Ferien in der Schweiz

Mike1.jpg
So lässt sich's auch arbeiten: Mike Jakob im Homeoffice mit Blick über die Zürcher Altstadt. Bild: zVg

«Wir rechnen mit starken Buchungszahlen für Reisen in der Schweiz»

Von Jean-Claude Raemy

Mike Jakob, Leiter Verkauf Reisebüros bei Railtour-Frantour, erlebte die Coronavirus-Krise zuerst nur aus der Distanz, auf einer ausgedehnten Reise am anderen Ende der Welt. Inzwischen zurück, macht er sich nun im Travelnews-Interview Gedanken zur neuen Reisewelt - und sieht für Railtour kurzfristige Chancen durch das Vorhandensein vieler Ferienangebote in der Schweiz.

Mike Jakob hat in diesem Jahr seine Teamkollegen und -kolleginnen bei Railtour/Frantour noch gar nicht gesehen: Er war mit seiner Partnerin von Januar bis März während drei Monaten auf einem Traum-Ferientrip in Neuseeland, der Südsee und Thailand unterwegs. Ende März musste das Paar vorzeitig die Ferien abbrechen, nachdem deutlich wurde, was wegen dem Coronavirus weltweit abgeht und sich die Grenzen zu schliessen und Fluglösung knapp zu werden begannen. «Wir haben es noch auf einen der letzten Singapore-Flüge nach Zürich geschafft», erklärt Jakob gegenüber Travelnews. Am 5. Januar beim Abflug in Zürich hatte er in der Zeitung zum ersten Mal von Covid-19 gelesen; während den Ferien verfolgte er ab und zu die weitere Entwicklung, mit wachsendem Unbehagen: «Dass sich während diesen drei Monaten gleich die ganze Welt auf den Kopf stellt, hätte ich nicht im Traum erwartet», sagt Jakob, mit dem wir uns im Februar mal zur Situation in Italien unterhielten, damals der erste europäische Hotspot des Coronavirus und natürlich ein wichtiger Angebots-Baustein von Railtour.

Inzwischen wird auch Railtour komplett durchgeschüttelt; doch gibt es dort auch Chancen in der Krise. Wir haben mit Jakob, der aktuell vom Home Office in Zürich aus aktiv ist, darüber gesprochen.


Herr Jakob, wie ist Railtour/Frantour durch die aktuelle Krise gekommen?

Wir sind seit fünf Wochen in der Kurzarbeit. Alle nicht notwendigen Arbeiten wurden gestoppt und die meisten Marketing-/Kommunikationsmassnahmen eingestellt, um die Kosten möglichst tief zu halten. Dazu arbeiten wir seit Anfangs April alle im Homeoffice. Dies war für das Team und alle Beteiligten eine grosse Umstellung, unterdessen hat sich das aber sehr gut eingespielt. Auch unser Reservationsteam arbeitet vollständig vom Homeoffice aus und ist für die Reisebüros täglich von 10-12 und 14-16 Uhr telefonisch erreichbar.

Bei Railtour/Frantour sind wir unterdessen ohnehin krisenerprobt: Terrorattentate, monatelange Streiks, Schliessung aller SBB-Reisebüros: Wir haben schon einige Stürme erfolgreich durchgestanden.

Wie sieht es mit der Nachfrage aus? Was wird nachgefragt, und für welchen Zeitraum?

Buchungen gibt es, wenn auch noch zurückhaltend. Städtereisen und Schweiz-Buchungen werden bereits für den Herbst und für 2021 angefragt, Gruppenreisen hingegen sehr spärlich. Es gibt aber tatsächlich auch kurzfristige Anfragen: Am 23. April wollte ein Kunde für Anfangs Mai nach Sylt. Eine wunderbare Idee, nur stimmt der Zeitpunkt aktuell nicht wirklich...

Seit letzter Woche spüren wir eine Zunahme für Schweiz Buchungen für diesen Sommer, das stimmt optimistisch

Wie sieht es bei Rückvergütungen aus? Bestehend die Kunden auf Cash, bietet ihr auch Gutscheine an, oder wie sieht das aus?

Bei Direktkunden hatten wir teilweise Gutscheine eingesetzt, im Reisebüro-Vertrieb aber durchwegs bar rückvergütet. Es gab auch nicht wenige Kunden, die ihre Reise nun zu einem anderen Datum antreten werden. Reisebüros mit betroffenen Dossiers kontaktieren wir etappenweise proaktiv, was im Vertrieb sehr geschätzt wird.

Aktuell stornieren wir alle Reisen bis und mit Abreise am 17. Mai, identisch wie in der gesamten DER Touristik Suisse Gruppe. Stand heute sind bereits alle betroffenen Reisen storniert und die Reisebüros informiert. Unsere Reservationsabteilung macht auch im Krisenmodus einen hervorragenden Job, auch wenn es frustrierend ist, so viele Aufträge zu stornieren.

«Seit Anfang Jahr ist das Schweiz-Programm in den Reisebüros, und wir sind bereit, wenn die Buchungen loslegen.»

Sie sagen, Ferien in der Schweiz kommen als erstes zurück. Und da ist Railtour ja gut positioniert, mit Angeboten auch in der Schweiz... Was ist Ihre Prognose?

Die Ausgangslage für den Sommer in der Schweiz ist tatsächlich sehr speziell. Am grössten sind zurzeit wohl die Chancen, dass vorerst nur die Grenzen nach Deutschland und Österreich geöffnet werden. Vieles steht noch in den Sternen. Was sicher ist: Die Incoming-Gäste für die Schweiz bleiben zwangsläufig aus, was zu vielen zusätzlichen Kapazitäten in den Hotels für Schweizer Gäste führen wird.

Beim Binnentourismus gibt es aber durchaus Chancen. Zurzeit boomt das Geschäft noch nicht, aber wir rechnen auf jeden Fall mit starken Buchungszahlen für Reisen innerhalb der Schweiz, sobald Restaurants wieder offen sind und auch alle touristischen Bahnen wieder fahren.

Meine Prognose geht in die Richtung, dass im Juli/ August ein Grossteil der Hotels in der Schweiz offen sein werden, eventuell schon früher. Vieles ist abhängig von Öffnungsterminen für die touristischen Einrichtungen, Bergbahnen und Aktivitäten, sowie natürlich allen Vorgaben des Bundes. Wenn die Reise ins Ausland nicht möglich ist, gibt es Badeferien am Lago Maggiore statt in Mallorca, die Wanderferien im Berner Oberland statt in der Cinqueterre und wenn die Zugfahrt mit dem Rocky Mountaineer ins Wasser fällt, ist der Glacier Express die Alternative. Die touristischen Alpenzüge wie der Glacier Express oder Bernina Express durch die wunderbare Berglandschaft sind eine perfekte Variante, die Schweiz zu entdecken, mit diversen Kombinationsmöglichkeiten. Bahnreisen werden im Sommer hoch im Kurs sein, die Bahnbetreiber selber werden ein realistisches Schutzkonzept sicherstellen.

Die Schweiz bietet also hervorragende Möglichkeiten für Ferien, und Frau und Herr Schweizer werden nach wochenlanger Isolation in den eigenen vier Wänden durstig sein nach Bewegung und Aktivität. Mir geht es genauso. Ich bin zwar bald der neue Grillmeister, aber auch ich vermisse das Schwimmen. Immerhin habe ich es bereits drei Minuten in den Zürichsee geschafft...

Ist das auch eine Chance im Vertrieb, der normalerweise auf Outgoing ausgerichtet ist?

Im Reisebürovertrieb ist Railtour der stärkste Player, was Schweiz-Buchungen betrifft. Über unser Buchungstool «dynamic travelshop» im CETS/Tour Online sind Hotels und die Anreise mit der Bahn einfach buchbar inklusive Schweiz-Erlebnissen, und auch via GetyourGuide-Anbindung. Bereits seit Anfang Jahr ist das Schweiz-Programm in den Reisebüros, und wir sind bereit, wenn die Buchungen loslegen.

Wird sich die Programmgestaltung 2021 ändern aufgrund der neuen Lage? Oder glauben Sie, dass 2021 wegen «Kompensationsbedarf» hinsichtlich Reisen alles wieder zum Alten zurückkehrt?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach der Krise alles wieder ins alte Muster zurückkehrt. Die Eingriffe aufgrund der Krise hinterlassen in alle Richtungen Spuren. Man wird noch bewusster reisen, mit anderen Bedürfnissen, aber man wird reisen!  

Wir sind aktuell intensiv am Projekt «Nach Corona» dran, und es ergeben sich spannende Diskussionen und auch viele neue Chancen. Es gibt aber auch Fragen: Wie kommunizieren wir 2021, wie verhalten sich Gruppenreisen, wie entwickeln sich Overtourism-Städte bzw. sind mehr Kleinstädte gefragt, und vieles mehr. Ein Reset ist die beste Chance, um Neues anzupacken und besser zu machen! Aber unsere Kernkompetenz ist und bleibt die Bahn.

«Es gibt klare Hinweise, dass Kurzreisen von der Krise generell profitieren werden.»

Eben, ist die aktuelle Flugkrise eine Chance für die Bahn und damit indirekt auch für Railtour- Frantour?

Es gibt klare Hinweise, dass die Kurzreisen von der Krise generell profitieren werden. Und die Bahn wird weiterhin aus ökologischer Sicht profitieren, wie bereits vor der Krise. Betrachtet man die weiteren Projekte beim Bahnausbau in Europa, auch im Nachtzugnetz, dann wird auch die Bahn als Carrier klar profitieren. Das sind damit gute Chanchen für Railtour/Frantour. Aber den Vergleich Bahn/Flug der aktuellen Flugkrise gegenüberzustellen finde ich schwierig: Stand heute ist fast der gesamte Flugverkehr der Schweiz am Boden, ein bisher unvorstellbares Szenario! Gleichzeitig ist der grenzüberschreitende Bahnverkehr auch eingestellt, nur in der Schweiz selber erreicht man weiterhin fast jeden Ort mit Bahn und Bus.

Mögliches Szenario bei den Bahnen: Ab Sommer werden die grenzüberschreitenden Züge nach Deutschland und Österreich schrittweise wieder in Betrieb genommen, und anschliessend könnten die Züge Richtung Frankreich und Italien folgen. Aber es braucht für unsere Reiseindustrie nicht nur die Bahn, es braucht auch den Flieger, genau gleich wie der  Bus und das Schiff auch ihre wichtige Funktion haben. Die Bahn ist perfekt ab der Schweiz für Kurz- und Mitteldistanzen innerhalb Europa, Flug für weitere Distanzen. Wir werden nie Bangkok mit der Bahn vermarkten, daher hoffe ich doch sehr, dass sich die Flugkrise so bald wie möglich entspannt und erste Flieger wieder starten.

Sie haben den «dynamic travelshop» erwähnt. Inwieder ist dieser nun ein optimales Tool? Gibt es wegen der neuen Restriktionen nicht auch Programmierungs-/Datenprobleme?

Der «dynamic travelshop» ist sehr einfach zu bedienen, es gibt aktuell kein Buchungstool auf dem Reisebüro-Markt, in welchem Bahnen, Hotels, Flüge, Erlebnisse und mehr für Europa buchbar sind, und dies alles in einem Dossier. Bereits 80 Prozent der Bahnstrecken von Europa sind buchbar, grösstenteils E-Ticket- fähig.

Wir sind von den Partnerbahnen der verschiedenen Länder wie etwa TGV, Trenitalia oder DB abhängig, falls Züge gestrichen werden. Wenn ein bestimmter Zug nicht fährt, erscheint er auch nicht im System. Bis Ende Juni sind die grenzüberschreitenden Zugverbindungen ins Ausland wegen den Restriktionen aktuell nicht buchbar, aber ab Juli ist Stand heute der grösste Teil im System buchbar. Das sind erfreuliche News.

Wir haben die Reisebüros angesprochen: Werden aus Ihrer Sicht Reisebüros wieder verstärkt nachgefragt sein?

Die Reisebüros sind für uns weiterhin der wichtigste Absatzkanal und ich bin sehr dankbar, dass wir seit Jahren eine intensive und herzliche Zusammenarbeit mit dem Reisebürovertrieb pflegen können. Umso mehr berührt es mich sehr, was die Reisebüros in den letzten Wochen geleistet haben, mit den vielen Annullationen, Umbuchungen und Rückholaktionen, die teilweise immer noch nicht abgeschlossen sind. Diese Herkulesarbeit und Hilfeleistung an die gestrandeten Kunden wird bestimmt positive Spuren hinterlassen für Neukundengewinnung im Reisebüro. Aber nun gilt es auch, selbstbewusst die Aufwände kostendeckend umzusetzen.

Jedes Reisebüro, welches die Bahn und aktuell vor allem die Schweiz als Zieldestination in die Kommunikation einbaut, wird aktuell auch von Neubuchungen und vor allem Neukunden profitieren. Dieser Neukunde, welcher nun plötzlich Mürren mit dem Schilthorn im Reisebüro bucht, wird im Herbst wieder nach Teneriffa, im Winter nach Thailand und nächsten Sommer auf den Roadtrip in die USA reisen. Das Fernweh kann nicht gestoppt werden, denn Reisen ist der schönste Weg, reicher zu werden, obwohl man Geld ausgibt.

Abschliessend: Sie mussten ihre Traumreise wegen Corona abbrechen...

Immerhin hatte ich noch grosse Auslandferien dieses Jahr! Und konnte tolle Impressionen mitnehmen. Der beste Entscheid während der Reise war sicherlich, nach dem Neuseeland-Aufenthalt auf Fidschi statt Hongkong umzubuchen, weil damals das Virus in China wütete. Auf dem pazifischen Archipel gelten andere Werte: Die Inseln, die Menschen, diese Fröhlichkeit - ein einmaliges Erlebnis. Wenn 20 Leute vom gesamten Hotelstaff bei der Abreise eine halbe Stunde für uns alleine ein Abschiedslied singen, ist das unbeschreiblich. Ich kriege heute noch Hühnerhaut!