Tourismuswelt

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Werden die Touristenmassen in Venedig wieder zurückkommen, oder wird sich der Tourismus verändern? Bild: Fabian Keller

«Im Best case sind wir im Sommer 2021 draussen»

Von Nadia Imbaumgarten

Zu Fragen rund um das Konsumentenverhalten und die Angebotsgestaltung sagt Professor Dr. Christian Laesser im Interview, was Reisende und Reiseanbieter in der zukünftigen Reisewelt anders machen werden.

Die Reisewelt steht Kopf. Keiner weiss, was als nächstes kommt, und wohin die Krise noch führen wird. Werden wir in alte Muster zurückfallen, oder lernen wir nun alle bewusster und nachhaltiger zu Reisen? Wie wird sich die Angebotsgestaltung verändern?

Interessante Antworten haben wir von Professor Dr. Christian Laesser erhalten.

Prof. Dr. Christian Laesser

Wie wird sich das Konsumenten-Verhalten hinsichtlich Ferien und Reisen verändern?

Dies ist extrem schwierig zu sagen. Zahl und Ausmass von Veränderungen sind im wesentlichen abhängig davon, wie lange diese Gesundheitskrise andauern wird. Im «Best case» sind wir im Sommer oder Herbst 2021 ansatzweise draussen. Doch es kann auch sein, dass es lange weiter «köcheln» wird. Der Aktionsradius der Menschen ist durch die gesundheitlichen Bedenken eingeschränkt. Momentan treffen die allerwenigsten komplett freiwillige Entscheidungen, wenn es um ihre Ferien/Reisen geht. Vereinfacht gesagt sind die diesbezüglichen Optionen, welche man sonst hat, derzeit limitiert und Menschen unternehmen halt, was möglich ist. Bis das Verhalten grundlegend verändert würde, müssten diese Einschränkungen sehr lange andauern. Wenn wir Glück haben und wir im 2023 aus der Krise draussen sind, gesundheitlich gesehen, glaube ich nicht, dass viel passieren wird.

Als zweiter Faktor kommt die wirtschaftliche Entwicklung ins Spiel. Auch hier ist es davon abhängig, wie lange und wie heftig diese Rezession andauern wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass Tourismus immer noch «Einkommens-elastisch» ist: Wenn die Einkommen zurückgehen, dann wird auch die Nachfrage zurückgehen. Wenn man etwas beobachten kann, dann am Ehesten noch etwas wie eine Verwesentlichung beim Reisen. Auf den kurzfristigen Partytrip wird vielleicht eher mal verzichtet, ausser ich habe irgendwo unlimitierte finanzielle Mittel. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden sich genug verschlechtern, so dass der Reisefranken 2 Mal gedreht wird und finanzielle Ressourcen fokussierter eingesetzt werden, im Sinn von: für was werde ich noch Geld ausgeben? Man darf nicht vergessen, Reisen steht im Wettbewerb zu anderen Ausgabe-Kategorien.

Welche Gefahren und Chancen bringt die Corona-Pandemie dem zukünftigen Tourismus?

Kann man schlichtweg nicht generalisieren. Was man sagen kann ist, dass Mobilität und damit teilweise touristische Mobilität Hauptursache, aber auch Hauptempfänger der Corona-Pandemie sind. Generell können wir die Chancen und Gefahren noch nicht abschätzen. Das ist Kontext und national getrieben, da sind sehr viele andere Faktoren, welche auch noch mitwirken. «Die Krise als Chance nutzen» ist vor dem Hintergrund der realisierbaren Möglichkeiten nicht mehr als ein Bonmot.

«Es gibt Diskussionen wegen einer Pandemieversicherung. Ob die zahlbar und sinnvoll ist, muss sich weisen.»

Wie wird sich die Angebotsgestaltung bis in 2025 verändern?

Nichts Wesentliches - ausser vielleicht, dass bestehende Entwicklungen beschleunigt werden. Nehmen wir das Beispiel der Digitalisierung, welche Potentiale für Automatisierungen und Neudesign von Prozessen, inklusive Rückdelegation an den Kunden im Rahmen von Self-Service, eröffnet. Diese Entwicklung bietet auch Chancen für Produktivitätsverbesserungen oder ein Überdenken der Geschäftsmodelle in dieser eher margenschwachen Branche. Allerdings ist man als Anbieter momentan gleichermassen eingeschränkt wie als Nachfrager. Werden in Zukunft aber diese Beschränkungen aufgehoben ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass sich hier – neben bereits absehbaren Entwicklungen - fundamental bis 2025 etwas verändern wird. Ich sage lakonisch: Am Ende des Tages wollen alle nun möglichst schnell wieder Geld verdienen. Die Staaten wollen Geld, der Incoming-Tourismus will Geld, sie werden alles daran setzen, dass wieder eine Wertschöpfung entsteht. Welche Innovationen aus dieser Krise hervorgehen werden, wird man sehen.

Was werden Reisende, Reiseanbieter und Dienstleister vor Ort in Zukunft anders machen?

Es ist ein globales Ereignis und dagegen kann ich mich nur beschränkt schützen. Krisenresistenz ist unter anderem eine Funktion von Diversität und Diversifikation. Beispielsweise sollte man nicht nur einen Kundenstamm haben und auch Geschäftsmodelle weiterentwickeln und anpassen können. Die Frage ist: Was nimmt die Industrie von den Innovationen nachher noch mit? Ganz einfaches Beispiel: Wenn die Skigebiete die Zahl der Skifahrer aus gesundheitlichen Gründen vielleicht beschränken müssen, entsteht ein «Window of Opportunity» für eine konsequente Kapazitätsbewirtschaftung und -bepreisung, ähnlich wie sie Hotels und Airlines schon lange haben. Die Kunden werden lernen, dass sie, wenn sie nicht rechtzeitig kaufen, an ihrem gewünschten Tag vielleicht nicht mehr in ein Skigebiet kommen. Die Kommunikation einer solchen Massnahme wird darüber hinaus vereinfacht, da die «Schuld» an diesem Vorgehen nicht die Bergbahn, sondern ein ausserordentliches Ereignis trägt. Nun: Werden sie so agieren? Und werden sie diese Massnahme nach der Corona-Zeit weiterführen? Man darf gespannt sein, wer hier wie starke Nerven hat.

Es gibt viel Ungewissheit. Momentan sind einfach alle damit beschäftigt, irgendwie die Zeiten finanziell zu überleben und nach Möglichkeit mit kleineren Massnahmen mehr aus jedem einzelnen Gast zu holen.