Ferien in der Schweiz

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Marokkanischer Teller: Unser Mitbringsel von der Webergasse. Bild: Internaut

Mehr als blos e chliini Stadt-Gass

Von Andreas Güntert

Das einstige Little Italy von Sciaffusa ist eine Entdeckung wert. Die Webergasse – eine starke Strecke.

Heute sind wir in einer kleinen Stadt unterwegs, in Schaffhausen, wo sich gemäss jüngster Zählung bloss 36'641 Personen ballen. Das mit der Kleinheit scheint in Schaffhausen aber niemanden zu stören. Ganz im Gegenteil: Chansonnier Dieter Wiesmann – leider 2015 verstorben – intonierte daraus sogar eine charmante Hommage: «Blos e chliini Stadt» ist bis heute die Hymne* von Schaffhausen.

Eine interessante Stelle im Chanson lautet dabei sinngemäss: Wenn es im Städtchen ausnahmsweise mal lustig und fidel zugeht, waren es wohl die Italiener, die da für Stimmung gesorgt haben.

Ist ja interessant. Denn das passt formidabelst zu unserer heutigen Starken Strecke, der Webergasse.

Ciao bella: Webergasse Sciaffusa by night.

Webergasse: Das Little Italy von Sciafussa

Die Webergasse galt einst als «Little Italy» von Schaffhausen, oder Sciaffusa, wie wir wohl passender sagen sollten. Wobei es die Eingeborenen etwas derber ausdrückten: In den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die Webergasse wahlweise als «Spaghettiallee» oder «Tschinggegass» tituliert.

Leider ist von der ursprünglichen Italianità nichts mehr übriggeblieben. Die Webergasse ist aber immer noch sehr wohl einen Besuch wert. Kleingewerblich geprägt, vornehmlich (aber nicht nur) links-grün beherrscht führt sie ein unaufgeregtes aber besuchenswertes Eigenleben etwas abseits der Hauptadern der Schaffhauser Altstadt.

Schaffhausen Webergasse: Weil man will oder muss

Georg Freivogel jedenfalls, seit 1978 mit seinem Bücher-Fass an der Strasse aktiv, mag die Webergasse, die früher einen eher schattigen Ruf hatte, nach wie vor. Auch deshalb, weil sie eine ganz eigene Art der Laufkundschaft hat:

«In diese Gasse kommt niemand, der nicht will oder muss», sagt der Buchhändler und Zentralasien-Reiseveranstalter.

Er will und er muss in die Webergasse: Georg Freivogel.

Was Webergasse-Veteran Freivogel damit meint: Entweder kommen die Leute ganz bewusst hierhin (was ich gut verstehen kann) oder aber sie nutzen die Gasse, weil es die schnellste Verbindung von ihrem Daheim zum Bahnhof ist (was ich mir als schönen Arbeitsweg vorstelle).

Jetzt aber genug vom Vorgeplauder. Rein in unsere Starke Strecke Schaffhausen, die mehr ist als «bloss e chliini Gass». Auch deshalb, weil sie für eine Starke Strecke sehr gut online präsent ist, mit eigener Website und eigenem Facebook-Account.

Schaffhausen Altstadt: Eine Mahlzeit


Die Fass Beiz ist ein sicherer Wert an der Webergasse. Sehr gut, minunter experimentierfreudige Küche. Gemütliches Ambiance drinnen und mit lauschigem Innenhof ausgestattet.

Die Fass Beiz ist prädestiniert für Sommerabende, die nie enden sollten.

Was darfs denn sein? Einmal endlose Sciaffusa-Nacht, bitteschön.

Nun ist es ja so, dass der Internaut keine übertriebenen Gourmet-Ambitionen hat. Und ein Foodie-Fotograf ist er schon gar nicht. Das können andere besser. Um Welten besser.

Trotzdem muss ich hier mal ein Food-Bild posten. Wer auf die Sonnenseite des Lebens strebt, bestellt in der Fass Beiz eine Ovi-Mousse. Das ist eine Mousse au Chocolat, bei welcher der Schoko-Part vom landesweit geschätzten Frühstücksgetränkpulver Ovomaltine bestritten wird.

Zwei Sätze mit hohem Verwandtheitsgrad: Ovimousse in der Fass Beiz. Das Leben ist schön.

Selbst die grössten Pessimisten, Misanthropen und sonstigen Schwarzseher müssen nach dem ersten Biss zugeben. Soo ein schlechter Ort kann diese unsere Welt nicht sein.

Nur schon diese Ovimousse lohnt einen Gang in die Webergasse. Weil man will. Und weil man muss.

Gepannt ist übrigens tout Webergasse darauf, wie sich das eben erst gestartete Restaurant Kastanienbaum machen wird. Der Internaut dankt im voraus, falls ihn zu diesem Thema sachdienliche Hinweise erreichen sollten.

Ein Drink

Ein Feierabendbier? Ein kurzer Schwatz? Oder ein langer Schwatz beim Feierabend-Strongbow-Cider? Da gilt den Menschen in der Webergasse die Schäferei als gute Adresse.

Ein Kaffeehalt

Was eigentlich fast immer an eine Starke Strecke gehört: Ein Coiffeur und eine richtig gute Kaffeebar. Wo andernorts sprachliche Hipness bemüht und eine perpetuelle Parforce-Performance von endkrass coolen Baristas ausgelobt wird, hält man es an der tendenziell unaufgeregten Webergasse etwas einfacher.

«Kaffeemacherei» nennt sich das Bohnenblühn. Klingt gut. Schmeckt gut.

Altstadt Schaffhausen: Ein Shop


Wir haben schon eingangs Bekanntschaft gemacht mit Georg Freivogel. Der Internaut als Freund gedruckter Lebensfreude mag Freivogels Bücherhandlung Bücher-Fass sehr.

Was mindestens zwei Gründe hat.

Beethoven oder Beer holen? Warum nicht beides? Blick aus dem Bücher-Fass an der Webergasse.

Erstens ist der Laden bezüglich Werken aus den Gattungen Philosophie und Geschichte sehr gut sortiert. Und zweitens wird man hier sehr zuvorkommend bedient.

Ah, und dann gibt es noch einen dritten Grund: Das Bücher-Fass ist Heimat der grössten Reisebuchabteilung von Schaffhausen. Noch Fragen?

Webergasse Schaffhausen: Ein Instagram-Moment

Brille: Webergasse.

Zu entdecken gibt es vieles an der Webergasse. Das fängt schon mit den recht exotischen Hausnamen an. Okay, wenn Häuser «Blumenkranz» oder «Rosenkranz» heissen, kann das ja als relativ konventionell durchgehen.

Aber an keiner seiner bisher 44 Starken Strecken ist der Internaut auf Häuser gestossen, die «Unruh» oder «Geldmangel» heissen.

Mehr fürs Bild her gibt aber wohl der Vogel mit Brille, der gleich am Eingang zur Webergasse prangt, Ecke Vorstadt. Besonders beim Eindunkeln macht das kluge Federtier bella figura, finde ich.

Weil es dann besonders schön zu pfeifen scheint: See you an der Webergasse.

Schaffhausen Altstadt: Noch ein Shop

Wie gesagt: Von der einst so typischen Italianità von ganz früher ist nichts mehr übrig geblieben an der Webergasse. Dafür sind ein paar Quadratmeter Marokko eingezogen.

Im Basar Nizzar zeigt sich das nordafrikanische Land im Mini-Format.

Freie Sicht von Marokko nach Schaffhausen: Basar Nizzar an der Webergasse.

Was das kleinräumliche Leben in Schaffhausen dabei besonders hübsch beschreibt. Shopkeeper Nizzar arbeitet abends oft als Chef de Service in der Fass Beiz. Er war es sogar höchstpersönlich, der uns die Ovimousse an den Tisch gebracht hat.

Das Leben ist schön.

Altstadt Schaffhausen: Ein Mitbringsel

Blauburgunder, Schaffhauserzüngli oder der Bölletünne-Zwiebelkuchen – Schaffhausen ist nicht arm an Spezialitäten. Was uns aber an der Webergasse besonders gut gefallen hat:

Ein Teller aus dem Reich des Basar Nizzar.

Marokkanischer Teller: Unser Mitbringsel von der Webergasse. Bild: Internaut

Für 16 Franken ist dieses hübsche Teil in unseren Besitz übergegangen. Wer in seiner Küche daheim schon mehr als genügend Tassen, Schüsseln, Schalen und Teller herumstehen haben sollte:

Nizzar hat unter anderem auch hübsche marokkanische Schulhefte. Merke: Du hast vielleicht zu viele Tassen im Schrank. Aber ausgelernt hast Du nie.

Schaffhausen nach Noten: Noch eine Hymne

*Schaffhausen ist mit Dieter Wiesman nicht final vertont. In jüngster Vergangenheit haben auch Vertreter des Hip-Hop ihre Liebe zu «SH-City» beteuert.

Nachzuhören hier.

Erdbeer-Spargel gefällig? Oder doch lieber Ovimousse? Die grossen Fragen an der Webergasse Schaffhausen.

Sehenswürdigkeiten in Gehdistanz zur Webergasse Schaffhausen

Ein Grund, weshalb ich Schaffhausen so mag, ist der Rhein. Hier noch als relativ junger Fluss, der dann irgendwann später bei Rotterdam in den Rhein mündet.

Aber das soll uns jetzt nicht weiter kümmern. Hier in Schaffhausen glitzert der Rhein abends besonders schön, finde ich. Und wenn dann noch ein Eingeborener auf einem Weidling vorbeigleitet, ist das extra hübsch.

Schon irre gemütlich: Abends am Rhein Pause machen.

Diese Stelle am Rhein ist mir übrigens in besonders guter Erinnerung. Weil ich hier – wohl zum ersten und letzten Mal in meinem Leben – etwas Spezielles gemacht habe: Eine Nacht im Privatschiff verbracht. Auf der MS Konstanz, um genau zu sein.

Noch ein Must: In nur wenigen Fussminuten gelangt man von der Webergasse hoch zum Munot, dem Wahrzeichen Nummero uno von Schaffhausen.

Ebenfalls nur wenige Gehminuten entfernt von der Webergasse: Die Kammgarn, ein schweizweit ausstrahlender Ort für Konzerte und Kultur-Events aller Art. Der Name stammt von der ehemaligen Kammgarnspinnerei.

Und wenn ich nochmals kurz vom Rhein sprechen darf: Leider war es mir bisher aus Meteo- und Zeitgründen noch nie vergönnt, selber mal einen Fuss in die Rhybadi zu setzen. Aber vorbeispaziert daran bin ich schon öfters. Und stehengebleiben.

Einer meiner Lieblingsanblicke in Schaffhausen: Rhybadi.

Weil ich dermassen verknallt bin in Form, Farbe und Hintergrund des Retro-Schriftzugs. Das Leben ist schön. Aber das hatten wir, glaube ich, schon einmal.

Oder zweimal?

Starke Strecke Schaffhausen: Die Webergasse ab Eingang Ecke Vorstadt.