Tourismuswelt

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Ein EDA-Entscheid schürt die Unsicherheit der Reisenden weiter

Das EDA spricht für kein Land mehr wegen der Coronavirus-Gefahr Reisewarnungen aus. Das hat für Reisende wie auch für die Reisebranche massive Konsequenzen. Der SRV ist dran.

Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) publiziert in Zusammenhang mit der Ausbreitung des Coronavirus seit dem 9. März keine expliziten länderspezifischen Warnungen mehr. Dies, weil das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seit demselben Datum keine «betroffenen Gebiete» mehr definiert, da in fast allen Regionen der Welt das Risiko einer Ansteckung mit dem neuen Coronavirus besteht, wie es auf der BAG-Website heisst.

Was heisst das nun konkret? Das EDA kann weiterhin vor Einreisen in gewisse Länder warnen, wenn etwa die Sicherheitslage gefährlich ist oder, in gesundheitlichem Sinne, wenn die Gefahr fehlender Gesundheitsversorgung vorliegt. Das heisst aber im Umkehrschluss, dass nicht von Reisen nach Italien oder auch andere Länder - das kann ja inzwischen täglich ändern - abgeraten wird. Man versteht das EDA - es müsste aktuell praktisch vor Einreisen in 108 Länder, wo das Coronavirus bereits nachgewiesen wurde, abraten.

Das hat allerdings riesige Konsequenzen für Reisende: Fehlt ein Warnhinweis des EDA, wird das Nicht-Antreten einer Reise versicherungstechnisch so interpretiert, dass dies aus eigenem Antrieb erfolgt ist - und bekanntlich ist Angst, die nicht behördlich begründet ist (eben mittels Reisewarnung), nicht versichert. Das macht die Situation für die Reisenden, die nun bei Absagen aus Angst vor Corona die Kosten vollständig zu tragen haben, wie für den Reisevertrieb extrem schwierig.

Der Schweizer Reise-Verband (SRV) hat diesbezüglich bereits vor einiger Zeit eine «Task Force» erstellt, in welcher bislang die CEOs der «Big 5» - fast allesamt im SRV-Vorstand (der neue TUI-Suisse-Chef Philipp von Czapiewski muss noch gewählt werden) - sowie SRV-Präsident Max E. Katz und SRV-Geschäftsführer Walter Kunz. Eine der ersten Massnahmen war das Einrichten einer Helpline, weitere dürften folgen. Der Austausch innerhalb der Task Force erfolgt laut Kunz per Chat oder Telefonkonferenz auf unregelmässiger Basis. Bei der Änderung der Vorgehensweise des EDA hinsichtlich Reisehinweisen sei man «vor vollendete Tatsachen» gestellt worden. Der SRV habe im Rahmen eines Zusammentreffens dargelegt, dass diese Praxisänderung für die Reisebranche aus versicherungstechnischen Gründen ein riesiges Problem darstellt.

«Als Konsequenz haben wir nun die im Markt relevantesten Reiseversicherungen zu einem Gespräch eingeladen», kommuniziert der SRV nun, «wir hoffen, eine für alle einvernehmliche Lösung im Interesse des Versicherungsnehmer und auch unserer Branche zu finden.»

Der SRV wird beim SECO eingeladen

Dass der SRV vor wenigen Tagen nicht am Runden Tisch des Bundesamt für Wirtschaft, Bildung und Forschung eingeladen war, stiess Geschäftsführer Walter Kunz sauer auf. Die Kundgebung des Missgefallens hat nun möglicherweise in anderer Hinsicht gefruchtet: Inzwischen wurde der SRV (Präsident Max E. Katz und Geschäftsführer Walter Kunz) zusammen mit anderen Verbänden zu einem kurzfristig einberufenem Treffen mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) nach Bern eingeladen.

Dazu schreibt der SRV: «Wir konnten während des halbtägigen Meetings unter der sehr kompetenten Leitung der Direktorin des SECO, Frau Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, die Probleme der Reisebranche darlegen und unsere Forderungen und Wünsche anbringen. Bundesrat Guy Parmelin dokumentierte mit seiner Anwesenheit ebenfalls, dass die Probleme der Branchen erkannt sind und der Bundesrat nach Anhörung diverser Verbände voraussichtlich am kommenden Freitag ein erstes Massnahmenpaket beschliessen werde. Wir rechnen damit, Anfang nächste Woche darüber orientieren zu können.»


KOMMENTAR: Unsägliche Unsicherheit

Gut zu wissen, dass der SRV und damit indirekt die (Outgoing-)Reisebranche inzwischen mehr Gehör in Bern findet. Die aktuelle Situation übersteigt wohl alles, was die sonst krisenerprobte Reisebranche bisher durchleben musste. Das Schlimme ist, dass es sich nicht wie etwa 2008 um eine reine wirtschaftliche Krise handelt, sondern um eine, die wie bei 9/11 hauptsächlich auf Angst und Unsicherheit fusst.

Inzwischen landen Telefonate von Endkunden oder gar Reisebüros auch auf der Travelnews-Redaktion, bezugnehmend auf von uns publizierte Artikel. An dieser Stelle muss hingewiesen werden, dass wir versuchen, so akkurat wie möglich zu informieren, aktuell jedoch Informationen praktisch stündlich ändern. Ausserdem ist es unsäglich, wie jedes Land die von anderen Ländern ausgehende Gefahr unterschiedlich einstuft. Mal sind Schweizer betroffen, mal nicht, und da dies sowieso täglich ändern kann, wird nur die Unsicherheit geschürt, welche aktuell die Reiselust weltweit komplett lähmt.

Beispiel: Indien hat soeben verlauten lassen, dass sämtliche Visa, ausgestellt vor oder am 11.3., für Bürger von Deutschland, Frankreich und Spanien ausgesetzt sind. Dies galt bereits zuvor auch für Bürger der «üblichen Verdächtigen», also China, Südkorea, Iran und Italien. So wurden deutsche Reisende gestern bei der Ankunft in Indien direkt wieder in den Retourflug gesetzt - obwohl alles korrekt gebucht war und sie über ein Visum verfügten. Schweizer können aktuell noch nach Indien, müssen aber theoretisch damit rechnen, dass ihr Visum auch urplötzlich als ungültig taxiert wird. Was passiert dann mit den Flugkosten? Das EDA rät ja nicht von Indien-Reisen ab. Also bleibt man auf diesen Sitzen, ebenso auf den übrigen Reisekosten. Und was macht die Airline? Die hat ja das Geld drin und kann theoretisch auch leer fliegen, um ihren Slot zu schützen.

Anderes Beispiel: Die Stadt Hamburg hat soeben definiert, dass Reisende in Risikogebiete für Infektionen mit dem Coronavirus sowie in «Regionen mit Auftreten von entsprechenden Fällen» einem erhöhten Risiko für eine Infektion ausgesetzt sind. Einreisende in Hamburg, ob Touristen oder Reiserückkehrer, sollten sich selbst grundsätzlich für mindestens 14 Tage nach Reiserückkehr täglich hinsichtlich Krankheitssymptomen wie Fieber, Husten oder Atemwegsbeschwerden beobachten. Dies, sofern sie aus den vom Robert-Koch-Institut (RKI) ausgewiesenen Risikogebieten zurückreisen. Dies sind aktuell Italien, der Iran, in China die Provinz Hubei, in Südkorea die Provinz Gyeongsangbuk-do, in Frankreich die Region Grand Est (Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne) sowie in Deutschland der Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Wie ist das, wenn ich letzte Woche kurz in Colmar (Elsass) auf Ausflug war? Riskiere ich dann auch die Busse von 25'000 Euro, welche offenbar jenen auferlegt wird, die sich nicht an diese Regelung halten? Im Prinzip muss man nun auch vor der Hamburg-Reise zuerst auf der RKI-Website nachsehen, ob man überhaupt noch einreisen darf.

Eine unmögliche Situation für Reisende und insofern auch für den Reisevertrieb. Es ist gut und wichtig, wenn die Schweiz sich konkret mit Massnahmen auseinandersetzt, welche die Wirtschaft inklusive der Reisebranche schützen soll. Hinsichtlich der Reisebestimmungen dauert es möglicherweise etwas - dass Österreich einfach die Grenze nach Italien schloss, verstösst gegen geltendes EU-Recht.

Es braucht jedenfalls dringend eine international koordinierte Vorgehensweise, ansonsten wird die Unsicherheit noch lange Bestand haben und zahlreiche Unternehmen aus der Reiseindustrie sowie aus vielen anderen Industrien in den Ruin treiben.

(JCR)