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Mittelmeer-Badeferien, etwa auf Zypern, stehen wieder hoch im Kurs. Bild: Hotelplan Suisse

Mittelmeer-Boom und Langstrecken-Frust

Von Gregor Waser / Nina Wild

Die Stimmungslage in der Schweizer Reisebranche ist gespalten. Während die Badeferien-Veranstalter und einige Reisebüros über das aufkommende Kurzstrecken-Geschäft jubeln, ist bei den Langstrecken-Spezialisten weiterhin Konsternation auszumachen. Wir haben uns umgehört.

Seit anfangs Juni laufen die Drähte heiss. Unisono verzeichnen TUI Suisse, Hotelplan Suisse, DER Touristik Suisse und Bentour Reisen bei den Badeferien auf der Kurzstrecke Buchungszuwächse wie noch nie in anderen Jahren im Juni. Schweizerinnen und Schweizer zieht es nach 15 Monaten Balkonien und Alpen-Wanderungen wieder ans Meer.

Für die top Destinationen wie Kreta, Rhodos, Kos, Mallorca und Antalya ist die aktuelle Nachfrage besonders gross. «Die Buchungseingänge für diese Destinationen liegen aktuell zwischen 50 bis 100 Prozent über jenen im gleichen Zeitraum im Jahr vor der Pandemie», sagt etwa TUI-Suisse-Chef Philipp von Czapiewski. Für den Hochsommer, Spätsommer und Herbst rechnet der Konzern bei diesen Trendzielen mit bis zu 75 Prozent des Volumens des Jahres 2019.

Mit Anfragen und Buchungen überhäuft

Klingeln die Kassen derzeit nur bei den Veranstaltern? Oder profitieren auch einzelne Reisebüros vom jüngsten Buchungsboom? Christian Granwehr vom Reisebüro Buchs im Rheintal bestätigt die grosse Nachfrage: «Bei uns boomt es auch gewaltig. Wir werden regelrecht mit Anfragen und Buchungen überhäuft.» Im Moment beziehe sich die Nachfrage aufs Mittelmeer und die Kanaren. Aber auch schon einige Langstrecken für Anfang 2022 werden gebucht. «Wir hoffen einfach, dass alles konditions-technisch so bleibt, nicht dass man wieder das Ganze 'zurückbuchstabieren' muss».

Beat Künzler von Arotour sagt: «Bei uns in Arosa ist es etwas speziell. Unsere grosse Reisezeit, die rund 70 Prozent des Geschäftes ausmacht, ist im Mai, zwischen der touristischen Winter- und der Sommersaison hier in Arosa. Hier ist der grösste Teil der Menschen selbst im Tourismus tätig. Für uns kamen diese Öffnungen des Bundesrates nun leider zu spät.» Nichtsdestotrotz denke er, dass die Lockerungen für viele Reisebüros nun einen guten Effekt haben, die Menschen seien reisehungrig: «Ich merke selbst, dass die Kunden Lust zeigen und überlegen, ob sie jetzt noch einmal in die Ferien können. Wenn es für unser Einzugsgebiet einfach wäre, auch im Sommer oder Herbst zu verreisen, dann würden wir auch einen Boom erleben.»

Und Andrea Engel von Engel Reisen in Chur sagt: «Auch wir haben deutlich mehr Anfragen und Buchungen, hauptsächlich für Badeferien in Griechenland, Spanien und Italien – kurzfristig für die nächsten zwei bis vier Wochen.» Das sei erfreulich und stimme zuversichtlich. «Allerdings sind wir deutlich mehr auf individuelle Fernreisen spezialisiert und da läuft halt nach wie vor nichts. Wir hoffen nun, dass auf den Herbst hin auf vermehrt wieder Fernreisen möglich sein werden.»

Gespaltene Reisebranche

Damit zeigt sich deutlich: die Schweizer Reisebranche ist derzeit gespalten. Nachdem sich in den letzten zehn Jahren die meisten Reisebüros vom Mittelmeer-Geschäft distanziert haben – und dieses den Veranstaltern oder Online-Playern überliessen –, konzentrieren sie sich mehrheitlich auf die lukrativeren Langstrecken. Doch hier läuft bekanntlich noch wenig. Die Fragezeichen um USA-, Südamerika-, Australien- oder Asien-Reisen sind weiterhin gross.

Entsprechend wenig euphorisch zeigt sich Globetrotter Group CEO André Lüthi. Zum Buchungsboom bei TUI, Hotelplan und Helvetic Tours sagt er: «Für gewisse europäische Länder dürfte es zutreffen, dass die Reisebuchungen deutlich anziehen. Viele Reisebüros in der Schweiz und auch die Globetrotter Group werden im 2021 aber nochmals einen Umsatzeinbruch von 70% und mehr hinnehmen müssen.»

Wie auch in der Kultur- und Event-Branche seien deshalb auch in der Reisebranche viele Betriebe nur noch über Wasser dank Kurzarbeitszeitentschädigungen, Covid-Krediten und Härtefallgeldern – und konnten so Arbeitsplätze sichern, sagt Lüthi. «Das BAG macht in den letzten Wochen einen richtig guten Job – doch so lange der grösste Teil der Welt nicht bereisbar ist, müssen sich die Schweizerinnen und Schweizer weiterhin gedulden mit Fernreisen.»

Nächsten Dienstag wird die Globetrotter Group zudem bekanntgeben, dass sie den Lead beim langjährigen Fernreisen-Festival abgeben wird. Details dazu sind noch nicht publik. Aber offensichtlich wird das Festival breiter abgestützt, mit neuen Partnern an Bord. Ein weiteres Indiz, wie sehr die Reisebranche wegen dem fehlenden Langstrecken-Geschäft leidet – ganz im Gegenteil zum Comeback bei den Mittelmeer-Zielen.