Tourismuswelt

Tourists_sankalp-sharma.jpg
Touristen bringen Geld und damit Lebensgrundlagen in die entlegensten Orte - hier etwa nach Leh im äussersten Norden Indiens. Deshalb ist der Erhalt einer funktionierenden Reiseindustrie kein lokales, sondern ein globales Anliegen. Bild: Sankalp Sharma

Einwurf Auf in die Tourismus-Zukunft – statt auf direktem Weg in die Armut

Von Raphaël Surber

Schwarze Listen, Ampelsysteme, ständig ändernde Quarantänebestimmungen mit komischen Ausnahmen – seien wir ehrlich: wer hat da noch den Überblick. Und vor allem: wer hat da noch Lust, ans Reisen zu denken, geschweige denn, Pläne zu schmieden. So kann das nicht weitergehen, werte Staatengemeinschaft.

Nachdem nun jedes Land während Monaten sein eigenes Corona-Massnahmen-Süppchen gekocht hat, wäre es jetzt an der Zeit, endlich zusammenzustehen und gemeinsam Pläne zu erarbeiten, wie man den internationalen Personenverkehr mit beziehungsweise trotz Corona wieder zum Laufen bringen kann. Denn, seien wir ehrlich, so kann es ja nicht weitergehen.

Im Moment macht es leider noch den Anschein, als strebten die einzelnen Länder wider besseres Wissen eines der drei folgenden abenteuerlichen Szenarien an, die da wären:

  • Coronafrei zu werden. Etwa so, wie sich Neuseeland lange Zeit mit stolz geschwellter Brust gab, bis letzte Woche neue Fälle auftauchten. Dass es «coronafrei» in Zeiten einer grassierenden, weltumspannenden Pandemie gar nicht geben kann (und dies auch nicht unbedingt erstrebenswert ist), wird geflissentlich ausgeblendet.
  • Herdenimmunität: All jene, die daran glauben, dass erst mit der Herdenimmunität ein regulierter weltweiter Personenverkehr wieder denkbar wird, sollte besser nochmals nachrechnen.
  • Impfstoff – der Stoff aus dem die Träume sind. Vielleicht werden wir tatsächlich in naher oder auch entfernter Zukunft einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 haben. Vielleicht aber auch nicht. Oder er wird nicht die gewünschte Wirkung zeigen, oder das Virus mutiert. Oder es springt ein neues, verheerendes Virus auf die Menschen über und setzt zu einer weiteren pandemischen Ausbreitung an.

Alles nur eingeschränkt bis gar nicht weitsichtig. Denn bis eines der drei Szenarien eintrifft, ist der wirtschaftliche Motor, der auch vom Tourismus angetrieben wird, abgewürgt. Hunderte Millionen von Menschen, die direkt oder indirekt davon leben, dass sich die Menschen über den Globus schieben, Ferien machen, auf Geschäftsreisen gehen oder aus anderen Gründen reisen, verlieren ihre Existenzen. Das ist für jeden einzelnen schlimm – sowohl für die Reisebüro-Angestellte in St. Gallen wie für den Wachmann im Tauchresort auf den Philippinen, um mal zwei verschiedene Enden der gleichen Geschichte zu nennen. Doch während die Reisebüro-Mitarbeiterin vermutlich aufs RAV gehen kann, Optionen prüfen und sich gegebenenfalls umorientieren kann, schlittert der Wachmann mitsamt der ganzen Familie ziemlich unmittelbar in die Armut.

Es ist deshalb an der Zeit, dass sich die Staatengemeinschaft zusammenrauft und gemeinsam nach Lösungen und Wegen sucht, wie der globale Personenverkehr wieder möglich wird. Mit Corona oder eben trotz Corona. Denn so wie wir Dengue oder Malaria, unterschwellige bewaffnete Konflikte in Tourismusregionen oder andersartige Risiken auf Reisen miteinkalkulieren, sollten wir auch lernen, Corona als Risiko miteinzukalkulieren.

Es muss möglich sein, dass mit allgemein geltenden, einheitlichen Massnahmen rund um den Globus auch in Zeiten von Corona ein einigermassen funktionierender Tourismus besteht und die Grenzen für alle offen sind. So wie es etwa auch das World Travel & Tourismus Council (WTTC) zusammen mit den CEOs führender Tourismusunternehmen auf der ganzen Welt gerade eben in einem offenen Brief fordert.

Dafür zu plädieren hat nichts mit einem elitären Anspruch zu tun, Reisen zu wollen und zu können. Es hat vielmehr damit zu tun, dass eine Wiederaufnahme eines weltweiten Tourismus Abermillionen von Menschen vor der Armut bewahren kann.