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Braucht die Schweiz tatsächlich einen National Carrier, fragt sich STAR-Präsident Luc B. Vuilleumier. Bild: TN

«Blinder Aufschrei? Keinesfalls!»

Die Wogen und Meinungen der Travelnews-Leser gehen hoch, was die finanzielle Unterstützung der Swiss und die Abgabe von Gutscheinen angeht.

Der Showdown vom Mittwoch im Bundesrat über eine mögliche finanzielle Unterstützung der Swiss spaltet die Gemüter der Travelnews-Leser. Auf unseren gestrigen Kommentar «Blinder Aufschrei wegen Steuergeldern» reagieren zwei Leser mit heftigem Widerspruch.

Was die Abgabe von Gutscheinen aus Sicht des Reisenden darstellt, darüber äussert sich ein weiterer Leser. Hier sind die jüngsten Leser-Meinungen:


Braucht die Schweiz tatsächlich einen National Carrier?

Lufthansa, die Besitzerin der Swiss, lässt sich nicht dreinreden. Staatliche Hilfe Ja, aber bitte ohne Kommentar und schon gar nicht mit Bedingungen. Sie fordert zwar Geld von der Schweiz, behauptet aber gleichzeitig, dass die Swiss gut aufgestellt sei und noch für rund 4 Monate Liquidität hätte.

Liquidität ist nicht Eigenkapital! Die Firma hat nur deshalb Geld, weil sie Kundengelder illegalerweise nicht zurückzahlt. Wahrscheinlich wäre Veruntreuung das korrekte Wort. Wie kann der Bundesrat auch nur im Traum dran denken, eine Firma zu unterstützen, die für das Liquiditätsproblem der ganzen schweizerischen Reisebranche verantwortlich ist?

Was spricht dagegen, die Swiss einfach ihrem Schicksal zu überlassen? Entweder schafft es die Mutter Lufthansa oder dann halt eben nicht. Natürlich droht Swiss mit dem Wegfall von tausenden von Arbeitsplätzen. Aber ist es wirklich die Swiss, welche diese Arbeitsplätze sichert? Natürlich nicht, es ist die Wirtschaft, welche Arbeitsplätze schafft und bewahrt. Die Schweiz kann so viel Geld in die Swiss pumpen wie sie will, wenn die Wirtschaft nicht hochkommt, werden all diese Arbeitsplätze trotzdem verloren sein. Warum also in eine Firma investieren, welche jahrzehntelang Milliardengewinne nach Deutschland verschoben hat, wenn die Sicherung der Arbeitsplätze langfristig doch nur von der Wirtschaftslage abhängt?

Die Schweiz werde die internationale Anbindung verlieren, wenn wir keinen National Carrier mehr haben, so argumentiert Swiss. Wirklich? Keine Airline der Welt fliegt eine unrentable Strecke, nur weil sie der National Carrier ist. Und wenn die Strecke rentabel ist, fliegt sie jede andere Airline mit Handkuss, würde man sie denn lassen. Wie wir alle wissen, sind die Flüge nirgends so teuer wie in der Schweiz. Und wir alle wissen, dass Swiss alles tut, um Konkurrenten aus dem Schweizermarkt fernzuhalten.

Wie könnte das gehen?

Es wird eine Zeit AC (after Corona) geben. Die Airline Industrie wird eine total andere sein. Was heute noch undenkbar scheint, wird morgen schon Realität sein. Es wird eine natürliche Selektion der Airlines geben, welche die Spreu vom Weizen trennt. Jeder staatliche Eingriff verfälscht dieses Bild.

Ja, es wird noch Airlines geben, aber nur solche, welche nicht nur (geliehene) Liquidität, sondern genügend Eigenkapital haben. Diese Airlines können die Schweiz an die Welt anbinden.

Die ICAO-Freiheiten können von der Schweiz flexibel gehandhabt werden. Warum erlaubt man nicht allen Airlines, die Schweiz anzufliegen, wenn sie dann im Gegenzug eine Kundengeldabsicherung für diese Flüge nachweisen? Warum versteigert man die Slots an den Flughäfen nicht unten den Airlines, welche eben diese Kundengeldabsicherung nachweisen?

Klar, die Schweiz kann Unsummen von Geld in die Swiss pumpen. Im besten Fall geschieht nichts. Im schlechtesten Fall stehen wir in einigen Jahren wieder vor demselben Problem: Die Airline hat die Kundengelder kassiert, verbraucht und steht einmal mehr mit leeren Händen da. Wann endlich stoppen wir diesen Wahnsinn?

Eine einzige Aufgabe könnte der Staat übernehmen: Er könnte die Swiss unter Androhung der Enteignung zwingen, sofort und 100%ig die Kundengelder zurückzuzahlen. Dann müsste sich der Staat auch nicht den Vorwurf gefallen lassen, illegale Handlungen zu dulden.

Es ist eine einmalige Chance, die Kundengeldabsicherung für Airlines in der Schweiz einzuführen, eine Airline-Vielfalt zu erreichen und die Arbeitsplätze zu sichern. Verspielen wir diese Chance nicht leichtfertig mit sinnlosen Staatsgeschenken! Hört auf zu sagen «das geht nicht». Es hat's einfach noch keiner versucht!

Luc B. Vuilleumier, President, Swiss Travel Association (STAR)


Blinder Aufschrei? Keinesfalls

«Blind» ist der Aufschrei keinesfalls. Würde die Swiss nur für den Flugbetrieb unterstützt, wäre in der Branche das Verständnis wohl vorhanden. Bestimmt etwas grösser wäre die Akzeptanz, gäbe es heute immer noch Full Content.

Wer bei der Distribution diktiert wie die Swiss, ist halt kein Partner mehr. Und wer über seine Homepage Unterkünfte, Mietfahrzeuge usw. vertreibt, ist schlussendlich einfach nur ein Konkurrent, der dann mit staatlicher Unterstützung die verbleibenden Reisebüros restlos bodigen kann.

Ronald Stäuble, Ryffel AG Reisebüros, Gruppenreisen, Volketswil ZH


Rückkauf der Swiss: Zu kurz gedacht und unsinnig

Obwohl wir noch mitten in einer kapitalen Krise der Luftfahrt stecken, fabulieren «Experten» bereits über Exit-Strategien aus dem «coronaren Grounding»: Man könnte, so wird sinniert, die Swiss zurückkaufen und sie dann als «echte» Schweizer Gesellschaft weiter betreiben. Schliesslich sei dieses «Filetstück» im Lufthansa-Verbund einst für ein Butterbrot nach Frankfurt verscherbelt worden. Dieser leicht chauvinistisch gefärbte Ansatz ist zu kurz gedacht und bar jeder Sinnhaftigkeit.

Zu kurz gedacht ist diese Idee, weil jede Fluggesellschaft Teil eines Systems ist. Airlines, Flughafen und Flugsicherung gehören dazu. Genauso wichtig sind Unterhalt, Catering oder Abfertigung. Ohne diese flugnahen Betriebe fliegt keine Airline, auch die Swiss nicht. Kurz: Mit der Kontrolle über die Swiss ist noch gar nichts gewonnen. Unsinnig ist dieser Gedanke, weil die Swiss aus Zürich heraus ein interkontinentales Flugnetz betreibt. Diese für unsere Volkswirtschaft zentrale Leistung kann sie nur erfolgreich erbringen, weil sie in die Star-Alliance eingebettet ist, die von der Lufthansa angeführt wird. Wer nun glaubt, man könne die Swiss aus dem Lufthansa-Verbund herauskaufen und sie quasi selbständig weiteroperieren lassen, riskiert eine harte Landung. Wie hart diese sein wird, haben wir mit der Swissair bereits einmal schmerzhaft erlebt.

Dr. Thomas O. Koller, Komitee «Weltoffenes Zürich»


Gutscheine: Eigeninteressen Reiseanbieter vs. Kundensolidarität

Mit grossem Interesse verfolge ich die Beiträge auf Ihrer Website. Die Situation ist für alle Beteiligten anspruchsvoll. Gerne möchte ich Ihnen eine Kundenperspektive aufzeigen, denn meine Partnerin ist stark von einem «Gutschein-Fall» betroffen.

Wir erfahren gerade auf die harte Tour, dass sich der Reiseanbieter Eitzinger Sports, Eschlikon weigert, die Reisekosten meiner Partnerin (1’962 Fr.) für die durch ihn abgesagten Radsportferien (Swissflug, Transfer, Hotel, Radmiete), in Andalusien zurück zu erstatten und auf einem Gutschein beharrt. Meine Partnerin hat dem Reiseanbieter erläutert, dass sie selbständig ist und zurzeit ebenfalls Aufträge verschoben resp. abgesagt werden, sie zwei Kinder hat, das Einkommen nicht gesichert ist und sie auch keine Erwerbsausfallentschädigung erhält. Die nachfolgende, eingeschriebene Rückerstattungsaufforderung inkl. erneuter Begründung ist bis dato unbeantwortet geblieben.

Für Kunden, welche sich aktuell einen Gutschein «leisten» können, ist diese Option vollkommen in Ordnung. Bei den wenigen Kunden (gem. Aussage von Peter Eitzinger sind es lediglich 3 Kunden?!), die aus dringlichen Gründen eine Rückerstattung wünschen, ist dies möglichst unbürokratisch zu gewähren. Diese Kunden werden sich sicherlich solidarisch zeigen und zukünftig wieder beim Reiseanbieter buchen. Wenn man aber zu einem Gutschein oder einer willkürlichen 70% Rückerstattung genötigt wird, vergeht einem regelrecht die Lust, diesen Reiseanbieter in Zukunft zu berücksichtigen bzw. weiter zu empfehlen.

Gemäss den Medien ist zudem der SRV beim Seco vorstellig geworden. Um Gutscheine abzugeben, brauche es eine Notverordnung, argumentiert das Seco. Doch die Voraussetzungen dazu bestünden nicht. Wenn ich bei einem Schweizer Reiseveranstalter buche, vertraue ich darauf, dass ich mich auf das Pauschalreisegesetz verlassen kann und vom Reiseanbieter nicht im Regen stehen gelassen werde. Ansonsten kann ich doch auch gleich eine OTA resp. Direktbuchung tätigen.

Keine Frage, es gibt sehr viele Anbieter (z.B. Huerzeler Radreisen, Hotelplan, etc.), die die Kundenwahl respektieren und gegenüber ihren Kunden Solidarität leben.

Die wenigen, schwarzen Schafe sind höchst schädlich für die Reisebranche – da helfen selbst Medienmitteilungen und die kreativsten Kampagnen wenig. Betroffene Kunden werden nicht aufhören den Verdruss in den Medien zu verbreiten und die Reiseanbieter in Frage zu stellen.

Es wäre wünschenswert, dass Sie neben den Herausforderungen der Reisebranchen-Vertreter auch vermehrt die Gesichtspunkte der Kundenseite aufgreifen würden. Allenfalls können auch die Stakeholder sensibilisiert werden zum Thema Kundensolidarität im Zusammenhang zukünftige Kunden.

Martin Vontobel, Wetzikon ZH


Es ist jetzt Zeit zu fordern

Airlines müssen das Geld zurückzahlen. Kein Kundengeld darf für laufende Kosten verwendet werden, bis die Leistung (der Transport) erbracht ist. Das Geld darf bis zum Erbringen der Leistung nur treuhänderisch Verwaltet werden.

Im Weiteren ist ein grosser Teil des Geldes kein Geld, das der Fluggesellschaft gehört. Denn grosse Teile davon sind Airport- und andere Taxen, die nochmals anderen Leistungserbringern gehören.

Wir fordern die sofortige Rückzahlung alle Kundengelder an die Kunden und die Reisebüros, die Vorauszahlungen an die Airlines geleistet haben.

Swiss hat 2019 mit rund fünf Milliarden Umsatz einen beachtlichen Gewinn von 490 Millionen Franken gemacht. Jetzt, nach nur wenigen Wochen Krise, soll kein Geld mehr da sein? Das ist nicht möglich! Wir fordern die sofortige Rückzahlung aller Kundengelder an die Kunden und die Reisebüros, die Vorauszahlungen an die Airlines geleistet haben. In Zukunft müssen Abrechnungssysteme, wie in vielen anderen Branchen üblich, eingeführt werden!

Marcel Gsell, Fair Reisegarant

(GWA)