Tourismuswelt

ZRH5.jpg
Dass eine Airline hinstehen würde und bekanntgibt: «Wer mit uns fliegt, dessen CO2-Emissionen gelten wir ab!» Davon sind wir weit entfernt. Bild: Rémy Steiner Photography

Kommentar Das Schweigen der Airlines

Von Gregor Waser

Die Reisebranche kriegt in der Klimadiskussion den Schwarzen Peter zugespielt. Doch Airlines, Reedereien und Veranstalter verstecken sich hinter Statistiken oder schieben die Karte weiter – statt in die Offensive zu gehen.

Die Schweizer Jugend geht auf die Strasse, wettert gegen Klimasünder. Schulklassen annullieren ihre Flugreisen. Flugscham macht sich breit. Fliegst du noch oder schämst du dich schon, titelt eine Schweizer Zeitung.

Die Umweltdebatte und die Schuldzuweisung an die Reiseindustrie, einer der Hauptverantwortlichen für die Klimaerwärmung zu sein, ist mehr als ein Medienhype und eine saisonale, von Politikern angetriebene Diskussion vor den Wahlen im Herbst. Die Erderwärmung ist nicht von der Hand zu weisen, eine Teilschuld der Airlines, Reedereien und des weltweiten Reiseverkehrs auch nicht, ob nun bloss 2,5 oder 3 oder 5 Prozent der Schadstoffemissionen der Reiseindustrie zuzuweisen sind. Die Reiserei trägt zur Erderwärmung bei, wenn auch in einem überschaubaren Mass. Die an und für sich harmlosen Kondensstreifen am Himmel, werden zum Symbol der erhitzten Debatte.

Klar schütteln Airline-Experten bei der aufgewühlten Diskussion den Kopf über die vermischten Fakten und übereifrige Forderungen nach Klimataxen. Schliesslich hat die IATA Umweltziele festgelegt, an denen sich eine Mehrheit der Länder und Airlines orientieren: ein CO2-neutrales Wachstum ab 2020 und die Halbierung des Emissions-Levels des Jahres 2005 per 2050 – basierend auf dem UN-Instrument Corsia.

Auch die Kreuzfahrt-Industrie ist es müde, sich anprangern zu lassen. Schliesslich sind zahlreiche Bestrebungen in Richtung umweltverträglicher Schiffe im Gang. Und die Hochseeschifffahrt generiert im Jahr gerade mal so viele Passagiere wie die Hälfte der jährlichen Gästeanzahl in La Vegas. Doch als Symbol für die Umweltbelastung und die Belastung der Hafenstädte taugen die sieben- und mehrstöckigen Giganten mit bis zu 5000 Passagieren halt allemal. Da erscheint der Verweis auf Airbnb als Hauptschuldigen für den Overtourismus eher ein Ablenkungsmanöver, wenngleich das Argument berechtigt ist.

Die Reisebranche scheut es, sich zu exponieren

Die Diskussion an Stammtischen, in Wohnzimmern und im ÖV ist jedenfalls eine Realität und das Klimathema setzt sich auch in den Köpfen der Konsumenten immer stärker fest. Mit jedem Zehntelgrad Erderwärmung mehr.

Doch die Reisebranche stellt sich nur verhalten der Diskussion und scheut es, sich beim Klimathema zu exponieren. Geht es um PR-Offensiven beim Umweltthema, reduzieren sich diese auf Meldungen wie «Plastikröhrchen-Verbot im Hotel Bellavista». Ausnahmen gibt es: die Fluss-Reederei A-ROSA meldet, beim Einfahren in Städte auf Elektrobetrieb umzusellen. DER Touristik Suisse zahlt jedem Kunden, der die CO2-Emissionen kompensiert, die Hälfte dieses Betrages – wengleich auch nur in den Vorsaison-Monaten Mai und Juni.

Dass eine Airline hinstehen würde und bekanntgibt: wer mit uns fliegt, dessen CO2-Emissionen gelten wir ab! Davon sind wir weit entfernt. Bei einem Flug Zürich-Bangkok-Zürich fallen 3,4 Tonnen CO2 an. Diese Emission zu kompensieren kostet bei Myclimate 98 Franken. Würde eine Airline den Bangkok-Flug statt für 690 für 790 Franken ausschreiben, dafür die CO2-Emission automatisch abgelten – und dies auch prominent kommunizieren – der Effekt wie auch der Image-Gewinn könnte überaus gross sein – «lass uns mit der Airline XY fliegen, die befördern uns klimaneutral!»

Klar werden Airliner nun argumentieren, eine solche Preiserhöhung würde sie im internationalen Preisvergleich – bei den in Flugportalen nach Preishöhen gelisteten Tarifen - deutlich zurückbinden und die Marktanteile zerbröseln lassen. Doch angesichts immer klimabewussterer Passagiere, dürfte der Effekt für Airlines, Reedereien oder Reiseveranstalter, sich offensiver mit Umweltmassnahmen zu profilieren und innovative Angebote zu schnüren, sich sehr positiv auswirken.

Doch wie gesagt, die meisten Player schweigen oder reduzieren ihre Pressearbeit etwa auf die Ankündigung neuer, zusätzlicher Frequenzen. Oder die für Umweltinteressierte fast schon irritierende Meldung: trotz Passagierwachstum im 1. Quartal ist der Gewinn geschrumpft. Was Klimakritiker umso mehr auf die Palme bringt, denn die fragen sich: Meine Güte, wieso lanciert ihr immer neue Flüge, wenn der Verdienst gleichzeitig schwindet?

Nur eine Airline entert das Feld unverfroren. Und zwar jene Airline, die neben Ryanair in den letzten Jahren den europäischen Himmel am meisten zugepflastert hat mit Flugzeugen und irren Tiefpreisen: Easyjet. Der CEO des britischen Lowcost-Carriers lässt keine Chance aus, sich als umweltfreundlich darzustellen, etwa beim Thema Elektroflugzeuge. Und Johan Lundgren weist darauf hin, man nehme das Umweltthema sehr ernst. Der Klick auf easyjet.com zeigt ein anderes Bild: wer Flüge von Basel nach Bordeaux für 15.90 Franken oder von Zürich nach Berlin-Tegel für 29.40 Franken publiziert, kann das Thema wohl nicht allzu ernst nehmen.

Dass andere Airlines vornehmlich schweigen beim Thema Klima, die Bühne dann aber fast gänzlich einem Low-Cost-Carrier überlassen, verwundert. Eine offensive Herangehensweise und mehr Ideen wären jedenfalls wünschenswert. Denn das Thema wird nicht über Nacht verschwinden.