Tourismuswelt

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Machen in diesem Jahr deutlich mehr Schweizer Ferien in der Schweiz – wie hier auf dem Brienzer Rothorn? Bild: Swiss-Image, Ivo Scholz

Der Corona-Einfluss auf das Schweizer Reiseverhalten

Die Fragezeichen um das künftige Reiseverhalten werden immer grösser. Solange die Corona-Pandemie anhält, bleibt offen, wohin die Reise von Schweizerinnen und Schweizern in den nächsten Jahren führen wird.

Traditionell liegt Mitte Jahr die Publikation «Schweizer Tourismus in Zahlen» auf. Die Broschüre des Schweizer Tourismus-Verbands (STV) ist heute herausgekommen – und zeichnet ein bizarres Bild. Denn vom beschriebenen Rekordjahr 2019 ist nichts mehr geblieben. Die statistische Realität des Schweizer Tourismus hat sich um 180 Grad gewendet.

Im Jahr 2019 konnten fast alle Bereiche zulegen. Die Hotellerie in der Schweiz markierte mit 39,6 Millionen Logiernächten den bisherigen Höchststand. Ebenso die Parahotellerie mit 16,7 Millionen Logiernächten. Die schweizerische Nachfrage erreichte in der Hotellerie einen Rekordwert von 17,9 Millionen Logiernächten.

Doch dass Schweizer vermehrt Ferien in der Schweiz machen, heisst dies noch nicht. Denn Rund zwei Drittel verbrachten in den letzten Jahren ihre Ferien im benachbarten oder fernen Ausland, so auch im letzten Jahr. Dass die Schweizer gerne ins Ausland reisen, zeigt sich nach wie vor auch an der Fremdenverkehrsbilanz – also der Gegenüberstellung der Einnahmen ausländischer Gäste in der Schweiz und den Ausgaben der Schweizerinnen und Schweizer im Ausland –, welche seit 2016 stets negativ ausfällt aus Sicht der Schweizer Touristiker. 2019 lag dieses Verhältnis bei 17,8 Milliarden Franken Einnahmen im Vergleich zu 18,6 Milliarden Franken Ausgaben.

Schweiz-Run bleibt bisher aus

Jetzt steht die Reisewelt aber Kopf. Die Einbrüche bei Auslandreisen sind historisch. Und auch Schweizer Hotels und Destinationen, allen voran die Städte, werden in diesem Jahr so schlecht abschneiden wie nie in den letzten wohl 30 Jahren. Die Hoffnung, dass die halbe Schweiz nun in diesem Sommer die Schweizer Hotels stürmt, hat sich zerschlagen. Klar sind einige Hotels und Campingplätze in den Sommerferien ausgebucht, doch der grosse Run blieb bisher aus.

Gerade bei Schweizer Destinationen bestand bisher die Hoffnung, dass jene Schweizer, die sonst ins Ausland fahren, endlich mal hier Ferien machen – und dies mit solcher Begeisterung, dass sie einen Schweiz-Aufenthalt auch in Zukunft öfters in Betracht ziehen. Doch für dieses Szenario fehlen bisher die Indizien. Bis aussagekräftige Vergleichszahlen vorhanden sind, wird es noch länger dauern. Aktuell bewegen sich die Logiernächtezahlen im absoluten Sinkflug. Die diese Woche publizierte Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen für den Monat Mai 540’000 Logiernächte von Schweizern, ein Rückgang von 56 Prozent zum Mai 2019.

Was derzeit erschwerend hinzukommt: Schien die Corona-Pandemie noch bis vor zwei Wochen bald schon passé zu sein, sind die Infektionszahlen nun wieder deutlich angestiegen. Parallel dazu dürfte die Lust sinken, sich ins Feriengetümmel zu stürzen oder definitive Buchungen vorzunehmen. Hört man sich derzeit im persönlichen Umfeld um, ist viel von geplanten Tagesausflügen die Rede, die einem eben die grösstmögliche Flexibilität offenhalten.

Zwar meldet heute Switzerland Travel Centre einen Buchungszuwachs von 350 Prozent bei Schweizer Gästen. Doch hier fehlt die Vergleichbarkeit. Denn in anderen Jahren hat STC praktisch ausschliesslich im Ausland Schweiz-Ferien verkauft und pusht nun erst seit Neuem das Reiseland Schweiz auch bei Schweizer Gästen.

Die Frage bleibt also weiterhin offen, wo Schweizerinnen und Schweizer künftig bevorzugt ihre Ferien verbringen. Erste Buchungen fürs Mittelmeer oder die Schweizer Alpen zeigen zwar, dass der Ferienhunger nicht erloschen ist. Doch welchen Einfluss Covid-19 auf das künftige Reiseverhalten hat, bleibt noch unklar.

(GWA)