Reiseanbieter

woman-in-red-t-shirt-looking-at-her-laptop-3755761.jpg
Das Frustrationsniveau in vielen Reisebüros ist hoch - deshalb wird jetzt zur Selbsthilfe gegriffen. Bild: Andrea Piacquadio

Eine Reisebüro-Interessensgruppe lanciert die «Aktion Mayday»

Mittels Petition soll die Stärke der Reisebranche dokumentiert werden. Die zentrale Forderung ist jedoch die Schaffung einer Taskforce, welche spezifisch die Probleme der Reisebüros angeht. Der SRV hat für die Vorgehensweise wenig Verständnis.

Den Schweizer Reisebüros geht es schlecht. Das liegt auf der Hand: Es gibt seit Monaten und auch noch in kommender, langer Zeit kaum Umsatz, und darüber hinaus muss den Kunden infolge der Pauschalreisegesetzgebung der Umsatz mehrerer Monate rückerstattet werden, dabei nicht selten ohne eine Rückerstattung von Seiten des Dienstleisters an das vermittelnde Reisebüro. Sprich: Es geht jetzt um das nackte Überleben. Wobei wir nach unserer Umfrage, in welcher die Reisebüros sich durchaus noch zuversichtlich zeigten, inzwischen einige Feedbacks erhalten haben, wonach die Lage vermutlich doch einiges schlimmer sei, als dies aus den Umfrageresultaten heraus den Anschein erwecke.

Über die vielfältigen Probleme der Reisebüros wird gerade in geschlossenen Gruppen in sozialen Medien seit Wochen intensiv diskutiert. Eine fünfköpfige Gruppe unabhängiger Reisebüro-Inhaber, Reisebüro-Mitarbeitenden und Branchenspezialisten hat sich dabei zu einer Art «Think Tank» formiert. Mit dabei: Nathalie Sassine (CEO TravelBoo AG und webook.ch GmbH), Birgit Sleegers (Geschäftsführerin Rhyner Travel AG), Natalie Dové (Inhaberin Nussbaumer Reisen AG, Magical Mystery Tours, Dovespace), Annette Kreczy (Member of the Board CSO DER Touristik Suisse AG) und Roland Zeller (Verwaltungsratspräsident Viselio AG).

Deren erklärtes Ziel lautet, die verschiedenen Anstrengungen von Verbänden und Vereinigungen der Branche zu bündeln, um die Corona-Krise zu meistern. Dazu Sprecherin Nathalie Sassine: «Wir müssen die Stimmen des Tourismus bündeln. Wir haben in Bern keine Lobby, dort wird primär das Incoming behandelt. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Probleme angesprochen werden, und dafür müssen wir alle an einen Tisch bringen.» Auf den Einwand, dass doch der Schweizer Reise-Verband (SRV) in Bern aktiv ist, entgegnet sie: «Ich will nicht den SRV anschwärzen und hier Grabenkämpfe anzetteln. Aber es herrscht bei vielen kleinen, inhabergeführten Reisebüros der Eindruck, dass wir vom SRV zuwenig vertreten werden. Die Basis wird nicht informiert, was die Verbände vorhaben und was - bzw. ob - da etwas läuft. Wir wollen deshalb einen Sitz am dringend benötigten runden Tisch der Outgoing-Reisebranche.»

Erste öffentlichkeitswirksame Aktivität ist die Lancierung einer Petition. «Das ist keine Petition im politischen Sinn, sondern soll eine reine Unterschriftensammlung sein, welche belegt, wie viele Unternehmen und Personen von den genannten Problemen betroffen sind», erklärt Sassine. Aktuell (25. Mai, 11 Uhr) haben rund 690 Personen die Petition unterzeichnet. Die Petition läuft noch eine Woche und kann von jedermann unterschrieben werden. Zur Erinnerung: In der Schweiz gibt es rund 1600 Reisebüros mit etwa 10'000 Mitarbeitenden, welche insgesamt etwa 7,5 Milliarden Franken Umsatzvolumen generieren.



Ein Forderungskatalog als Diskussionsgrundlage

Auch ein Analyse- und Forderungspapier wurde erstellt. Darin sind einige Forderungen formuliert. Etwa:

  • Reisebüros erwarten eine Entschädigung für den erheblichen Repatriierungsaufwand. Angedacht ist eine Aufwandspauschale (Pro Kopf oder Pro Dossier), da das EDA durch die Arbeit der Reisebüros entlastet wurde.
  • Es brauche eine Kompensation der Verdienstausfälle (Kommissionen). Und: Alle touristischen Leistungsträger, die ihre Produkte in der Schweiz vertrieben, müssten Rückvergütungen für Reisen, die wegen der Corona-Pandemie annulliert werden, innerhalb von maximal 14 Tagen auf Wunsch in bar erstatten.
  • Airlines sollen zur sofortigen Rückzahlung der offenen Rückerstattung verpflichtet werden, als Bedingung für die staatlichen Krediten/Bürgschaften (das ist eigentlich erledigt, jedoch sollen die Auszahlungen nicht erst Ende September, sondern eben sofort erfolgen); allfällige Gutschein-Lösungen müssten minimal 36 Monate gültig sein und ebenso flexibel, übertragbar und rückerstattbar sein.
  • Das Pauschalreisegesetz sei entsprechend anzupassen, damit Reisebüros für diese Ausnahmesituation nicht haftbar gemacht werden können, und eine Kundengeldabsicherung für Airlines müsse dringend eingeführt werden.

Sassine ist sich bewusst, dass diese «Forderungen» nicht so leicht in politische Lösungen hinauslaufen: «Dies ist mehr als Diskussionsgrundlage am besagten runden Outgoing-Tisch zu verstehen. Viele der genannten Probleme sind nicht neu, werden jedoch nicht dringlich behandelt. Da muss jetzt etwas passieren.» Dazu wolle man eben eine laute, geeinte Stimme des Outgoing-Tourismus schaffen.

Der SRV sieht keinen zusätzlichen Handlungsbedarf

Der SRV hat inzwischen in einer Stellungnahme klargemacht, dass er die Vorgehensweise der Initianten und die Forderungen nach einer «branchen- und verbandsübergreifenden Taskforce» nicht nachvollziehen könne. So seien die aufgelisteten Probleme längst von den einzelnen Verbänden zusammengetragen, erfasst und beim SECO deponiert. Auch die geforderte «Taskforce» mit dem Brancheninteressensvertretern SRV, TPA und STAR sei bereits verbandsübergreifend installiert und tage auch diese Woche wieder zusammen mit dem SECO, dem Bundesamt für Justiz und dem Konsumentenschutz, um einen möglichen Rettungsfonds und/oder eine Anpassung des Pauschalreiserechts auszuarbeiten.

Es gab zwischen SRV-Präsident Max E. Katz und dem oben genannten «Think Tank» bereits Kontakt hinsichtlich dieser aussergewöhnlichen Initiative. Demzufolge wurde der SRV von der Petition überrascht. «Wir sollten den eingeschlagenen Weg jetzt beibehalten und lösungsorientiert mit einer Stimme in Bern auftreten», sagt Katz gegenüber Travelnews - und wiederholt damit eigentlich die zentrale Forderung der Petitions-Initianten. Aber eben: Man sei politisch bereits sehr aktiv in Bern. Er lässt auch den latenten Vorwurf der Intransparenz nicht gelten, sondern ist der Meinung, dass der SRV seine Mitglieder und die Branche im Allgemeinen mittels zahlreichen Infos und Nachrichten in der Branchenpresse über das Vorgehen genügend informiert habe: «Wir werden auch über den weiteren Fortschritt der Gespräche informieren, sobald konkrete Ergebnisse verfügbar sind.»


Zu dieser Story haben wir einen Kommentar formuliert.

(JCR)