Reiseanbieter

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Es wird viel gereist. Aber wo wird gebucht, und was? Und wie viele Anbieter bzw. wie viel Kapazität verträgt der Gesamtmarkt? Die Pleite von Thomas Cook hat viele Gründe, ist aber auch symptomatisch für eine ganze Branche. Bild: Suhyeon Choi

Kommentar Wo endet die Konsolidierung?

Von Jean-Claude Raemy

War die Pleite von Thomas Cook nur der Anfang einer grossen Marktbereinigung? Es ist jedenfalls der bisher grösste Fall von Marktbereinigung im klassischen Reiseveranstaltergeschäft, dessen Niedergang und Konsolidierung Parallelen zum Flugwesen hat.

Die Pleite von Thomas Cook wirft Hunderte Fragen auf. Die wohl dringlichste Fragen lautet jedoch: Hat das aktuelle Reiseveranstalter-Modell noch Zukunft? Und damit zusammenhängend: Läuft die Zeit der Charter-Airlines definitiv ab?

Wir haben bereits einmal argumentiert, dass die Pleite von Thomas Cook die ganze Branche in Mitleidenschaft zieht. Für die Pleite per se wurden viele Gründe angegeben: Brexit, tiefes Pfund, Hitzesommer, unklare Positionierung, natürlich auch die enorme Verschuldung. Letztlich könnte man aber auch argumentieren, dass dies einfach der Beginn einer grossen Marktbereinigung ist, ähnlich wie diese gerade im Flugbereich stattfindet. Natürlich wird immer noch viel gereist, nur hat sich sehr viel Geschäft zu Online-Anbietern bzw. zu den Leistungsträgern selber verschoben. Die Umsätze der «klassischen» Reiseveranstalter sind seit Jahren am zurückgehen; manche Veranstalter werden nur noch vom (eigenen) Vertrieb am Leben erhalten, und vice-versa. Dass die Resultate zwischenzeitlich besser wurden, hat sehr viel mit Kostenkontrolle und sehr wenig mit der Schaffung neuer Ertragsstandbeine zu tun. Allenfalls hat dies auch mit einer bereits stattfindenden Konsolidierung zu tun gehabt: Man kauft sich einfach bestehenden Umsatz mittels Akquisitionen und Mergers ein. Wo haben die Reiseveranstalter in den letzten Jahren aber eigentliche «Value» aus eigener Kraft geschaffen?

Natürlich, jetzt wird es einige «Kriegsgewinnler» geben, welche Teile des Cook-Geschäfts absorbieren können. Das ist aber Aasfressen und nicht Jagen. Die klassischen Reiseveranstalter sind gegenüber den agilen, innovativen jungen Unternehmen, den so genannten «Disruptors», immer mehr ins Hintertreffen geraten. Es ist wie bei den Reisebüros: Es wird auch in Zukunft immer noch welche geben, aber die goldenen Zeiten sind vorbei und jetzt geht es nur noch darum, wer die besten Lebenserhaltungsmassnahmen ergreift.

Ergeht es Europa wie den USA?

Eigentlich ist es ja in Europa ganz anders als andernorts. In den USA sucht man Charterflüge vergeblich. Während Charterflüge und das Pauschalreisegeschäft in Europa immer noch «Big Business» sind, ist dies in den USA weg – obwohl es dieses einst auch gab, man denke an die frühere World Airways oder Capitol. Die Statistiken zeigen seit Jahren, dass Reisende immer mehr und dafür kürzere Reisen bevorzugen. Die Ferienfluggesellschaften haben längst auch den Einzelplatzverkauf eingeführt, weil sie nicht mehr allein auf die Charterpassagiere der Grossveranstalter angewiesen sein wollten; heute sind die meisten Ferienfluggesellschaften Hybride, welche sowohl Charter- als auch Liniendienst wie auch ACMI-Dienste erbringen. Wie viele «reine» Chartergesellschaften gibt es noch?

Inzwischen teilt sich der US-Flugmarkt en gros auf sechs Fluggesellschaften auf – und dies wird ja auch im europäischen Markt vorhergesagt. Warum sollte dieses Szenario nicht auch auf die Reiseveranstalter zutreffen?

TUI-CEO Fritz Joussen liess jüngst verlauten, dass TUI nur noch 30 Prozent des Umsatzes mit dem klassischen TO-Geschäft mache – der Rest wird aus den Standbeinen als Investor und als Betreiber von Hotels und Kreuzfahrten (also als Leistungsträger statt als Vermittler) hereingeholt. Diese vertikale Integration ist an sich nicht einmal neu und durchaus auch riskant, da sehr kapitalintensiv. Aber TUI hat offenbar erfolgreich umsetzen können, was Thomas Cook nicht geschafft hat. Und in einem Gesamtmarkt, der sowohl bei den Anbietern wie auch bei den Airlines deutlich an Überkapazitäten leidet, war es nur eine Frage der Zeit, bis einmal ein grosser Knall passiert.

Man sieht inzwischen im Airline-Geschäft, dass Staaten nicht mehr gewillt sind, die Verluste ihrer nationalen Airlines zu tragen – siehe jüngst Adria Airways in Slowenien. Und auch bei Thomas Cook war der Staat nicht bereit, einfach Geld einzuschiessen (ausser für die Rückführung gestrandeter Kunden). Die Touristik wie auch die Airline-Branche müssen zwingend in die Profitabilität zurück, was angesichts des Marktdrucks nicht leicht sein wird – und folglich früher oder später weitere Opfer zeitigen wird.