen und die hole ich mir in einem Reisebüro. Wenn ich in der Schweiz Ferien machen möchte, brauche ich keinen Reiseveranstalter der mir hilft. Entweder habe ich die nötigen Informationen schon, oder ich frage die Tourismusorganisation in der Destination an, welche mir die nötigen Informationen liefert. Aus diesem Grund ist es für ein Reisebüro praktisch nicht möglich, auch noch Schweiz-Angebote zu kreieren und damit Geld zu verdienen.

Das heisst? Was wird geschehen mit den Reisebüros?

Überleben wird, wer die Reisemöglichkeiten, die es jetzt noch gibt, ausschöpft. Zuerst müssen die Reisebüros jetzt überleben und sich dann agil ausrichten, auf die Reisemöglichkeiten, die sich dann bieten und auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen. In Moment hoffen die meisten, dass wir zurück zur gewohnten Normalität kehren. Ständig hören wir den Vergleich «bis zum Jahr 2022, 2023 oder 2024 wird es wieder so sein wie 2019». Meine Vermutung jedoch ist, es wird nicht mehr so sein, wie es einmal war. Es wird anders sein, man weiss nur noch nicht so genau wie fest anders es sein wird. Sicher ist, es wird für viele ganz schwierig werden.