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Das Nipah-Virus rückt nach bestätigten Fällen in Indien erneut in den Fokus von Gesundheitsbehörden und Reisenden. Bild: Adobe Stock

Nipah-Virus in Südasien: Das müssen Reisende wissen

Reto Suter

Zwei bestätigte Nipah-Fälle in Indien werfen bei vielen Reisenden Fragen auf. Travelnews liefert einen Überblick zu Risiken, Symptomen und aktuellen Massnahmen in der Region.

Zwei bestätigte Fälle des Nipah-Virus in Indien haben die Gesundheitsbehörden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Betroffen ist der ostindische Bundesstaat Westbengalen, der an Bangladesch, Bhutan und Nepal grenzt. Die Lage wird international aufmerksam beobachtet.

Bei den Infizierten handelt es sich um zwei Mitarbeitende des Gesundheitswesens aus der Region. Beide werden derzeit auf der Intensivstation behandelt. Nach Angaben der indischen Regierung wurden insgesamt 196 Kontaktpersonen identifiziert und untersucht. Sämtliche Tests fielen negativ aus. Zudem zeigen alle Betroffenen keine Symptome.

Das indische Gesundheitsministerium gibt sich entsprechend zurückhaltend: Auf Basis der bisherigen Erkenntnisse bestehe kein Anlass zur Sorge für die Bevölkerung oder deren Angehörige. Die Situation werde weiterhin eng überwacht, um rasch auf mögliche Veränderungen reagieren zu können. Travelnews beantwortet die fünf wichtigsten Fragen rund um das Nipah-Virus.

Was ist das Nipah-Virus?

Das Nipah-Virus ist ein so genannter zoonotischer Erreger, der von Tieren auf den Menschen übertragen werden kann – entweder durch direkten Kontakt, über verunreinigte Lebensmittel oder von Mensch zu Mensch. Als natürliches Reservoir gelten insbesondere Flughunde (Fledermäuse). Auch Nutztiere wie Schweine können als Zwischenwirte fungieren, was das Ausbreitungspotenzial zusätzlich erhöht. Besonders problematisch ist, dass es in bestimmten Situationen zu sekundären Übertragungen zwischen Menschen kommen kann. Aufgrund dieses Epidemie- und möglichen Pandemiepotenzials stuft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Nipah-Virus als Hochrisikoerreger ein. Bislang existieren weder ein zugelassener Impfstoff noch eine gezielte antivirale Therapie. Das Nipah-Virus zählt zu den Viren mit hoher Sterblichkeit: Je nach Ausbruch sterben 40 bis 75 Prozent der Erkrankten.

Welche Symptome treten beim Nipah-Virus auf?

Die Inkubationszeit des Nipah-Virus liegt in der Regel zwischen vier und 21 Tagen. Der Krankheitsverlauf beginnt häufig mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und ausgeprägter Müdigkeit. Bei einem Teil der Betroffenen kommen Atemwegssymptome hinzu, darunter Husten, Atemnot oder eine Lungenentzündung. In schweren Fällen kann es zudem zu einer Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) kommen. Diese entwickelt sich mitunter erst Tage oder sogar Wochen nach den ersten Symptomen und kann mit Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen bis hin zum Koma einhergehen.

Wo kommt das Nipah-Virus vor?

Seit 1998 wurden laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Nipah-Ausbrüche in Bangladesch, Indien, Malaysia, den Philippinen und in Singapur registriert. Besonders betroffen sind Regionen in Südasien, in denen das Virus seit Jahren immer wieder auftritt. Indien bestätigte zuletzt im Juli 2025 vier Infektionen, darunter zwei Todesfälle, in zwei Distrikten des südwestlichen Bundesstaates Kerala. Die Region gilt als Hotspot, nachdem dort seit 2018 wiederholt Ausbrüche gemeldet wurden. Auch in Bangladesch wurden zwischen Januar und August 2025 vier Fälle registriert. Das Land ist endemisch betroffen, seit dem ersten offiziell anerkannten Ausbruch im Jahr 2001 werden nahezu jährlich menschliche Infektionen festgestellt.

Wie reagieren die Länder in Südostasien?

Mehrere Länder reagieren auf die bestätigten Nipah-Fälle mit verstärkten Vorsichtsmassnahmen und offiziellen Reisehinweisen. Thailand hat an seinen Flughäfen zusätzliche Gesundheitskontrollen für Ankommende aus dem Bundesstaat Westbengalen eingeführt. Zudem raten die Behörden zu erhöhter Aufmerksamkeit bei Aufenthalten in Regionen, die mit Fledermauspopulationen in Verbindung stehen.

Die vietnamesischen Gesundheitsbehörden haben die Alarmstufe erhöht. Gleichzeitig haben sie Grenz- und Flughafenkontrollen intensiviert. Auch Nepal verschärft die Überwachung an den Grenzübergängen zu Indien sowie an internationalen Flughäfen. In weiteren asiatischen Staaten, darunter Taiwan, werden bei Reisenden aus betroffenen Gebieten medizinische Abklärungen vorgenommen. Insgesamt zeigt sich die Region wachsam gegenüber einer möglichen Ausbreitung des Virus.

In China wird die Lage ebenfalls aufmerksam verfolgt – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des chinesischen Neujahrsfests, während dessen Millionen Menschen reisen. Gesundheitsexperten schätzen das Risiko eines grösseren Ausbruchs jedoch als gering ein, da das Nipah-Virus nur begrenzt von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

Was rät der Reisemediziner?

Julian Schilling führt gemeinsam mit Danielle Gyurech seit 30 Jahren die Travel Clinic beim Zürcher Hegibachplatz. Er gehört zu den renommiertesten Reisemedizinern der Schweiz. Einen Nipah-Fall hätten sie in ihrer Praxis noch nie gehabt, sagt Schilling auf Anfrage. «Die Krankheit ist bei uns eine absolute Rarität.» Leichte Verläufe würden oft innerhalb weniger Tage abklingen. «Diese Patientinnen und Patienten sind in der Regel wieder gesund, bevor sie überhaupt nach Hause zurückkehren.» Schwere Erkrankungen hingegen, etwa mit Hirnhautentzündung, erforderten eine intensive Behandlung vor Ort im Spital. «Solche Fälle sehen wir in der Praxis nicht.» Unabhängig vom aktuellen Geschehen gelte für Reisende jedoch ein grundsätzlicher Rat: «Nicht nur wegen Nipah, sondern generell empfehlen wir, Kontakte mit Tieren möglichst zu vermeiden.»