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Das Arbeiten im Homeoffice erlaubt zwischendurch auch mal einen Run in den Wald. Bild: Adobe Stock

Aus der Jogginghose zurück ins Reisebüro

Von Gregor Waser

Sind die Schweizer Reiseprofis bereit, um in einigen Wochen von 0 auf 100 wieder ins Arbeitsleben einzutauchen? Und wie wird die neue Arbeitswelt nach Corona aussehen?

Noch stecken wir mitten in der Pandemie. Kurzarbeit ist bei Schweizer Reiseunternehmen angesagt, die wenigen Arbeitsstunden pro Woche erledigen viele von zuhause aus, Dresscode légère. Doch wie lange noch?

Mit der weltweiten Impfkampagne verdichten sich die Zeichen, dass schon Ende Frühling 2021 die Normalität abrupt zurückkehren könnte. Der Nachholbedarf bei Ferienreisenden dürfte gross ausfallen.

Aber sind die Schweizer Reiseprofis überhaupt bereit, von 0 auf 100 wieder ins Arbeitsleben zu tauchen, rein in die 42-Stunden-Mühle? Das Jahr in Kurzarbeit hatte auch bequeme Seiten und der Lohn traf gleichwohl ein, wenn auch – für viele schmerzhaft – in reduzierter Form.

Umstellung auf 42-Stunden-Woche

Natalie Dove, Nussbaumer Reisen.

Natalie Dové, Inhaberin von Nussbaumer Reisen in Burgdorf und SRV-Vorstandsmitglied, sagt zu einem möglichen, baldigen Restart: «Ich würde mein Team einfach aus der Kurzarbeit rausnehmen.» Zwar habe sich ihr Team verkleinert, daher könnte eine massive Anfragewelle schon eine Herausforderung sein. «Doch ich gehe nicht davon aus, dass dies von einem auf den anderen Tag geschehen wird. Wir haben zum Beispiel viele Kunden, die in die USA, nach Kanada oder Australien reisen möchten – und bei diesen Destinationen sieht es zurzeit nicht nach einer schnellen Erholung aus.»

Und ob die Leute denn nach einem Jahr zuhause wieder bereit seien, voll einzusteigen? Dazu sagt sie: «Es ist sicher eine Umstellung. Meine Teammitglieder sind in sehr hoher Kurzarbeit, haben dadurch mehr Freizeit, und dann plötzlich wieder eine 42-Stunden-Woche ... Aber wir sind natürlich jederzeit bereit, wieder durchzustarten und ich möchte so rasch wie möglich auch wieder weg von der staatlichen Unterstützung.» Ansonsten stünde es ja jedem frei, seine Arbeitszeit zu reduzieren, niemand müsse 100 Prozent arbeiten. «Es kann ja sein, dass einige Arbeitnehmende in dieser Zeit gemerkt haben, es geht auch mit weniger Lohn und dass mehr Freizeit oder längere Reisen willkommen sind.» Sie glaube, dass sich viele Reiseprofis wieder darauf freuen, ihre normale und geschätzte Arbeit anzutreten.

Flexible Arbeitsmodelle unabdingbar

Judith Pauli, DER Touristik Suisse.

Wird es in der Reisebranche also vermehrt Teilzeitmodelle geben? Wir haben dazu DER Touristik Suisse angefragt. Judith Pauli, Senior Talent Acquisition & Onboarding Manager, sagt: «Das kann ich mir gut vorstellen. Der Bedarf nach Flexibilität wird in vielen Branchen – auch in der Reisebranche – immer mehr gewünscht, von Frauen und Männern, jungen und erfahrenen Menschen. Um diese als Mitarbeitende zu gewinnen und zu halten, sind flexible Arbeitsmodelle unabdingbar – nicht zuletzt auch aufgrund des demografischen, gesellschaftlichen und technologischen Wandels.»

Für kreative Lösungen und Ansätze wie Job Sharing oder Freelancer-Optionen zeige sich DER Touristik Suisse offen: «Jahresarbeitszeit statt tägliche Vorgaben, Teilzeitarbeit, Jobsharing, Freelancer Möglichkeiten – das alles gibt es bei DER Touristik Suisse. Zusammen mit unseren Mitarbeitenden suchen wir Lösungen, um Beruf, Familie, Studium oder weitere Herzensprojekte mit der Arbeit vereinbaren zu können. Zurzeit arbeiten mehr als 1/3 aller Mitarbeitenden bei DER Touristik Suisse im Teilzeitpensum – auch Führungskräfte wie Filialleitende.»

Weiter hat DER Touristik Suisse in den vergangenen Monaten alle Mitarbeitenden technologisch so ausgerüstet, dass nahezu alle anfallenden Arbeiten vollumfänglich und mit der gewohnten Infrastruktur von zuhause aus erledigt werden können.

Homeoffice als Chance

Homeoffice, Zoom-Meetings, veränderte Arbeitszeiten, wegfallende Arbeitswege haben die letzten Monate geprägt – durchaus auch positiv. Learnings und gewisse Abläufe gilt es für Unternehmen mitzunehmen.

Jean-Philippe Spinas, Kienbaum.

Wir haben hierzu Jean-Philippe Spinas befragt, den langjährigen Swissair-, STA-Travel- und Kuoni-Manager, seit zehn Jahren Human-Resources-Spezialist bei Mercuri Urval und Kienbaum Executive Search. Er sagt zur künftigen Arbeitswelt: «Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Corona hat die digitalen Veränderungen hin zu Homeoffice-Modellen beschleunigt.»

«Solange man etwas nicht im Team erledigen muss, ist man zuhause ohne Ablenkung viel konzentrierter. Und der grosse Vorteil ist: man gewinnt an Lebensqualität. Die Arbeitszeit bleibt dieselbe, aber der Gewinn des wegfallenden Arbeitsweges, häufig gegen eine Stunde am Tag, bedeutet mehr Freizeit.»

Homeoffice werde nur bei führungsschwachen Chefs zum Problem. Spinas verweist darauf, wie wichtig die Führungsaufabe und interne Kommunikation für Geschäfts- und Filialleiter künftig werde, wenn Mitarbeitende von zuhause aus arbeiten. Eine Führungskraft müsse definieren, wann von zuhause aus gearbeitet werden kann und wann das Team am Arbeitsplatz sein müsse. Homeoffice dürfe aber nicht ein Grundrecht werden, Arbeitnehmende müssen sich dieses mit Vertrauen gewinnen – «wer im Büro Vollgas gibt, wird dies auch zuhause tun».

Eine Firma müsse sich aber auch bewusst sein, dass wenn sie sich künftig kategorisch gegen Homeoffice sperrt, an Attraktivität verliert.

Und wie schwierig wird es, nach der Coronapause an den Arbeitsplatz zurückzukehren? Dazu sagt Jean-Philippe Spinas: «Es wird für die Leute nicht ganz so einfach. Doch nur zuhause arbeiten ist nicht richtig, nur im Büro aber auch nicht. Das künftige Arbeitsmodell liegt dazwischen. Hierzu müssen sich Firmen aber anders organisieren.»