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«Oben» gegen «unten»: In der Schweizer Reisebranche haben sich - schon zuvor rissige - Gräben aufgetan. Bild: Randy Jacob

Kommentar Es brodelt in der Reisebranche

Von Jean-Claude Raemy

Die «organisierte Basis» scheint weiterhin unzufrieden zu sein mit der «Taskforce SRV/STAR/TPA» bzw. insbesondere mit dem SRV. Der Schrei nach einem Dachverband wird lauter. Aber ist jetzt dafür der Zeitpunkt?

Die Reisebranche steht vor enormen Problemen. Inzwischen sind wir in der Phase angelangt, bei welcher es für viele Branchenteilnehmer – und zwar ob gross oder klein – «ums Lebendige» geht. Klar, dass die Besorgnis branchenweit mit jedem Tag steigt, und wo Krise ist, wird bald nach Schuldigen gesucht. Nur gibt es, abgesehen vom Coronavirus per se, keine klaren «Schuldigen» am spektakulären Absturz der Reisebranche.

Die Branche versucht deshalb, mit allen Mitteln etwas zu bewegen. Der SRV hat, nach anfänglichem Zögern inzwischen gemeinsam mit den anders gearteten Branchenverbänden STAR und TPA, inzwischen viel Dampf in Bern gemacht, wo die Outgoing-Reisebranche bislang traditionell wenig Gehör fand. Aber es hat sich auch herauskristallisiert, dass es ein Malaise gibt innerhalb der Reisebranche, welches doch recht tief geht. Vor allem die «Basis» - also die aktuell besonders hart getroffenen kleinen, inhabergeführten Reisebüros - fühlt sich nicht adäquat vertreten.

Zunächst wurde in Facebook-Gruppierungen, die inzwischen über 1000 Mitglieder beinhalten, der Austausch zu Alltags-Problemen gesucht, aber auch Dampf abgelassen über mangelnde Massnahmen. Die «Aktion Mayday» wurde daraufhin ins Leben gerufen, welche zunächst mit einer Petition die Grösse der Branche demonstrieren wollte und seitdem mit Branchencalls für Informationsvermittlung und –Austausch sorgt. Die Idee ist dabei vor allem, eine «Stimme der Kleinen» zu sein. Etwas, was aus deren Sicht der SRV nicht zu sein vermochte.

Wenig später kam eine weitere solche Gruppierung namens «58 besorgte Reisebüros» zum Vorschein, welche ebenfalls beklagte, dass «nichts läuft» und in Bern für Dampf sorgen wollte. Auch bei dieser ging es vor allem darum, «der Basis» eine lautere Stimme zu geben, auch da ausgehend vom Eindruck, dass der SRV ebendieser keine Stimme gibt. Inzwischen häufen sich die Anzeichen, dass diese beiden «Basisgruppen» sich zusammenschliessen könnten, was jedoch noch nicht offiziell bestätigt wurde. Jedenfalls wäre dann diese Stimme der Basis schon ziemlich gross.

Druck machen, Transparenz fordern

Die Forderungen bleiben aber dieselben und wurden heute auch in einer Kolumne von TTS-Präsident Kurt Eberhard in einem anderen Branchenmedium wiedergeben. Die implizite Forderung: Der SRV, sollte er weiterhin eine Art Führungsanspruch bei der Interessenvertretung der Reisebranche haben wollen, muss sich verändern. Die Rede ist von mehr Basis, mehr Frauen, mehr anderweitige Interessenvertreter auf Führungsebene, als dies jetzt der Fall ist (im SRV-Vorstand sitzen primär Vertreter grösserer Reiseunternehmen, darunter auch der Top-5 Reiseveranstalter mit Ausnahme von Hotelplan). Es wird zwar gesagt, dass dies «im Nachgang der Krise» geschehen soll – aber die Diskussionen sind jetzt lanciert und die Vorwürfe im Raum. Und diese Forderung lässt darauf schliessen, dass bestehende Verbände irgendwie verschmolzen werden sollen, aber nicht aktiv an einem neuen «Verband für die Basis» gearbeitet.

Der lauteste Vorwurf, der sich aus Gesprächen bzw. unserem Ohr in der Branche ergibt, lautet seit Wochen, dass man eben nicht weiss, was in Bern genau passiert. Andere Verbände wie Hotelleriesuisse oder Gastrosuisse (wohlbemerkt sind dies aber keine Outgoing-Verbände) seien viel lauter und haben, nach Dafürhalten der «Basis», ihre Mitglieder umfassender und klarer informiert. Eins ist klar: Der SRV hat sich als Vertreter der Reisebranche in Bern eine hohe Verantwortung aufgebürdet. Und kommt dieser aus Sicht der verzweifelten Basis offenbar nicht genügend nach. Will heissen: Die Basis wird weiterhin Druck machen und Transparenz verlangen, und zwar künftig noch lauter als bisher.

Der SRV will aktuell keine Stellung beziehen und verweist darauf, dass man sich in der nächsten Vorstandssitzung im August mit den im Raum liegenden Vorwürfen befassen wird. Natürlich ist man den Mitgliedern eine besonnene und im Interesse aller liegende Vorgehensweise schuldig. Aber die Zeit brennt eben: Wenn es «ums Läbige» geht, mögen viele nicht abwarten, also nicht zuwarten, bis die Politiker sich dann zur Herbstsession treffen, oder der SRV-Vorstand zur nächsten Sitzung.

Bringen mehr Forderungen auch mehr Erfolg?

Und genau da tut sich der Graben auf: Die Diskussion über einen Dachverband löst das dringliche Problem kurzfristig nicht. Eine Diskussion über neue Strukturen, ja über einen zukünftigen «Dachverband», ist grundsätzlich legitim und manche strukturelle Vorwürfe an die Adresse des SRV sind nachvollziehbar bzw. vertretbar. Ja, auch der SRV hätte auf die Idee kommen können, Branchencalls für die Basis zu machen, und gewiss brauchte es auch den Druck von der Basis, um sich gemeinsam mit STAR und TPA zu einer Taskforce zu vereinen. Über die Zusammensetzung des Vorstands zu lästern ist wiederum etwas zu kurz gegriffen, nachdem es allen Mitgliedern offen steht, sich für ein Vorstandsamt zur Verfügung zu stellen. Natalie Dové hat es getan und wurde problemlos gewählt. Wo sind weitere solche Personen?

Was unter dem Strich bleibt ist, dass das gegenseitige Vertrauen just im Moment der grössten Krise zerrüttet ist, und damit zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Der SRV bzw. die Taskforce SRV/STAR/TPA ist aktuell gar nicht imstande, viel mehr zu machen, was sehr kurzfristig konkrete – sprich, politische und damit finanzielle – Vorteile für die Reisebranche erbringen würde. Ein Verband kann auch nicht innert Tagen einfach mal auf den Kopf gestellt werden, schon rein aus juristischen Gründen nicht. Klar, man kann offener informieren, mehr lautstarke Lobbyarbeit via Medien etc. machen – ob aber die «Lautstärke» einer Bewegung einen direkten kausalen Zusammenhang mit deren Erfolg hat, sei mal dahingestellt.

Die Basis, sofern sie sich bisher nicht von SRV/STAR/TPA als vertreten ansah, wird dies auch in naher Zukunft nicht tun. Derweil wird der Druck auf den SRV weiterhin erhöht. Cui bono? Mehr dazu in Kürze.