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Der stationäre Reisevertrieb dürfte in Zukunft abnehmen, dennoch bleibt es ein wichtiger Verkaufskanal für Reiseveranstalter. Bild: Adobe Stock

«Bei der künftigen Kommissionierung darf es für 2020 keinen Malus geben»

Die Coronavirus-Krise schüttelt den touristischen Vertrieb durch. Wie wird die neue Vertriebswelt 2021 aussehen? Travelnews hat bei den grossen Schweizer Reiseveranstaltern nachgefragt.

Der Nachfrage-Einbruch bei den Reisen hinterlässt Spuren. Besonders stark trifft es den stationären Reisevertrieb, der sich seit Monaten vor allem mit Annullierungen und Rückvergütungen und wenig mit Neubuchungen herumschlägt. Da Kurzarbeit und Kredite nur temporär aushelfen und weitere Hilfe aus Bern noch auf sich warten lässt, bewegen sich viele Reisebüros am Rande des Abgrunds.

Wie schlimm ist es wirklich? Es ist wie immer bei Konkursen: Davon hört man deutlich weniger öffentlich als von Neugründungen, weshalb die aktuelle Anzahl bereits Pleite gegangener Reisebüros nicht genau bekannt ist. Klar ist indes bei den meisten Grossveranstaltern, wie stark diese ihren Eigenvertrieb abbauen. Hotelplan schliesst 12 Filialen, TUI Suisse deren 8, Knecht und Globetrotter je 4, bei DER Touristik Suisse wartet man noch auf eine Mitteilung. Aber allein schon bei den grössten Filialketten dürften gegen 40 Büros verschwinden. Bei den kleinen, unabhängigen und/oder inhabergeführten Reisebüros wird es auch zu Einbrüchen kommen.

Wie verändert sich die Vertriebslandschaft? Gibt es Auswirkungen auf die Kommissionsmodelle? Sind bisherige Lieferketten überhaupt existenzberechtigt? Wir haben bei den grössten TOs nachgefragt.

Laut Knecht haben kleinere Reisebüros oft länger Schnauf

Knecht Reisen schliesst insgesamt vier Filialen und baut bis Ende Jahr laut Roger Geissberger rund 20-25 Prozent des Personals ab. Damit liege man etwa im selben Verhältnis zu den Mitbewerbern. «Für kleine Filialen mit unter 2-2,5 Millionen Franken Umsatz gab es keinen Platz mehr», so Geissberger. Was für die Filialen gelte, sei aber nicht zwingend gleich im Fremdvertrieb: «Kleine, inhabergeführte Reisebüros, die in den letzten Jahren clever gewirtschaftet haben, können durchaus länger Schnauf haben und sind oft zäher als man meint», analysiert Geissberger. Er rechnet im Fremdvertrieb mit einem Wegfall von «nur» gegen 10 Prozent.

Was die Vertriebsnetz-Schrumpfung für Auswirkungen auf die künftige Kommissionierung hat, lässt sich noch nicht sagen, zumal diesbezügliche Sitzungen der TTS-Gruppe, welche die Kommissionierung auch für Knecht bestimmen, noch ausstehen. Geissberger hat jedoch selber klare Vorstellungen dazu, was sein müsste: «Für 2020 kann es keinen Malus geben. Derweil können wir auch nicht die Kommissionssätze anheben. Sinnvoll wäre es, die Abstufung von 2019 beizubehalten und das Jahr 2020 quasi auszublenden.»

So oder so bleibe die Lage volatil, weshalb Langfristprognosen schwierig seien. Das Herbstgeschäft, auf welches gehofft wurde, scheint sich auch in Luft aufzulösen. Als grössten Nachfrage-Killer sieht hierbei Geissberger die von der Schweizer «Risikoländer-Liste» mit angehängter Quarantänepflicht verursachte Unsicherheit: «Wir spüren, dass die Leute reisen wollen und selber eigentlich keine Angst vor dem Coronavirus haben, aber vielen sind die Auflagen zu kompliziert oder die Unsicherheit wegen der jederzeit ändernden Quarantäneliste zu gross», urteilt der CEO der Knecht Reisen Gruppe.

Hotelplan rechnet kaum mit Veränderungen im Vertriebsmix

Bereits Ende Juli wurde bekannt, dass Hotelplan infolge der Coronavirus-Krise zwölf Filialen, die meisten davon im Raum Basel, schliessen muss. Das bedeutet eine Verringerung des Eigenvertriebsstellen - und wie sehen die Prognosen zur Entwicklung bei den Fremdvertriebsstellen im kommenden Jahr aus? Tim Bachmann, CEO von Hotelplan Suisse, geht davon aus, dass in der gesamten Schweiz unabhängige Reisebüros aufgrund der aktuellen Situation ihre Türen für immer schliessen werden. «Wir rechnen leider mit einer Verringerung von rund 20 Prozent der Vertriebstellen», gibt der Hotelplan-CEO zu bedenken. Infolge dessen überprüft der Veranstalter derzeit sein Kommissionsmodell und es laufen Überlegungen zu Anpassungen. Weitere Details werden noch nicht preisgegeben.

Der stationäre Vertrieb wird sich also in Zukunft verringern, es wäre also durchaus denkbar, dass sich dadurch der Vertriebsmix verändert und beispielsweise mehr Fokus auf den Online-Verkauf gesetzt wird. Das dementiert Bachmann: «Wir rechnen mit keinen grossen Änderungen im Vertriebsmix.» Die Pandemie stellt Reiseveranstalter und Mitarbeitende vor noch nie dagewesene Herausforderungen. Das wirkt sich auch auf die Agentenbetreuung von Hotelplan aus. «Die Agentenbetreuung wird in den kommenden Monaten durch die Herausforderungen rund um die Corona-Krise wahrscheinlich noch intensiver werden», glaubt Bachmann.

TUI erwartet keine grossen Änderungen im Kommissionsmodell

TUI Suisse hat Anfang Juli die Schliessung von acht Filialen bekannt. Dies entspreche laut Markus Kohli, Director Retail, TUI Suisse einer Reduzierung von 13 Prozent des Eigenvertriebsnetzes. Diese Schliessungen seien wohlüberlegt und erfolgten nur dort, wo in unmittelbarer Nähe weitere Filialen vorhanden seien. So könne eine gute geografische Abdeckung gewährleistet werden. In Bezug auf den Fremdvertrieb sagt Kohli: «Ich denke, im Fremdvertrieb ist mit einem ähnlichen Rückgang zwischen 10 und 20% zu rechnen.» Mit wesentlichen Auswirkungen auf das Kommissionsmodell rechnet der Reiseverantsalter derzeit nicht.

Globetrotter rechnet auch mit schlechtem 2021, sieht aber Chancen für Reisebüros

«Ich gehe davon aus, dass die Umsatzeinbrüche im Reisevertrieb 2021 eher bei 40-50 Prozent als wie bisher angenommen bei 30 Prozent, im Verhältnis zu 2019, liegen werden, denn die Welt bleibt vorläufig zu», malt Globetrotter-CEO André Lüthi ein düsteres Bild. Er rechnet mit zahlreichen Insovenzen und Restrukturierungen bis Ende Jahr, mag sich aber nicht auf einen Prozentsatz des Ganzen festlegen. Dass es dadurch zu einer Änderung des Vertriebsmix zugunsten von Online kommt, muss aus seiner Sicht aber nicht sein: «In der Corona-Krise wurde auch der Wert der Reisebüros deutlich, das kommt diesen hoffentlich künftig etwas zugute.»

Demzufolge erwartet Lüthi auch nicht zu viele Veränderungen bei der Kommissionierung: «Als Veranstalter ist man ja aktuell über jedes Reisebüro froh, welches ein eigenes Produkt aktiv verkauft. Da passiert also wohl eher wenig bei den Kommissionen.»

Kuoni äussert sich nicht

DER Touristik Suisse, das Mutterhaus von Kuoni und Helvetic Tours, will aktuell auf eine Einschätzung zu den Travelnews-Fragen verzichten. Das mag damit zusammenhängen, dass DER Touristik als bislang einziger Grossveranstalter noch keine öffentlichen Aussagen hinsichtlich Filial- und Personalreduktion gemacht hat. Hinter den Kulissen dürfte gekämpft werden, um den Abbau möglichst verträglich zu gestalten, lediglich vier Jahre nach einem deutlichen Einschnitt im Gefolge des Verkaufs von Kuoni an die DER Touristik. In Kürze dürfte man aber mehr zu den Plänen der DER Touristik Suisse erfahren.

(JCR/NWI)