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Tim Bachmann ist seit dem 1. Juni 2020 CEO von Hotelplan Suisse. Heute, am 6. Juli, feiert er seinen 51. Geburtstag. Bild: TN

«Wir wollten keine Salamitaktik, sondern klare Verhältnisse»

Von Gregor Waser

Hotelplan Suisse streicht Travelhouse Sports, Travelhouse in der Romandie und verkleinert die Cruise-Abteilung neben der Schliessung von 12 Filialen. CEO Tim Bachmann begründet im grossen Interview mit Travelnews die Sparmassnahmen und blickt in die Tourismuszukunft.

Herr Bachmann, bei Hotelplan Suisse erfolgt ein grosser Stellenabbau. 160 Jobs sind betroffen. Wie kam dieser Entscheid zustande?

Tim Bachmann: Covid-19 ist Anfang März so richtig angekommen. Jenes Wochenende Mitte März und ein Wochenende darauf waren geprägt von operativer Hektik. Mitte April bildeten wir in der Geschäftsleitung einzelne Szenarien, die wir dann wöchentlich updateten. Ende Mai sah man, diese Krise wird länger dauern, als wir uns am Anfang erhofft haben. Und dann ging es darum, auf welches Szenario und welche Massnahmen wir uns konzentrieren müssen. Wir gingen nicht auf einen absoluten Worst-Case zu, aber auf einen Weg, der uns nicht alle zwei Wochen zwingt, nachzujustieren, nur weil es wieder ein bisschen mehr stürmt. Der Einschnitt ist auf den ersten Blick sehr hart und ich kann auch nicht versprechen, ob dies reicht, aber so haben wir die Gewissheit, dass wir in den nächsten Wochen nicht nochmals gröber einschreiten müssen. Wir wollten keine Salamitaktik, sondern klare Verhältnisse.

Können Sie mehr zu den 160 gestrichenen Stellen sagen?

Bei einem Teil handelt es sich um Entlassungen. Bei einem anderen Teil sind es Änderungskündigungen. Das heisst: diesen Job gibt es für diese Person nicht mehr, bei gleichzeitigem Offerieren eines alternativen Jobs. Bei diesen Änderungskündigungen haben die betroffenen Personen natürlich auch einige Tage Zeit, sich zu entscheiden.

Wie sieht der Sozialplan aus?

Dazu kann ich nichts sagen, im GAV ist festgehalten, dass diese Details vertraulich sind. Was ich sagen kann: bei einem 21-Jährigen, der seit einem Jahr bei uns arbeitet, sehen die Bedingungen anders aus als bei einem 55-Jährigen, der schon 20 Jahre bei uns ist. Bei Mitarbeitenden, die sich schon seit Langem nicht mehr beworben haben, geht es auch um die Unterstützung in einem anstehenden Bewerbungsprozess.

Wir präsentiert sich die aktuelle Herausforderung und die Stimmung im Haus?

Wie stellt sich Hotelplan Suisse künftig auf? Welche Geschäftsbereiche fallen weg?

Der unmittelbare Business-Impact betrifft mehrere Bereiche. Erstens die Schliessung von 12 Filialen, diese Liste ist bekannt. Zweitens geben wir Travelhouse Sports auf, ausser dem Golf-Teil, den wir behalten. Hier sehen wir ein grosses Potenzial für die Kombination mit anderen touristischen Leistungen. Wer nach Südafrika Golfen geht, hängt in der Regel noch ein, zwei Wochen dran. Andere Sportarten geben wir auf, etwa Heli-Ski…

… wegen dem Einstieg ihres ehemaligen Mitarbeiters Kenny Prevost in dieser Sparte?

Nein, gewiss nicht (lacht). Aber sicherlich dürfte Kenny von unserem Ausstieg profitieren. Hier gibt es verschiedene Betrachtungen: der Winter 20/21 müsste zum jetzigen Zeitpunkt zu 90 Prozent gebucht sein, doch wir haben noch kaum Buchungen, weil im März die Buchungssaison gerade begonnen hatte. Auch das Thema enge Lodges und eng aufeinander im Heli sitzen, spielt mit. Langfristig müssen wir sagen, das sexy tönende Geschäft ist eigentlich ein Vermittlergeschäft, weil das Paket gegeben ist. Das sind die vier, fünf Anbieter, die zudem auch nicht gerade zu den allerkulantesten gehören, was etwa Annullationen im März betraf. Ein weiterer Punkt: wenn das Thema Covid vorbei sein sollte, wird das Thema Nachhaltigkeit wieder wichtiger. Dies alles hat zum Entscheid geführt. Welche weiteren Sportarten geben Sie auf? Dazu gehören etwa Yoga-Reisen, Running, Langlauf. Schon im Herbst mussten wir uns fragen, wie wir diesen Bereiche schärfen. Und wir haben uns nun gesagt, dass wir uns auf die Kernkompetenzen konzentrieren möchten.

Was passiert mit dem Leiter Travelhouse Sports, Roman Rogenmoser?

Leider mussten wir uns von ihm trennen, was ich sehr bedauere. Sein Approach und seine Frische haben mich stets beeindruckt. Ein Quereinsteiger bringt auch zusätzliches Leben in die Bude. Persönlich mache ich mir um ihn keine Sorgen, er ist so wirblig und gut.

Gibt’s weitere Trennungen im mittleren, oberen Kader?

Nein, den Weggang von Pino Andreano haben wir bereits mitgeteilt, ansonsten verlieren wir einige Filialleiter, die den neu offerierten Job nicht annehmen wollen oder können.

«Wir werden Travelhouse in der Westschweiz vom Markt nehmen.»

Gibt es neben den 12 Filialen und Travelhouse Sports weitere Bereiche, die wegfallen?

Wir werden Travelhouse in der Westschweiz vom Markt nehmen. Tourisme Pour Tous wird den Bereich übernehmen, auch die drei Filialen in Morges, Genf und Sion. Und Travelhouse Lausanne schliesst bekanntlich. Die mögliche Überführung von Travelhouse zu TPT hatten wir bereits vor Corona im Visier, die wird nun aber schneller und konsequenter durchgeführt. Tatsache ist, dass wir mit TPT und Travelhouse zwei Spezialisten-Brands mit ähnlicher Positionierung haben, TPT aber stärker und näher am Markt ist. Das hat nun auch dazu geführt, dass Travelhouse hier am Hauptsitz überproportional von Stellenstreichungen betroffen ist.

Ist die Liste noch länger?

Bei der Kreuzfahrten-Abteilung redimensionieren wir ebenfalls. Das Cruise-Geschäft betreiben wir weiterhin, aber das wissen wir alle, die Erholung der Kreuzfahrten wird relativ lange dauern, vor allem bei den Volumen-Schiffen. Die kleineren Highend-Schiffe werden als erste zurückkommen. Wir haben nun aber die Ressourcen diesem Umstand angepasst.

Welchen Schaden nimmt derzeit die gesamte Reisebranche, die Attraktivität der Jobs?

Mit negativen Auswirkungen ist zu rechnen, dass wir als Branche nicht mehr so attraktiv sind. Wir müssen auch damit rechnen, dass gewisse Leute die Branche verlassen möchten. Wir versuchen aber aufzuzeigen: obwohl derzeit ein Sturm über die Branche fegt, haben wir eine Zukunft. Was jetzt gefragt ist, ist Flexibilität. Mein persönliches Kredo lautet in einer solchen Krisenzeit, dass man jetzt so viel lernen kann wie sonst nie. Da kriegt plötzlich die eine oder der andere neue Aufgaben und Verantwortung, man muss schneller entscheiden und man merkt, da habe ich Spass daran, diese Branche passt zu mir.

Anreize schaffen muss die Reisebranche nicht?

Ich glaube nicht, dass wir in 12 oder 24 Monaten mehr Leute benötigen. Von vielen mussten wir uns trennen und so haben wir in der Branche genügend gute Leute. Unmittelbar müssen wir uns keine Sorgen machen, eventuell in drei Jahren.

«Auf schwarze Zahlen hoffe ich im Jahr 2022 und vor allem im Jahr 2023.»

Wie sehen Sie denn die Zukunft von Hotelplan Suisse und der Reisebranche in zwei, drei Jahren?

2020 wird sich als Katastrophe in den Büchern niederschlagen, tiefrot. Auch 2021 wird trotz der Massnahmen schwierig. Gewinn zum jetzigen Zeitpunkt in Aussicht zu stellen, kann ich nicht, dies ist von der Besitzerin aber auch nicht gefordert. Massiv besser abschneiden wollen wir natürlich schon. Auf schwarze Zahlen hoffe ich im Jahr 2022 und vor allem im Jahr 2023. Die Frage bleibt im Raum: kommt das Geschäft jemals in den bisherigen Dimensionen wieder zurück? Von den Passagierzahlen her, möglicherweise nicht. Das Überstehen der Krise könnte durchaus drei Jahre dauern.

Wie sieht das Reisegeschäft im Jahr 2023 aus?

Wir sehen das noch nicht so klar. Im Bereich Kundenberatung und -betreuung werden wir eine ganz neue Ausgangslage haben. Wir glauben daran, dass wir hier sehr gut aufgestellt sind. Wir haben immer noch das stärkste Filialnetz und wir haben eine grosse technologische Kompetenz, um Themen wie virtuelle Beratung, Videotelefonie und Content-Präsentation angehen können. Und das Destinations-Know-how decken wir sehr gut ab. Was dies für die Produktgestaltung und Destinationen heisst, hierzu ist es noch zu früh, eine Aussage zu machen. Zwei erste Trends eruieren wir: die Jungen suchen weiterhin die Party am Strand. Von anderen Kunden kommt die skeptische Frage, wie gross ist das Hotel? Lieber das mit 50 statt 500 Zimmern, wünschen jene. Dieser Trend dürfte auch Ländern wie zum Beispiel Norwegen in die Karte spielen.

Reisende aus 29 Risikoländern müssen nach der Einreise in der Schweiz in die Quarantäne. Was heisst diese neue Regelung, die ab heute gilt, für Hotelplan Suisse?

Unmittelbar nicht viel. Wir hatten nach dem Entscheid am Donnerstag noch Kunden in Schweden und die sofort informiert und sie konnten gestern Sonntag noch zurückreisen. Die Dominikanische Republik wollten wir in diesen Tagen wieder ins Programm nehmen, das müssen wir nun zurückstellen und die gebuchten Kunden über den Stopp informieren. Mit dem Fall einer solchen Regelung mussten wir rechnen. Pauschalreisekunden, die in diese Länder gebucht sind, informieren wir nun rollend und die können zurücktreten und erhalten ihr Geld zurück. Bei Einzelleistungen sieht es ein wenig anders aus. Was wir zurückgeben können, geben wir sofort zurück. Ansonsten reichen wir im Namen des Kunden bei der Airline die Rückerstattung ein, können aber den Betrag erst zurückzahlen, wenn wir ihn haben. Bei der Pauschalreise haben wir als Veranstalter eine zusätzliche Verantwortung.

Dann müssen Sie sich auch regelmässig Beträge ans Bein streichen, wenn sie vom Hotel oder der Airline die Kosten nicht oder nur teilweise zurückerhalten und dem Pauschalkunden alles zurückzahlen müssen?

Bei der Pauschalreise definitiv. Aber da nützt alles Jammern nicht. Das sollte einem bewusst sein, wenn man in diesem Geschäftsbereich tätig ist. Und wir haben erhebliche Beträge ausstehend von Leistungsträgern, gerade von Airlines – Beträge, die wir dem Kunden bereits zurückbezahlt haben.

Die Lufthansa-Gruppe steht diesbezüglich am Pranger – wie sieht es bei den anderen Airlines aus?

Swiss und Edelweiss haben das grösste Volumen und entsprechend sind hier die ausstehenden Beträge am grössten. Die anderen Airlines – auch aus Volumengründen – sind da schneller. Nicht blitzschnell, wie wir uns das wünschen, aber bei den meisten ist schon namhaft Geld geflossen. Neben der Frage, ob und wie schnell das Geld zurück kommt, gibt es noch einen weiteren Punkt: Wie gross ist der Aufwand? Weil die automatische Rückerstattung gekappt wurde, haben wir nun einen enormen manuellen Aufwand. Bei uns, obwohl wir Kurzarbeit machen, arbeitet der Ticketxpress unter Hochdruck und wird von Mitarbeitenden aus den Filialen und dem Touroperating mit dem entsprechenden Know-how unterstützt, um Rückerstattungsanträge für Flugtickets einzureichen. Bei diesem Punkt sind wir mit der Swiss nicht einverstanden. Sie beharrt immer noch auf dem manuellen Prozedere, andere Airlines haben die automatische Rückvergütung wieder aktiviert. Die Kosten dieses enormen manuellen Aufwandes tragen wir.

«Ich erwarte Präsenz und Einsatz, gerade wenn es brennt.»

Hotelplan Suisse ist seit dem Austritt von Kurt Eberhard nicht mehr im Vorstand des Schweizer Reise-Verbands vertreten. Kehren Sie zurück?

Die Rückkehr ist ein Thema. Aber ich kann Ihnen noch nicht mehr dazu sagen.

Wir verfolgen Sie derzeit die Branchenpolitik – auch mit dem Eintritt einiger neuer Gruppierungen?

Grundsätzlich finde ich die Entwicklung schade und nicht zielführend. Nüchtern betrachtet sind wir aus einer volkswirtschaftlichen Betrachtung relativ klein – gerade im Vergleich zur Incoming-Branche. Umso mehr wäre es wichtig, dass wir unsere Kräfte bündeln. Das ist den Verbänden und Gruppierungen nicht gelungen. Es müsste doch möglich sein, dass wir uns unter einem Dach finden. Vielleicht braucht es dann Sub-Verbände und Interessensgruppen. Bei gewissen Themen müssen wir aber als Einheit auftreten.

Wie schaut Ihr Führungskredo und -stil aus?

Vor einigen Tagen habe ich meinem Kader gesagt, dass ich erwarte, dass das Kader eine Vorbildfunktion einnimmt - nicht nur denken und die Füsse auf den Tisch legen, sondern ich erwarte Präsenz und Einsatz, gerade wenn es brennt. Wichtig ist mir auch die interne, gegenseitige Vertrauensbasis. Der Entscheidungsspielraum für die Mitarbeiter muss gerade jetzt grösser werden. Wir müssen schnell und flexibel sein. Weiter gilt es Fehler zu analysieren und diese nicht unter den Teppich zu wischen. Schwierige Themen und Probleme untereinander gilt es anzusprechen und nach Lösungen zu suchen. Verstärkt soll zudem horizontal kommuniziert werden und der Informationsfluss soll direkter erfolgen.

Und wie schaut Ihre persönliche Reise-History aus?

Als Kind bin ich sehr viel gereist, vor allem im Norden Europas, etwa an die Nordsee. Mit 17 Jahren habe ich gemerkt, dass es ein Meer gibt mit mehr als 18 Grad. Später nach der Matur war ich klassisch als Backpacker unterwegs, vor allem in Südostasien, später auch mal in Mexiko. Familienbedingt als Vater waren dann eher wieder europäische Ziele angesagt. Und geschäftlich, zuletzt bei MTS, war ich auf vielen Langstrecken unterwegs. Was ich nicht kenne, ist Südamerika und das Afrika südlich der Sahara. Gerne hole ich das mal nach, aus geschäftlichen Gründen muss ich aber nicht. Wir haben die Leute, die diese Länder aus dem Effeff kennen.