Tourismuswelt

Viele Touristiker frönen ihrem Job mit viel Leidenschaft. Nun ist Leidenschaft weniger bei der Reisegestaltung und vielmehr bei der Suche von gangbaren Wegen aus der Krise gefragt. Bild: Ian Schneider

Kommentar Jetzt sind Visionäre und Unternehmer gefragt

Jean-Claude Raemy

Es wird leider erst mal schlimmer, bevor es besser wird. Eine Rückkehr zur Tourismuswelt 2019 ist kaum denkbar. Wer findet das Rezept gegen diese beispiellose Krise?

140. 170. 70. Restrukturierung. Schliessung. - Hinter den nackten Zahlen und den Management-Begriffen stehen Hunderte Jobs, und damit unmittelbar auch Existenzen.

Die eingangs genannten Zahlen beziehen sich natürlich auf den angekündigten Abbau von Arbeitsplätzen bei den Grossveranstaltern Kuoni, Hotelplan und TUI Suisse. Bei Knecht, Globetrotter und FTI fallen ebenfalls zahlreiche Jobs weg; weniger klar quantifiziert, aber angekündigt und zumindest teilweise bereits umgesetzt. Und dann sind da noch alle inhabergeführten Reisebüros, welche entweder bereits geschlossen wurden oder dies möglicherweise noch vor sich haben. Im Falle des Ausbleibens einer Hilfeleistung durch den Bund – der Entscheid fällt am 26. August - wird es einige treffen.

So richtig quantifizierbar ist die Kontraktion der Reisebranche in der Schweiz noch nicht, im persönlichen Gespräch schwanken die Einschätzungen hinsichtlich der Konkurswelle bei allen zu Jahresbeginn noch aktiven Outgoing-Reiseunternehmen in der Schweiz  zwischen 20 und 50 Prozent. Und da auch für 2021 immer noch von einem deutlich tieferen Nachfrage-Niveau als ursprünglich angedacht ausgegangen wird, könnte es solche, welche das «annus horribilis» 2020 überstehen, immer noch verspätet treffen. Zumal die Hilfeleistungen, sofern sie überhaupt kommen, nicht ewig anhalten werden.

Es wird alles versucht

Was ist diesem beispiellosen Zerfall entgegenzusetzen? Interessant ist etwa zu beobachten, wie Kuoni (DER Touristik Suisse), welcher als letzter Grossveranstalter eine konkrete Abbauzahl nannte und dabei die Anzahl zu schliessender Reisebüros noch gar nicht festhielt, vorgeht: Man versucht zu retten, was geht. Zum einen werden Adressen/Dossiers von nicht mehr überlebensfähigen/-willigen Reisebüros gekauft, zum anderen versucht man, wie seit längerem schon, Shop-in-Shop-Konzepte zu pushen, wohl um Mietkosten zu senken. Ob das reicht? Trotz der gestrigen Ankündigung verharren zahlreiche Mitarbeitende in Angst, denn erst in den kommenden Wochen werden Schliessungsentscheide gefällt, kommuniziert und umgesetzt. Gemäss Kuoni wird der Abbau um 140 FTE alle Bereiche gleichermassen, anteilsmässig zur Grösse im Konzern, treffen; die Filialmitarbeitenden sind hierbei bereits eingerechnet.

Aber eben, reichen solche Massnahmen? Möglicherweise werden damit fürs Erste Filialen und Jobs gerettet; wesentlich ist aber die Grosswetterlage in der Tourismusindustrie weltweit. Letztere muss sich vorerst mal auf harte Zeiten einstellen. Die Hoffnung, bei der nächsten wichtigeren Saison wieder Geld machen zu können, hat sich im Verlauf von 2020 immer wieder als Irrtum herausgestellt. Die Hoffnung ist vielerorts der Ratlosigkeit und Existenzangst gewichen.

Nun ist sich die Tourismusindustrie ja Krisen gewohnt, kleinere (Naturkatastrophen, Kriege etc.) sowieso, aber im Verlauf der letzten Jahrzehnte gab es in etwa eine grosse Krise pro Jahrzehnt. Die Rede ist von der globalen Rezession zu Beginn der 90er Jahre, vom «9/11-Schock» 2001 und von der globalen Finanzkrise 2008. Bei allen zeigten sich schon zuvor Kontraktionsanzeichen, die Erholung kam dann aber innert relativ vernünftiger Zeit. Dieses Mal traf die Corona-Pandemie eine Industrie in voller Expansion, zu deren Problemen «Overtourism» gehörte. Die aktuelle Kontraktion der Branche erreicht nun auch ein nie dagewesenes Ausmass, weil sie buchstäblich die ganze Welt und alle Mitglieder der touristischen Wertschöpfungskette gleichermassen trifft. Hotels, Airlines, Veranstalter, Reisebüros, Aktivitätenanbieter, DMC, you name it – praktisch alle berichten seit Wochen nur über Rekord-Rückgänge. Und überall wird versucht zu retten, was zu retten ist. Gesundheitsprotokolle und gutes Zureden reichen jedoch nicht. Die Kostensparmassnahmen und damit Entlassungen sind praktisch überall unausweichlich geworden.

Das Know-how darf nicht auf der Strecke bleiben

Wie weiter? Der zentrale Challenge der Tourismusindustrie ist, das Vertrauen der Reisenden wieder zu gewinnen. Das bedingt leider auch Rahmenbedingungen, welche politisch gesetzt werden und ausserhalb der direkten Kontrolle der Industrie liegen. Vertrauen hat aber auch viel mit persönlicher Beziehung zu tun. Das beginnt bei der Reisevermittlung und betrifft auch die Reisedienstleistung per se, im Flugzeug, Hotel oder anderswo. Das Investment der letzten Jahre in Humankapital wird nun gerade wieder zunichte gemacht, im üblichen Reflex, wonach Personal in Krisenzeiten nur noch als Kosten- und nicht mehr als Gewinnfaktor betrachtet wird. Das birgt auch Gefahren; die Automatisierung vieler Prozesse mag nun weiter zunehmen, macht jedoch den «Human Factor» gerade in der Reisewelt bei Weitem nicht obsolet. Jedoch ist auch kein «back to normal» zu erwarten, sondern wie immer nach grossen Krisen eine weitgehend neu geordnete Reisewelt.

Wer den Spagat schafft, die Kosten im Griff zu behalten ohne das gesamte Know-how zu verlieren, und Mensch und Maschine ideal verbinden kann mit einer klaren Rolle und Positionierung innerhalb der touristischen Wertschöpfungskette, kann durchkommen. Jetzt sind jetzt Visionäre und, ja, Unternehmer gefragt.