Tourismuswelt

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Sunday Press Bedingungslose Bundesratsmilliarden für die Luftfahrt?

Von Jean-Claude Raemy

Das Rettungspaket für Airlines und Flughäfen sorgt für hitzige Diskussionen. Der Bundesrat hat nur wenige Auflagen gemacht. Die Airlines sind aber nicht von Klimazielen entbunden. – Swissport droht der Kollaps - und damit auch den Schweizer Flughäfen. – 430 Hotels sind in der Schweiz weiterhin geöffnet.

Die bundesrätlichen Milliarden für die Luftfahrt sorgen für Diskussionen

Der «SonntagsBlick» bietet ein Interview mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Darin geht es unter anderem um die Frage, ob der Bundesrat die Milliardenkredite für die Luftfahrt nicht hätte an Bedingungen knüpfen sollen, etwa an Umweltbedingungen. Sommaruga antwortet darauf salomonisch: Es gehe primär darum, die Arbeitsplätze in der Schweiz zu sichern und weil die Luftfahrt für unser Land eine kritische Infrastruktur ist. «Klar ist aber auch: Die Klima- und Umweltschutzmassnahmen sind deswegen nicht ausgehebelt», so Sommaruga, «das Parlament ist kurz davor, ein CO2-Gesetz zu verabschieden, inklusive Flugticketabgabe. Ich gehe nicht davon aus, dass daran gerüttelt wird. Das Pariser Abkommen gilt nach wie vor.»

Der «SonntagsBlick» stellt sich auch die Frage, ob wirtschaftspolitische Hilfen mit politischen Anliegen verknüpft werden dürfen. Offenbar geht es nun nicht um Klimapolitik, sondern um die Sicherung von Arbeitsplätzen und die Anbindung des Landes. Kurz: Staatshilfen und politische Anliegen werden getrennt behandelt. Ausgerechnet der prominenteste Klimaforscher des Landes, Reto Knutti, findet das gut: «Ich verstehe die Verlockung, Massnahmen zur Rettung der Wirtschaft an Bedingungen für Klimaziele zu knüpfen.» Klimapolitische Entscheidungen müssten aber über einen langen Zeitraum vom Parlament und der Bevölkerung mitgetragen werden, so der ETH-Professor.

Interessant der Einwurf von Grünen-Präsidentin Regula Rytz: Es sei sinnlos, die Luftfahrt mit strukturerhaltenden Massnahmen zu unterstützen, da sich die Reisebranche nach der Corona-Pandemie ohnehin grundlegend verändern werde. Auch der Aviatik-Experte Andreas Wittwer von der Universität St.Gallen glaubt an eine Veränderung der Branche, allerdings mit negativen Folgen für das Klima. Denn es werde bis zu drei Jahre dauern, bis die Luftfahrt wieder profitabel sei, so Wittwer. «Sie wird darum weniger innovativ sein können und in der Entwicklung von synthetischem Treibstoff, der einzigen klimafreundlichen Alternative zu Kerosin, gebremst werden.»

Droht ein Grounding des grössten Flughafendienstleisters?

Dass auch die Flughafendienstleister unter der Coronavirus-Krise leiden, war bei Travelnews längst ein Thema. Nun bestätigt Swissport-CEO Eric Born gegenüber der «NZZ am Sonntag», dass die Firma bereit im Frühsommer insolvent sein könnte, sofern sie keine frischen Mittel erhält. Das wäre für die Flughäfen fatal: Swissport ist ein zentraler Akteur für den Betrieb der drei Landesflughäfen in Zürich, Genf und Basel.

Laut Born sind 80% der Umsätze innert weniger Wochen wegge­brochen. Von 65‘000 Mitarbeitern weltweit wurden seit Ende Februar 10‘000 entlassen und für 40‘000 wurde Kurzarbeit beantragt. Trotz allen Massnahmen geht der Mittelabfluss weiter. Zum Glück für Swissport konnte sich das Unternehmen im August 2019 erfolgreich refinanzieren. So stehen bis April 2024 keine Rückzahlungen an. Dadurch und dank der Erhöhung einer Kreditlinie noch im Februar dieses Jahres verfügte Swissport zu Beginn der Krise über gut 300 Mio. Euro als Cash-­Polster. Damit haben sich die guten Nachrichten aber schon erschöpft.

Das Unternehmen versucht unter Zeitdruck, bei den eigenen Investoren sowie beim Staat Hilfe zu finden. Der Bundesrat teilte allerdings diese Woche mit, dass er erst Ende April konkrete Vorschläge zur Stützung der Luftfahrt vorlegen will. Swissport ist ein besonders schwieriger Fall, weil die Firma dem hochverschuldeten Konzern HNA aus China gehört. Dass HNA der Tochter Swissport beispringen kann, bezweifelt Born: «Natürlich haben wir über den Verwaltungsrat beim Aktionär um finanzielle Unterstützung nachgefragt. Swissport selbst ist aber in China nicht tätig. Wir gehören dort nicht zu den systemrelevanten Infrastrukturfirmen.» Experten und Politiker diskutieren darüber, ob man ein solches Unternehmen finanzieren soll. Der Kanton Zürich hat als Hauptaktionär des Flughafens ein hohes Interesse am Überleben von Swissport. Doch Regierungsrätin Carmen Walker Späh schliesst einen Alleingang aus. Die Führungsrolle weist sie dem Bund zu.

Der Reisestopp stellt auch die Post vor Probleme

Ohne Passagierflüge ist die Post aufgeschmissen, wie die «SonntagsZeitung» berichtet. Swiss hat in den letzten Wochen den grössten Teil ihrer Flotte stillgelegt; nur noch 6 ihrer rund 90 Jets sind in der Luft. Und das ist für den gelben Riesen ein grosses Problem. «Als kleines Land mit einem eher beschränkten internationalen Postaufkommen verfügen wir über keine eigenen Flugzeuge oder eigens für uns reservierte Frachtflugzeuge», erklärt Sprecher Oliver Flüeler. Das heisst: Postsäcke mit Briefen und Päckli fliegen im Frachtraum der Airbus A220, A320 A330 oder Boeing 777 von Swiss mit.

Diese Möglichkeit fehlt jetzt, und das trifft die Schweizer Post hart. Für 34 Länder hat sie gleich einen Annahmestopp verhängt - darunter etwa Indien, Ghana oder Sri Lanka. Für China, Kanada, die Türkei und die USA gelten starke Einschränkungen. Termine kann die Post da kaum einhalten. Nicht nur ferne Länder sind betroffen. Auch der weitgehende Flugstopp innerhalb Europas trifft die Post.

Immerhin: Fluggesellschaften versuchen, ihre Kapazität zu erhöhen. Swiss etwa transportiert Güter einfach auf den Sitzen von Passagierflugzeugen und macht sie so temporär zu Frachtern. Swiss plant für die kommenden Wochen über 15 Flüge zwischen China und der Schweiz, 10 davon im Auftrag der Zürcher Kantonsapotheke. Passagier- in Frachtflieger umgewandelt hat Swiss bisher noch nicht, das könnte sich aber ändern. Man prüfe diese Option, so eine Sprecherin.

Damit wären die Probleme der Post aber noch nicht behoben. Es gehe um mehr als nur eine einfache Flugverbindung von Stadt X zu Stadt Y; es gehe um eine Lieferung zu einer spezifischen Adresse. Vom Coronavirus seien die einzelnen Länder ganz unterschiedlich betroffen. Je nach Fallzahlen unterschieden sich die Massnahmen - entsprechend unterschiedlich seien die Postgesellschaften der Länder auch eingeschränkt.

430 Hotels in der Schweiz sind weiterhin offen

«Bleiben Sie zuhause!», mahnt der Bundesrat mehr oder wenige erfolgreich. Verboten sind Reisen allerdings nicht. Und anders als Restaurants dürfen Hotels offiziell weiterhin geöffnet haben, weil Hotels systemrelevante Infrastruktur bieten, zum Beispiel Unterkünfte für Grenzgänger, für Krankenhauspersonal, Geschäftsleute und die Armee. Die meisten sind zwar zu, aber längst nicht alle, wie die «SonntagsZeitung» weiss.

Hotelleriesuisse hat eine Liste mit 430 aktuell offenen Häusern veröffentlicht. Vom Luxushotel in der Stadt über das Businesshotel an der Autobahnausfahrt bis zum einfachen Land- oder Berggasthof ist alles vorhanden. In Zürich sind unter anderem die Fünfsternhäuser Baur au Lac und Dolder offen, das trendige 25 Hours Hotel und das günstige Motel One. In Davos haben 4 eher einfache Hotels geöffnet, in Luzern und Bern je 14 Häuser in allen Preiskategorien. Auch viele Jugendherbergen sind trotz der Corona-Krise offen, aktuell 35 der 52 Häuser in der Schweiz.

Das Verzeichnis der offenen Hotels findet sich unter diesem Link, jenes der offenen Jugendherbergen unter diesem Link.

Stadthotels dürften mehr leiden als Alpenhotels

Die «SonntagsZeitung» bietet ein Interview mit Andreas Züllig, seit 29 Jahren Gastgeber im Viersternehaus Schweizerhof in Lenzerheide und aktuell Präsident des Dachverbands Hotelleriesuisse. Dieser hat Erfahrung mit Krisen.

Bei der aktuellen Krise leiden ihm zufolge momentan noch alle gleichermassen. Mittelfristig aber werde es die Städte diesmal härter treffen, so Züllig: «Die internationale Reisetätigkeit wird für längere Zeit tot sein. Das sehen auch die Fluggesellschaften so, die nun dauerhaft ihre Flotten reduzieren.» Die inländischen Gäste hingegen dürften bald wiederkommen - bestenfalls sogar zahlreicher, da sie zumindest anfangs weniger ins Ausland gehen werden. «Wir hoffen, dass wir im Mai langsam wieder loslegen können», sagt Züllig.

Vor allem für Graubünden sind die Aussichten gar nicht so schlecht. Die Ferienregion hat die Märkte Asien und Naher Osten bislang arg vernachlässigt, anders als Luzern, Interlaken oder Zermatt. 65 bis 70 Prozent der Gäste im Kanton stammen aus der Schweiz, der Rest aus dem Ausland - in anderen Ferienregionen ist das Verhältnis umgekehrt. Was bis vor kurzem als Manko galt, könnte sich nun als Glücksfall erweisen.

Die Krise kommt zu einer Zeit, als die Hotelleriebranche gerade glaubte, den Frankenschock endlich überwunden zu haben. Der letzte Winter war der beste seit Jahren. Bis Ostern war man gut ausgelastet, dann kam die Stornierungswelle. Züllig befürchtet, dass viele Betriebe die Krise nicht überleben werden. «Wenn das Virus überwunden ist, wird die Wirtschaftskrise folgen», sagt er. «Vor allem im unteren Segment wird vielen Leuten das Geld für Ferien im Hotel fehlen.»

Für den eigenen Betrieb hat Züllig Grund, optimistisch zu bleiben. Für den Tourismus insgesamt sieht er aber schwarz. «In der Schweiz stammen 55 Prozent der Logiernächte von ausländischen Gästen.» Wer auf diese angewiesen sei, könne 2020 vergessen, vielleicht auch 2021.

Berggemeinden grenzen Besitzer von Ferienwohnungen aus

Die «SonntagsZeitung» hält eine besondere Auswirkung der Coronavirus-Krise fest: Die plötzlich aufkeimende Ausgrenzung der «Unterländer» in den Tourismuskantonen. In guten Zeiten seien sie gerne geduldet, die Zweitwohnungsbesitzer aus Zürich, Basel oder dem Aargau, da sie Steuern und Abgaben bezahlen und lokal einkaufen. Oftmals zahlen sie mehr in eine Gemeinde ein als mancher «Erstbewohner». Es sei ein teurer Deal, auf den sich die Unterländer einlassen. In Krisenzeiten zeige sich nun, dass er keinen Wert hat: Die Tourismusgebiete zeigen ihr hässliches Gesicht.

So verlangt der Krisenstab in Graubünden, dass Ferienhausbesitzer «unverzüglich Anzahl und Alter der Personen melden, die sich in der Wohnung aufhalten». Der Gesundheitsdirektor warnt im Radio vor Reisen in seinen Kanton, weil die medizinische Infrastruktur an den Anschlag kommen könnte - und unterschlägt dabei, dass die meisten Spitäler Kurzarbeit einführen mussten. Am Gotthard befragen Urner und Tessiner Polizisten die Autofahrer nach den Gründen ihren Fahrten und versuchen sie zum Umkehren zu bewegen.

Dass es auch anders geht, beweisen die Berggebiete in Bern und im Wallis. Dort wird nicht penetrant unterschieden zwischen Einheimischen und «fremden Fötzeln». Es wird ganz nüchtern auf die allgemeinen Verhaltens- und Hygieneregeln hingewiesen.

Boom von Zoom: Das jähe Ende

Wer im HomeOffice aktiv ist, hat in den vergangenen Wochen sicherlich einmal die Telekommunikations-Plattform Zoom gebraucht, oder zumindest davon gehört. In wenigen Wochen schnellte die Nutzerzahl von Zoom um das 20-Fache in die Höhe. Mehr als 200 Millionen Personen verwenden inzwischen die App des Videodienst-Anbieters aus den USA. Zoom war die perfekte Lösung: von jedem beherrschbar, übersichtlich, unkompliziert.

Inzwischen häufen sich aber die Negativmeldungen, wie der «SonntagsBlick» festhält. Ohne Zustimmung der Nutzer wurden deren Daten an Facebook weitergegeben. Und obwohl das anfänglich behauptet wurde, gibt es keine End-toEnd-Verschlüsselung. «Zoom hat sicherheitstechnisch komplett versagt», meint Volker Birk, Gründer der Verschlüsselungssoftware Pretty Easy Privacy, im Nebenberuf Sprecher des Hackervereins Chaos Computer Club Schweiz. Fehlende End-to-End-Verschlüsselung bedeutet: Die Videositzungen können von Fremden mitgehört werden. Und die Informationen laufen durch den Server von Zoom. Weil dort alles entschlüsselt wird, können Zoom und jeder, der an den Server rankommt, mitlauschen.

Da man für die Teilnahme lediglich den entsprechenden Link benötigt, kann zudem jeder, der an diesen Link kommt – also auch Unbefugte – an der Konferenzschaltung teilhaben, die Kontrolle über das Gespräch ergreifen, eigene Inhalte darin verbreiten. Und sogar schädliche Programme in die Computer der Teilnehmer einschleusen.

Unternehmen, die bis vor kurzem mit Zoom hantierten, lassen nun die Finger davon. Google liess erst diese Woche betriebsintern sämtliche Zoom-Applikationen löschen.

Vermischtes

Es gibt auch in der «reisefreien Corona-Zeit» ein paar Artikel, die an fremde Orte entführen, in den Sonntagstiteln zu finden. Im Magazin der «NZZ am Sonntag» etwa gleich deren zwei: Ein längerer Bericht über die Insel Sansibar vor Tansania, «ein Ort der Sehnsucht, an welchem Abenteurer, Aussteiger, Künstler und Digital Nomads regelmässig für immer bleiben», sowie ein Bericht über das Wandern auf dem Gurten bei Bern, bei dem Vergleiche zum Zürcher Hausberg Üetliberg gezogen werden. Mit dem Fazit, dass der Gurten mit seinen Blicken auf das Gürbe- und das Aaretal, das  Schwarzenburgerland sowie ein halbes Dutzend Viertausender der Berner Alpen das deutlich bessere Panorama biete.

Auch die «SonntagsZeitung» bietet auf ihrer einzigen Reise-Seite Schweizer Kost: Es geht um die Gästehäuser der Klöster Ilanz, Müstair und Engelberg, welche normalerweise an Ostern gut besucht sind, dieses Jahr jedoch zu bleiben. Nach Corona dürfte die Nachfrage immerhin wieder steigen.