Tourismuswelt

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Die ITB ist immer aufschlussreich hinsichtlich dessen, was die Branche gerade beschäftigt - hier diskutieren im Rahmen des «ITB Future Day» Prof. Dr. Roland Conrady (Wissenschaftlicher Leiter des ITB Berlin Kongresses, Hochschule Worms, l.) und Stephen Kaufer (Mitbegründer, Präsident & CEO, TripAdvisor) darüber, wie Reiseplanung vor sich geht. Bild: (c) ITB Berlin

Kommentar Das waren die «Talking Points» der ITB 2019

Von Jean-Claude Raemy

Nachhaltigkeit darf getrost als «Buzzword» der aktuell noch andauernden weltgrössten Reisemesse bezeichnet werden. Wir haben fünf Schwerpunkte aus unseren vielen Gesprächen festgehalten - und natürlich auch zahlreiche Fotos des wichtigsten Branchenanlasses (klicken Sie dafür aufs grosse Bild).

Eigentlich dauert die ITB ja noch bis Sonntagabend - die «B2B-Tage» neigen sich aber heute Nachmittag dem Ende zu und die wenigsten Branchenprofis werden morgen oder am Sonntag noch in den Berliner Messehallen zu finden sein. Zeit also, um eine kleine, völlig subjektive Bilanz der vergangenen drei Tage an der weltgrössten Reisemesse zu ziehen. Was ist uns in den offiziellen Gesprächen aufgefallen, was beim Kurzgespräch in den Messegängen? Was gibt es zum Programm zu sagen? Das waren aus unserer Sicht die «Talking Points».

Nachhaltigkeit ist definitiv zum Marketingtool avanciert

Wir haben sowohl mit diversen Tourismus-Ministern als auch mit einigen Produktverantwortlichen gesprochen (mehr dazu nächste Woche) und dabei fiel immer wieder ein Wort: «Sustainability», also «Nachhaltigkeit». Wer bislang vom Overtourism verschont wurde, will unbedingt sicherstellen, dass die Tourismusangebote nachhaltig sind und auch kein Massentourismus entsteht. Dabei ist allerdings nicht immer ganz klar, wie die Wachstumsziele im Tourismusgeschäft mit diesem Anspruch zu vereinbaren sind. Keine Frage, Nachhaltigkeit ist enorm wichtig und viele Initiativen gehen absolut in die richtige Richtung - es gab schon vor, aber auch während der ITB zahllose Meldungen im Stile von «Kampf dem Plastik». Bei Flugzeug-Neubestellungen wird gerne auf die verminderten Emissionen des neuen Flugzeugtyps hingewiesen; primär dürften dabei aber Kosteneinsparungen für die Airlines wesentlich sein. Sogar Ryanair will jetzt «green» sein, und das nicht nur, weil es eine irische Gesellschaft ist.

Ökologische Leitfäden waren im Tourismusgeschäft lange eher die Ausnahme als die Regel. Jetzt ist Nachhaltigkeit DAS Buzzword, ein Marketingvehikel, von welchem immer mehr Tourismusunternehmen profitieren wollen. Nur sollte niemand vergessen: Im Internet-Zeitalter wird kein Versprechen vergessen. Wer Umweltschutz nur als Feigenblatt nutzt, wird früher oder später abgestraft. Blöderweise wird auch abgestraft, wer wirtschaftlich stagniert. Durchsetzen werden sich jene Unternehmen, welche es schaffen, Nachhaltigkeit wirklich gewinnbringend in ihr Geschäftsmodell einzubinden.

«Political Correctness» hat noch lange nicht ausgedient

Malaysia, das Gastland der diesjährigen ITB, ist ein faszinierendes, wunderschönes Land. Es ist auch ein muslimisches Land. Deshalb fiel bei der ITB-Pressekonferenz auch eine Frage, ob denn auch Homosexuelle im Land willkommen seien. Die wenig durchdachte Antwort von Tourismusminister Datuk Mohaddin bin Ketapi lautete: «Es gibt bei uns keine Homosexuellen.» Der Shitstorm war angerichtet, eine Korrektur am Abend des ersten Messetages verpuffte ungehört, und die aufwändige, farbenfrohe Show von Malaysia zum ITB-Auftakt war kein Thema mehr. Es wurde in Berlin viel über die «völkerverbindende Bedeutung des Tourismus» schwadroniert - aber dermassen unterschiedliche kulturelle Auffassungen können das gegenseitige Verhältnis ganz schön behindern. Es wäre wünschenswert, wenn Tourismusminister in öffentlichen Reden versuchen, sich kulturelle Gepflogenheiten des Gastgeberlandes vor Augen zu halten und entsprechend vorsichtig zu kommunizieren. Umgekehrt wird dies ja auch erwartet.

Der Messebesuch lohnt sich für alle

Aus rein schweizerischer Sicht interessiert - wenn man Bilanz der Spontangespräche zieht - nach wie vor die Zukunft von Germania am meisten. Gerüchte über einen Systemausfall zu Beginn der ITB-Woche sorgten für Aufregung. Alle hoffen, dass es die Germania Schweiz packt, nicht alle glauben daran, trotz der positiven News der neuen Investoren. Allerdings sind seither auch kaum mehr News durchgesickert.

Ansonsten gehen alle ihrem Geschäft nach. Zahllose Veranstalter aus der Schweiz, meist in mehrköpfigen Delegationen, sind anzutreffen. Reisebüro-Agenten dagegen nur vereinzelt. Dabei hält das grosse Kongress-Angebot für diese ebenso viele spannende und zukunftsweisende Themen bereit wie die Messehallen selbst, wo man neue Airline-Sitze und -klassen, das Neuste zu Hotels und Angeboten in allen erdenklichen Ländern sowie auch speziell für Agenten entwickelte technologische Neuheiten kennen lernen kann. Eigentlich ein «Must» für alle, die Reisen verkaufen. Wo sonst gibt es so viel Information so kompakt? Wir haben jedenfalls an jedem ITB-Tag gegen 20'000 Schritte auf der Health-App unseres iPhones gefunden. Die Mühe ist es wert, um à jour zu bleiben. Und die ITB beweist, dass grosse (Tourismus-)Messen keineswegs ausgedient haben.

ITB immer vielfältiger

Längst ist die ITB nicht mehr ein grosses Branchen-Netzwerken von Mittwoch bis Freitag, mit dem Wochenende für Endkunden. Bereits ab Montag laufen diverse Events, für Journalisten gab es zum wiederholten Mal die «International Media Marketplace» am Dienstag, eine Nebenveranstaltung, wo Reisejournalisten (dieses Jahr vor allem Blogger) auf PR-Vertreter von Firmen treffen, die sich dafür separat einen Auftritt kaufen. Das Modell kennt man von Einkaufsmessen wie dem IPW schon. Die Meinungen zu diesem Format gehen auseinander.

Konsens herrscht dagegen bei der Qualität des ITB-Kongress: Hochkarätige Redner, richtungsweisende Themen und eine unglaubliche Vielfalt. Jeder Bereich des Tourismus wird mit einem Gespräch oder eine Präsentation beleuchtet. Eigentlich könnte man dauern im ITB-Kongress sitzen. Doch dann würde man das ebenso wichtige Networking in den Messehallen verpassen. Ein Spagat für viele. Die ITB ist einfach zu kurz, oder zu breit gefächert, je nach Sichtweise. Aber niemand geht heim, ohne besser informiert über aktuelle Themen des Tourismus zu sein.