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Die Protagonisten des gestrigen Mayday-Talks: Nicolo Paganini, Max E. Katz und Stephan Roemer – befragt von Yvonne Walser-Georgy, Michael Mettler und Roland Zeller. Bild: TN

«Wir müssen den Verband wieder trendy machen!»

Der gestrige Mayday-Branchencall drehte sich um die Rolle und Zukunft der Verbände. Erst plätscherte der Talk friedlich vor sich hin, dann folgten plötzlich deutliche Voten.

Ein Branchentalk über Wesen, Aufgabe, Rolle und künftige Ausrichtung von Tourismusverbänden sorgt per se noch nicht für die grosse Aufmerksamkeit. Die Branchengruppierung Aktion Mayday hatte gestern zwei Wochen nach dem Quotenknüller (BAG-Talk mit Patrick Mathys) nun ein eher trockeneres Thema auf der Agenda.

So plätscherte der Talk zunächst geruhsam dahin. STV-Präsident Nicolo Paganini gewährte Einblick in seine Organisation und erklärte, dass es sich beim Schweizer Tourismus-Verband (STV) um den politischen Arm der Tourismusbranche handelt – mit der Aufgabe, sich bei Bundesrat, Parlament, Verwaltung und Kantonen für politische Anliegen einzusetzen. Der STV vertritt den gesamten Sektor, die einzelnen Branchen sind Mitglieder.

Doch wieso war der Schweizer Reise-Verband (SRV) nicht teil der mehreren Tourismusgipfel mit dem Bundesrat, obwohl auch STV-Mitglied? Paganini erläuterte diesen Punkt mit dem Umstand, dass der STV über zehn Kernmitglieder verfüge, die einen deutlich grösseren Obolus entrichten. Und es für diese Kernmitglieder eben unverständlich gewesen wäre, auch andere Mitglieder an die prominenten Treffen zu laden. Ein Dank erhielt Paganini von Co-Moderator Michael Mettler für seine prägende Rolle bei der Durchsetzung der Härtefallhilfen, von denen mittlerweile viele Reisebüros profitieren können.

SRV-Präsident Max E. Katz wurde befragt, was in den letzten Monaten anders hätte laufen müssen. Er verwies auf die Kommunikation und dass eben in der früheren Welt alles auf Papier erfolgte, sich die Mitglieder aber heute die Neuigkeiten lieber anhören möchten. Das Learning sei jedenfalls erfolgt.

Nicht mehr sexy

Aus neutraler Warte eines SRV-Mitglieds schaltete sich Stephan Roemer ein. Der Tourasia-Chef sagte, was ihn an heutigen Verbänden stört: «Ein Verband ist schon nicht mehr eine sexy Organisation. Es ist schwierig, Leute zu finden, die sich für die Verbandsarbeit einsetzen. Die meisten sind dann eher inaktiv oder wenn sich jemand findet lässt, ist dass dann ein Pensionär, der sagt, mit dem Jöbli kann ich der Branche noch Gutes tun. Doch eigentlich entfernt man sich mit einer solchen Wahl von der Branche und der Basis.» Und diese Basis benötige ein Verband unbedingt, um eben auch 100-prozentig den Support zu erhalten.

Die Ausgangslage sei zu Beginn der Krise halt schon schwierig gewesen, blickt Roemer zwölf Monate zurück. Alle seien am Hyperventilieren gewesen und man habe nur schwarz gesehen. «Klar, in einem solchen Moment springen alle am Verband hoch und schreien, helft uns jetzt!». Ob der SRV nun gute oder keine gute Arbeit geleistet habe, wolle er mal offen lassen. Aber klar sei schon: die Verbandsarbeit habe sehr viel dazu beigetragen, dass die Reisebranche nun von der Härtefallhilfe profitieren kann.

Veraltete Strukturen? Nicht sexy? Was sagt Max E. Katz dazu? «Verbandsarbeit ist stets eine schwierige Arbeit wegen der vielen Interessen, angesichts der grossen, mittelgrossen und kleinen Mitglieder. Und obwohl wir immer dem Vorwurf ausgesetzt sind, uns nur für die Interessen der Grossen einzusetzen, war dies in den verangengen Monaten mehrheitlich umgekehrt. Sehr viele Initiativen kamen den kleinen Mitgliedern zu Gute.» Man könne es aber schon nie allen recht machen, sagte Katz und nannte das Beispiel von den Gutscheinen. Das Thema sei zu Krisenbeginn von den Mitgliedern äusserst kontrovers diskutiert worden.

Weiter erzählte der noch amtierende SRV-Präsident von der Arbeitsgruppe, die über seine Nachfolge derzeit sprechen würde. Eine Frage etwa sei, wie wichtig es wäre, einen Parlamentarier an die Verbandspitze zu holen, wie es beim Schweizer Tourismus-Verbands mit Nicolo Paganini der Fall sei. Die Idee, der STV sollte auch der Dachverband für die Outgoing-Branche sein, findet Katz nicht geeignet, vielmehr müsste die Branche einen eigenen Dachverband haben, der dann wiederum beim STV Mitglied oder Kernmitglied sei.

Kein Einsatz, maximaler Nutzen

Gegen Ende des Talks (42'45'') unterstrich Stephan Roemer nochmals mit deutlichen Worten, wie er oder viele andere SRV-Mitglieder sich den Verband vorstellen: «Was mir graust, ist, wenn ein Verband 20 oder 30 Jahre alte Strukturen vorweist und langsam zu einem Altherren-Clübli verkommt.» Ein Verband müsse aber modern sein mit zeitgemässen Strukturen. «Mir ist auch klar, niemand will sich für den Verband einsetzen, aber jeder will den maximalen Nutzen rausziehen. Genau bei diesem Punkt müssen wir ansetzen: Wir müssen den Verband wieder trendy machen!»

Jedes Mitglied müsse sich einbringen können und sich als aktives Mitglied fühlen. Dies beginne bei einer zeitgemässen, aktiven, schnellen und regelmässigen Kommunikation, welche die Mitglieder vereint – «so fühle ich mich als Teil eines Verbands». Weiter benötige der SRV eine Stimme nach aussen, eine politische Stimme. «Ich bin dafür, dass ein Politiker im SRV-Vorstand Einsitz nimmt.»

Zudem fordert Roemer: «Ein Verband muss einen Mehrwert bieten und nicht bloss ein Haltegriff sein in der Not wie zuletzt.» Gleichzeitig müsse der Vorstand aber auch klein und damit wendig sein. Es müssten nicht fünf Grosse mit dabei sein, es reiche, wenn ein Grosser die Interessen der Grossen einbringe, dafür sollten aber auch kleine, unabhängige Reisebüros vertreten sein.

Roemers treffende Worte dürfte jedenfalls die SRV-Arbeitsgruppe, die an der künftigen Ausrichtung des Verbandes arbeitet, notiert haben, und bei der nächsten Sitzung Mitte April einfliessen lassen. Denn November und die nächste SRV-GV, an der über die Neuausrichtung befunden wird, ist schon bald.

Kurzfristige Optik

Eine provokative Frage hatte zum Ende hin Nicolo Paganini noch zu beantworten. Ob es denn nicht zum Vorteil des STV und des Incoming-Tourismus sei, dass der Bundesrat weiterhin empfiehlt, auf nicht notwendige Auslandsreisen zu verzichten? «Ich sehe das nicht so, das ist eine kurzfristige Optik», konterte Paganini. «Natürlich war es toll, dass letzten Sommer so viele Schweizer in der Schweiz Ferien machten. Aber trotzdem haben dann ja 16 Millionen Logiernächte gefehlt.»

Der Schweizer Tourismus sei extrem darauf angewiesen, dass ausländische Gäste in die Schweiz kommen können. «Bei diesem Punkt haben wir ein gemeinsames Interesse, dass es möglichst bald wieder möglich sein sollte, in andere Länder zu fliegen.»

Hier lässt sich der Mayday-Branchencall vom 29. März 2021 in voller Länge anhören:

(GWA)