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Laut Markus Orth (LCC) fürchtet gut die Hälfte der deutschen Reisebüros um die Existenz. Bild: JCR

«Viele auch grosse Unternehmen der Reisebranche sind in der Krise komplett abgetaucht»

Von Jean-Claude Raemy

Wie sieht eigentlich die Situation bei den Reisebüros in Deutschland aus? Markus Orth, Managing Director Lufthansa City Center, schildert im Travelnews-Interview die Situation und erklärt, was es nun zum Überleben braucht.

Im letzten Sommer diskutierten wir mit Markus Orth, Managing Director Lufthansa City Center, noch über die Kernziele und die Zukunft des mit rund 570 Büros in 92 Ländern weltweit grössten unabhängige Franchise-System im Reisebüro-Markt. Wie sich die Situation seither verändert hat! In der Schweiz wie auch in Deutschland kämpfen Reisebüros um ihre Existenz. Was läuft in Deutschland anders als bei uns? Was braucht es für das Überleben der Reisebüros nun dringend? Wir haben nochmals nachgehakt.


Herr Orth, in der Schweiz kam der Bund den Reisebüros bisher mit einem Betreibungs-Aufschub bis Ende September sowie einer Verpflichtung der Schweizer Airlines zur Rückzahlung von geschuldeten Kundengeldern an die Reisebüros bis spätestens Ende September entgegen. Dazu waren vereinfachte Kreditaufnahmen möglich. Was hat der Bund in Deutschland bisher spezifisch zur Unterstützung der Reisebüros verordnet?

Wie jedes andere deutsche Unternehmen konnten auch Reisebüros einen überschaubaren Liquiditätszuschuss beantragen. Je nach Betriebsgrösse und Bundesland dürfte der sehr unterschiedlich ausgefallen sein. Ich schätze, in Summe könnten so um die 100 Millionen Euro an die rund 10'000 deutschen Reisebüros geflossen sein.

Das ist zwar viel Geld; wenn man allerdings bedenkt, dass die Umsatzeinbussen durch das fehlende Neugeschäft und die Rückzahlung bereits gebuchter Kundengelder etwa 11 Milliarden Euro beträgt, ist das natürlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Gut die Hälfte der Reisebüros fürchtet um die Existenz.

Was hat denn Deutschland aus Ihrer Sicht bislang nicht geregelt? Oder anders gefragt: Welche Forderungen von Veranstaltern/Reisebüros sind bislang verhallt?

Was wir in Deutschland schnellstens brauchen, ist ein spezieller Hilfsfonds für den touristischen Mittelstand - und dazu gehören vor allem die Reisebüros und die Geschäftsreisebüros. Einem Berufsstand mit 100'000 Beschäftigten wurde die Geschäftsgrundlage entzogen, ohne angemessen Hilfen zu gewähren. Schliesslich hat der Staat die Beschränkungen angeordnet.

Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) helfen nicht. Reisebüros, die durchweg mit geringen Renditen arbeiten, können diese Kredite nicht in wenigen Jahren zurückzahlen. Wenn wir nicht bald Unterstützung durch nicht rückzahlbare Beihilfen bekommen, blutet ein kompletter Wirtschaftszweig aus. Es ist fünf vor Zwölf.

Wie müsste denn der staatliche Rettungsfonds für den Reisevertrieb aussehen. Und welche Erfolgschance sehen Sie da?

Nach unseren Schätzungen braucht der Reisevertrieb monatlich etwa 150 Millionen Euro Unterstützung. Aber das findet wenig Gehör, stattdessen sind Kaufprämien für Autos oder die Sofortprogramme für Zahnärzte auf der politischen Agenda in Berlin. Der Hilfsfonds für den touristischen Mittelstand hingegen scheint in der Regierungskoalition zum Spielball zu werden, ähnlich wie die Gutscheinlösung, die letztlich in Brüssel gescheitert ist.

Das gleiche Hin und Her erleben wir gerade bei Reisewarnungen. Erst kürzlich wurde die Entscheidung erneut in Berlin vertagt. Stattdessen wirbt der bayerische Ministerpräsident unverhohlen für Urlaub in Bayern, betreibt Urlaubs-Protektionismus erster Güte und streitet sich mit der Kanzlerin darüber, wo der schönere Heimaturlaub stattfinden kann. Beide blenden aus, dass unsere Reisewirtschaft zu 70 Prozent vom grenzüberschreitenden Pauschalreisegeschäft abhängt.

«Die Politik blendet aus, dass unsere Reisewirtschaft zu 70 Prozent vom grenzüberschreitenden Pauschalreisegeschäft abhängt.»

Es macht – auch in der Schweiz – den Anschein, dass Grossunternehmen und insbesondere auch Airlines auf relativ viel finanzielle Hilfe zählen können, derweil KMU mit Haken und Ösen ums Überleben kämpfen müssen. Wie können die KMU sich besser Gehör verschaffen?

Nur wer öffentlich trommelt und lautstark kommuniziert, hat die Chance, von der Politik wahrgenommen zu werden. Wir von LCC ziehen derzeit auch alle Register, um die notwendige Unterstützung zu bekommen. Unsere Büros haben Kommunikationspakete zur Ansprache der lokalen Politik erhalten. Ich habe beispielsweise einen persönlichen Brief an den Wirtschaftsminister von Hessen geschrieben und in zahlreichen Interviews auf die Notlage der Reisebüros aufmerksam gemacht. Anders geht es nicht. Twitter ist ebenso ein guter Kanal, da Politiker den bekanntlich gerne selber nutzen. Auch die vielen Demonstrationen der Reisebüros sind sehr hilfreich. Am Ende ist es die Summe der Massnahmen, die zum Erfolg führt.

Gibt es Zahlen zu den branchenweiten Reisebüro-Protesten in Deutschland. Sowas gab es in der Schweiz nicht. Was haben die Proteste aus Ihrer Sicht gebracht?

Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Reisebüro-Demos mittlerweile in Deutschland stattgefunden haben. Erst letzte Woche fand eine sehr grosse Demonstration in Berlin statt, zu der Expedienten und Reisebüroinhaber aus dem gesamten Bundesgebiet angereist sind. Das hinterlässt natürlich auch bei der Politik Eindruck, zumal mittlerweile auch unzählige Medien darüber berichtet haben.

In der Schweiz gab es zuletzt Diskussionen, ob und wie man mit geeinter Stimme Aufmerksamkeit gewinnen kann, und es gab auch Kritik am federführenden Schweizer Reise-Verband (SRV) hinsichtlich dessen Kommunikation. Gibt es in Deutschland branchenintern auch solche «Richtungsstreitigkeiten»?

Ja, die hat es natürlich auch hier gegeben. Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die grossen Verbände DRV und BTW mittlerweile zusammengerauft haben, an einem Strang ziehen und letztlich auch zunehmend Gehör finden. Auch wenn der 14. Juni nun wieder in Frage steht, will Bundesaussenminister Maas ja nun ganz offensichtlich die pauschale Reisewarnung aufheben und gegen individuelle Länderhinweise austauschen. Und Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat konkret auch für die Reisebüros Hilfen in Aussicht gestellt.

Generell aber überrascht es mich, wie viele auch grosse Unternehmen der Reisebranche in der Krise komplett abgetaucht sind und sich scheinbar nahezu ausschliesslich auf die Absicherung der eigenen Liquidität konzentrieren. Viele haben auf die Gutschein-Lösung gehofft, Kunden hingehalten und letztlich vergrault. Doch die kommt nun nicht und Marke und Image sind stark beschädigt. Bei allem Verständnis für die existenziellen Nöte haben wir uns mit den Zwangsgutscheinen keinen Gefallen getan. Da wurde beim Kunden viel Vertrauen zerstört.

«Am Ende ist es die Summe der Massnahmen, die zum Erfolg führt.»

Die Situation wird trotz den nun langsam anlaufenden Lockerungen der Grenzkontrollen angespannt bleiben. Was erwarten Sie konkret in Bezug auf die Reisebüro-Landschaft in Deutschland?

In der deutschen Reisebürolandschaft ist ein Flächenbrand entstanden, dem bereits einige Büros zum Opfer gefallen sind. Wie viele noch dazu kommen, hängt einzig und allein davon ab, ob schnelle Hilfe kommt oder nicht. Für alle Reisebüros, die die Folgen der Corona-Pandemie überleben, sehe ich allerdings mittel- und langfristig gute Entwicklungsmöglichkeiten. Millionen Bundesbürger haben in den letzten Wochen bei Reiseportalen die Erfahrung machen müssen, was es heisst, in der Krise auf sich allein gestellt zu sein. Demgegenüber konnten sich Reisebüros als Kümmerer profilieren. Zudem ist Reisen in Zeiten von Corona komplizierter geworden. Eine echte Chance für die Reisebüros. Wenn uns jetzt geholfen wird, kann es nach der Corona-Krise eine Renaissance der Reisebüros geben. Schon nach früheren Krisen hat sich immer wieder gezeigt, dass Kunden dann die persönliche Beratung als extrem wichtig ansehen.

Wie sehen Sie die Überlebenschancen der LCC-Büros?

Die weltweit vertretenen LCC-Büros gehören zu den umsatzstärksten Reisebüros in Deutschland und sind von daher vielleicht etwas krisenfester als der bundesdeutsche Durchschnitt. Ich bin zuversichtlich, dass die meisten unserer Franchisenehmer die Krise überstehen werden. Doch brauchen auch wir eine mittelstandsorientierte Staatshilfe, um zukunftsfähig zu bleiben.

Letztlich müssen wir auf die Zusage des Wirtschaftsministers hoffen, dass kein gesundes Unternehmen auf der Strecke bleiben darf. Und die LCC Gruppe gehörte definitiv in den letzten Jahren dazu und hat auch im vergangenen Jahr erneut mit einem sehr guten Ergebnis abgeschlossen.