Reiseanbieter

Das Abenteuer Happy Travel ist für Shpendim Aliu zumindest vorläufig zu Ende. Bild: zVg

«Ich habe mit dem Entscheid zur Aufgabe lange gerungen»

Happy Travel in Rümlang hat die Geschäftstätigkeit eingestellt. Wir haben uns dazu mit Inhaber Shpendim Aliu unterhalten.

Die Happy Travel GmbH in Rümlang ist kein Schwergewicht der Reisebranche. Dass Geschäftsführer Shpendim Aliu nun infolge der Corona-Krise das Handtuch geworfen hat, sendet keine Schockwellen durch die Branche. Es ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie es vielen kleinen unabhängigen Reiseunternehmern in den letzten Monaten ergangen ist, wie damit gerungen wurde, das Geschäft loszulassen, und wie nun Unsicherheit über die weitere Zukunft herrscht. Möglicherweise ist Shpendim Aliu nur einer der ersten unter vielen - ein Sinnbild dafür, wie viele Existenzen in der Reisebranche von der Corona-Krise getroffen werden, und wie die Reisebranche dadurch als Ganzes verändert wird. Travelnews hat sich mit ihm über die Geschäftsaufgabe unterhalten.

Im Telefongespräch erklärt Aliu, er habe keine klassische Reisebüro-Ausbildung gemacht, sei aber schon früh bei diversen Ethnic-Travel-Agenturen angestellt gewesen, wo er Flugreisen und mehr in Balkan-Länder angeboten habe. Vor fast drei Jahren, im Mai 2018, machte er sich dann selbständig und gründete die Happy Travel GmbH mit Sitz in Rümlang, nahe dem Flughafen Zürich. Anfangs primär auf Reisen in seine eigene Heimat Nordmazedonien spezialisiert, merkte er bald, dass seine Kundschaft nebst den Reisen in die eigene Heimat auch andere Reisewünsche hegte. «Meine Kunden wollten mehr, so dass ich früh die Palette auszubreiten begann», so Aliu. Insbesondere die Türkei, ein beliebtes Feriengebiet für Personen aus dem Balkanraum, wurde zu seinem grossen Standbein. Er verkaufte aber auch klassische Pauschalferien im Mittelmeer, Arrangements nach Dubai, nach Japan oder in die Karibik. Noch im letzte Sommer erhielt er nach einer speziellen Schulung ein Zertifikat als «Travel Expert» für die Dominikanische Republik.

Da das Geschäft mit der Türkei gut lief, wurde er vom grossen Türkei-Spezialisten Bentour dann an die «Bentour Comedy Night» in Antalya eingeladen, wo er einen Vertreter der deutschen Reisebüro-Kooperation Schmetterling kennen lernte. Aus diesem Kontakt ergab sich dann sein Beitritt zur Schmetterling, welche ihm eine Kundengeldabsicherung bescherte und besonders in IT-Belangen behilflich war, was sich an einem Blick auf die noch existente Website von Happy Travel einfach erkennen lässt, etwa anhand der Links zur DB oder den Corona-Infos von der deutschen QTA. Zu Beginn der Jahres 2020 war Aliu voller Optimismus - das Geschäft wuchs und gedieh, die Firma war gesund, er verdiente - wohlbemerkt als Einmannbüro - gutes Geld.

«Es war die Hölle»

Mit Einsetzen der Corona-Krise im Februar 2020 häuften sich die Rückfragen der Kunden, ab März gab es dann nur noch Annullierungen, Verschiebungen und fast keine Neubuchungen mehr. «Es war die Hölle», beschreibt Aliu die Lage, «aber ich blieb zuversichtlich, da es immer hiess, dass die Krise im Sommer nachlassen werde - und im Juni/Juli schien sich die Lage tatsächlich zu entspannen, es kamen wieder vermehrt Buchungen rein.»

Parallel dazu hatte Aliu Kurzarbeit beantragt, doch die Benefits für eigenständige Unternehmer waren von kurzer Dauer, die Ausfallbeiträge tief. Auf die Frage, weshalb er keinen Corona-Kredit aufgenommen habe, entgegnet Aliu: «Ich wollte auf eigenen Beinen stehen und mich nicht auf diese Weise langfristig verschulden.» Als sich die Krise nach dem Sommer wieder verschärfte und es zu einem «Domino-Effekt der Annullierungen» kam, wie Aliu es beschreibt, begann er mit sich selbst zu ringen: Aufgeben? Durchbeissen? «Ich liebe diese Tätigkeit aufrichtig und zwei Jahre lang war ja alles prächtig gelaufen, da wollte ich mich erst mal noch durchbeissen», schildert er. Wie viele andere setzte er seine Hoffnung darauf, dass nach dem Horrorjahr 2020 ab 2021 sich die Lage entspannen würde und es wieder aufwärts gehen könnte. Ein Irrtum.

Als die weiteren Lockdowns und Grenzschliessungen im Januar losgingen, wurde Aliu klar, dass es auch 2021 wohl nochmals lange eng würde. Er selber rechnet gar mit 1-2 Jahren weiterer Misere. Deshalb entschied er sich Mitte Januar für ein «Ende ohne Schrecken».

Keine Leichen im Keller

Was heisst das? «Ich habe alle Verträge fristgerecht gekündigt, schulde niemandem Geld und es sind keine zukünftigen Reisen mehr vorhanden, um die ich mich noch kümmern muss», so Aliu. Die GmbH überträgt er nun an ein Familienmitglied, welches damit in einer anderen Branche weiterfahren wird.

In der Reisebranche unternehmerisch tätig bleiben will Aliu zumindest bis auf Weiteres nicht. «Aktuell findet ein Konzentrationsprozess statt, viele Kleine und Kleinste geben auf oder werden von grösseren Gebilden absorbiert», sagt Aliu nüchtern. Er hofft, dass er wenigstens in so einem «grossen Gebilde» unterkommen kann und seine bisherige Kundschaft somit weiterhin betreuen könnte. Das Potenzial des Ethnic-Verkehrs, nicht nur in den Balkan, sondern eben auch zu Zielen wie etwa der Türkei, dürfe nicht unterschätzt werden, so Aliu.

Die Frage ist nun wohl: Wer wird künftig in der Lage sein, die doch grosse Ethnic-Kundschaft unterschiedlichster Herkunft in der Schweiz anzusprechen? Diese wurde bislang von zahllosen Kleinunternehmen wie jenem von Aliu betreut - im Einzelfall kein Riesengeschäft, in der Summe aber doch ein schönes Potenzial...

(JCR)