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Das Sprachreisen-Geschäft ist komplett eingebrochen. Im Interview spricht Linguista-Chef Claudio Cesarano Klartext. Bild: HO

«Wir verzeichnen einen kompletten Stillstand»

Claudio Cesarano, Chef von Linguista und CEO der Media Touristik AG, sagt im Interview, wie stark die Sprachreise-Branche von der aktuellen Krise betroffen ist.

Herr Cesarano, wie haben Sie den Beginn der Corona-Krise erlebt? Mussten viele Sprachschüler nach Hause beordert werden?

Claudio Cesarano: Wir verbrachten bei Linguista einen Apéro-Abend als die Meldung aus Malta eintraf, die Studenten müssten das Land verlassen. Wir versuchten sofort, sie umzubuchen via Mailand und Frankfurt und dann wurde aber ein Flug nach dem anderen wieder annulliert – die Kunden kamen dann via Wien noch zurück. Zu viert waren wir mehrere Stunden lang nur für die Malta-Kunden tätig, im Austausch mit dem Reisebüro, der Sprachschule, den Airlines und den Kunden …. Da wusste ich: das wird nun was Gröberes. Und seither haben wir Hunderte von Sprachschülern nach Hause geholt.

Aus der ganzen Welt?

Sprachreisestudenten weilen oft an entlegenen Orten, etwa in Südamerika, um die Sprache so authentisch wie möglich zu erlernen und viele verbinden die Sprachreise noch mit einer individuellen Reise vor oder nach dem Aufenthalt. Das war für das Linguista-Team eine grosse Herausforderung, alle zurückzuholen. Aber wir schafften es, alle heimzubringen, die heim wollten. Aber überall auf der Welt weilen Studenten noch vor Ort, etwa in Mexiko, Peru, Neuseeland, Australien sowie Kanada und USA und kein einziger hat dies bis jetzt bereut. Wir stehen mit ihnen regelmässig in Kontakt. Allen geht es sehr gut.

Wie hat sich die Buchungssituation bei Ihnen verändert? Konnten viele bestehenden Buchungen umgebucht werden auf später? Oder mussten Sie viele Annullationen verzeichnen?
Wir verzeichneten einen kompletten Stillstand – von heute auf morgen. Zunächst war noch der Wunsch da, in den Sommer zu verschieben. Da der Sommer nun wohl auch keine Reisen zulässt und bei Übersee-Destinationen wahrscheinlich sogar der Herbst abgeschrieben werden muss, nehmen die Annullationen rasant zu. Die Leute wollen einerseits dieses Jahr nicht mehr weg wegen der Unsicherheit, was einem vor Ort im Moment erwartet und wegen der Gefahr, in eine Quarantäne-Situation zu geraten. Andererseits ist das Zeitfenster für eine Sprachreise nun nicht mehr da, weil etwa der neue Job oder das neue Studium beginnt. Wieder andere haben Angst, keinen Job mehr zu finden oder ihn zu verlieren und planen jetzt keine längeren Auslandreisen oder Sabbaticals. Die Schwierigkeit bei den Sprachreisen ist, dass man diese anders als Ferienaufenthalte, nicht jedes Jahr plant. Ein Sprachaufenthalt ist oft ein weit im Voraus geplanter Aufenthalt, der zur Weiterbildung dient. Diesen kann man dann selten einfach so verschieben, auch weil zum Beispiel Prüfungskurse nur an bestimmten Daten stattfinden, und somit ist eine Umbuchung oft unmöglich. Leider mussten wir durch diesen Umstand viele Annullationen verzeichnen.

«Sprachreisen werden nicht jedes Jahr geplant»

Sind Sprachreisen für das Jahr 2021 bereits ein Thema?

Nein. Es gibt Vereinzelte, die sich informieren – aber da gleich von einer Nachfrage zu sprechen, ist noch zu verfrüht. Die ersten sechs Wochen nach dem Lockdown registrierten wir einen Stillstand, keine einzige Anfrage kam rein. Immerhin beginnen nun die ersten Chat-Beratungen. Ich denke, dass wir bei den jungen Erwachsenen, die weniger angstgetrieben sind, am ehesten wieder die Lust nach Weiterbildung im Ausland wecken können. Hoffen wir, dass sich die Corona-Zahlen in allen Ländern in den nächsten Wochen stark verbessern, dann verbessert sich sicherlich auch die Nachfrage bei uns.

Welche generellen Veränderungen könnte die Corona-Krise auf den Bereich Sprachreisen haben?

Viele Schulen haben in diesen Wochen stark auf online und virtuelle Kurse gesetzt. Die Technologie wird den Sprachreisemarkt nachhaltig verändern. Ersetzen werden virtuelle Kurse reale Aufenthalte vor Ort aber nicht, da bin ich mir sicher. Denn ein Erlebnis vor Ort, die Sprache sprechen und erleben und sich in einem anderen Land daheim fühlen, dies funktioniert nur, wenn man direkt an die Destination reist. Hoffnung schöpfen wir auch daraus, dass bei einer Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosenquote der Druck auf dem Arbeitsmarkt steigt, so dass die Leute an ihren CV’s feilen und ihre Ausbildungen vorantreiben. In Wirtschaftskrisen hatte Linguista immer gute Jahre und das könnte für 2021 auch ein positiver Faktor für uns sein.

«Glücklicherweise konnte die Branche im letzten Moment noch politisch wichtige Pflöcke einschlagen»

Sind bei Linguista Veränderungen oder Neuerungen geplant?

Glücklicherweise haben wir vor sechs Monaten die Marke globo-study rechtzeitig in die Marke Linguista eingebettet. Das war eine technische Herkulesaufgabe durch die verschiedenen Distributionskanäle, aber Linguista wurde nun noch stärker vom Markt angenommen, als erwartet. Wir werden weiterhin die Marke Linguista stärken und uns von Programmen, die nicht mehr zukunftsorientiert sind, trennen. Das kommt auch auf unsere Sprachschulen vor Ort an, wie die Angebote ausgebaut und verfeinert werden. Viele Sprachschulen werden dieses Jahr nicht überleben und glücklicherweise sind wir schon seit über 35 Jahren in diesem Geschäft und können einschätzen, auf welche Partner Linguista in Zukunft setzt. Wir werden auch vermehrt auf Nachhaltigkeit setzen und uns in diesem Bereich zusammen mit lokalen Verbänden zusammentun. In diesem Sommer setzen wir bei Linguista zudem verstärkt auf Sprachschulen in der Schweiz, da es hier auch für Familien ganz tolle Angebote gibt. Unser Portfolio für 2021 werden wir anpassen, aber ganz definitiv haben wir noch nicht entschieden, was wir zusätzlich und was wir nicht mehr anbieten. Wir setzen zudem neu auch vermehrt wieder auf unsere Partner in der Reisebranche, welche die Linguista-Seite einfach und schnell als Angebotserweiterung auf die eigene Homepage stellen können.

Was hat Sie aus Tourismussicht in den letzten Wochen besonders beschäftigt?

Dass wir als Sektor schlecht wahrgenommen werden! Glücklicherweise konnte die Branche im letzten Moment noch politisch wichtige Pflöcke einschlagen, aber dass wir in unserer Branche eigentlich so lange kein Geld einnehmen, auch wenn wir die Reisebüros öffnen, scheint immer noch nicht allen klar zu sein. Wie kann ein Unternehmen überleben, wenn man acht Monate kein Geld einnimmt und Kundengelder doppelt ausbezahlt werden müssen, da die Gelder von Leistungsträger nicht zurücküberwiesen sind und wir doch den Kunden die Gelder zurückzahlen müssen? Eine Änderung des Pauschalreisegesetzes und eine grössere Verpflichtung der Airlines müssen nun endlich die Folgen sein! Andererseits hat mich beschäftigt, wie weltweit Hundertausende Einzelschicksale vom Tourismus abhängen und was dies dann wiederum für die Wirtschaften der einzelnen Länder sowie die eigenen Existenzen bedeutet. Es zwingt einen Einzelunternehmer fast schon dazu in Liquidation zu gehen, um dann im Januar wieder neu anzufangen, das kann doch nicht sein.

(GWA)