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Jähes Ende nach 178 Jahren: Thomas Cook hat am 23. September 2019 Insolvenz angemeldet. Bild: Adobe Stock

Kommentar Die Pleite von Thomas Cook ist schlecht für die ganze Reisebranche

Von Jean-Claude Raemy

Das älteste Reiseunternehmen der Welt hat Insolvenz angekündigt. Ein weiterer Fall, der nur Verlierer kennt.

Thomas Cook gründete 1841 unter seinem eigenen Namen ein Reiseunternehmen, welches nach bescheidenen Anfängen mit Bahnreisen innerhalb Grossbritannien zu einem der weltweit grössten Reisekonzerne aufstieg. Die aktuelle Thomas Cook Group plc ist zwar formell erst 12 Jahre alt, nachdem sie 2007 aus der Fusion der damaligen deutschen Thomas Cook AG mit der britischen MyTravel Group hervorging. Wie auch immer: Nun ist die Geschichte nach 178 Jahren zu Ende. Das Unternehmen hat Insolvenz angemeldet; die Aktien werden in London und Frankfurt nicht mehr gehandelt, die Flugzeuge stehen (mit Ausnahme von Condor) still und es läuft eine gigantische weltweite Kunden-Rückholaktion.

Was ist passiert? Thomas Cook befand sich, wie vergleichbare grosse «traditionelle» Reiseunternehmen, schon lange auf einem absteigenden Ast. Im Mai musste das Unternehmen einen Milliardenverlust für das erste Halbjahr vermelden. Unter anderem wurde dort nebst gestiegenen Treibstoffpreisen und dem die Margen belastenden «intensiven Wettbewerb» auch der Brexit als Entschuldigung angeführt: Die ganze Unsicherheit rund um den Ausstieg Grossbritanniens aus der EU, welcher auch den Wert des Pfunds auf Tauchstation schickte, feuerte die sonst reisefreudigen Briten nicht gerade zu erhöhter Feriennachfrage an. Immerhin konnte Thomas Cook dann im Juli die (vermeintliche) Rettung in Form eines 900-Millionen-Pfund-Engagements von diversen Investoren, primär der chinesischen Fosun, vermelden.

Doch anschliessend gab es offenbar Uneinigkeit unter all den mit der Rettung involvierten Parteien. Fosun sollte die Hälfte des Gelds beisteuern, der Rest würde von Banken und Hedge Funds geliefert. Eigentlich sollten Schulden gegen Aktien eingetauscht werden, wodurch 1,7 Milliarden Pfund Schulden getilgt würden. Dann die überraschende Wende vor wenigen Tagen: Die Banken, allen voran die Royal Bank of Scotland, wollen weitere Garantien: Thomas Cook muss weitere 200 Millionen Pfund auftreiben, ansonsten geht der Deal nicht über die Bühne. Bekanntlich scheitert der Deal, und Thomas Cook muss Insolvenz beantragen. Klingt irgendwie ähnlich wie das Ende der damaligen Swissair.

Natürlich wird nun mit dem Finger auf die Banken gezeigt. Warum musste plötzlich mehr Geld her, wo doch der Rettungsplan eigentlich stand? Und übrigens, die Royal Bank of Scotland wurde erst vor wenigen Jahren mit Staatsgeldern gerettet - doch sie hilft der Thomas Cook nicht unter die Arme, ebenso wenig der Staat. Ungerecht? Vielleicht. Aber die Bank wird auch ihre Gründe haben, weshalb sie zusätzliche Garantien will. Und diese Gründe dürften auf der Hand liegen: Die Bank sah nicht, wie Thomas Cook langfristig wirklich profitabel geschäften könnte.

Too big to fail? Too irrelevant to be saved!

Eigentlich ist es ja schon unglaublich, dass das zweitgrösste Reiseunternehmen weltweit - zumindest, wenn man mal von den herkömmlichen Reiseveranstaltern spricht - auf einmal vom Markt verschwindet. 21'000 Jobs und eine ganze Stange Geld für Rückführungen kostet dies; darüber hinaus werden zahlreiche Zulieferer und Partnerunternehmen leiden. Wäre eine staatliche Rettung nicht günstiger gewesen? Möglicherweise schon. Aber es gibt eben auch Länder, die marode Unternehmen nicht auf Jahre hinaus mit Staatsgeldern überleben lassen und dabei längst gescheiterte Businessmodelle perpetuieren. Thomas Cook ist nicht «too big to fail» und die Ferien der Menschen irgendwie ja auch nicht «systemrelevant». Die Tourismusindustrie muss damit leben.

Warum müssen britische und deutsche Steuerzahler dafür aufkommen, dass das Unternehmen sich nicht gegen die «intensive Konkurrenz» zu schützen wusste? Hat man bei Thomas Cook in Bezug auf Digitalisierung oder Kapital-Investments in eigene Hotels und Airlines wirklich alles richtig gemacht? Das Management von Thomas Cook hat sich in den letzten fünf Jahren insgesamt 20 Millionen Pfund an Bonusgeldern auszahlen lassen; laut dem «Telegraph» durfte der Schweizer CEO von Thomas Cook, Peter Fankhauser, seit seinem Amtsantritt 8,3 Millionen Pfund einstecken, davon allein 2015 rund 2,9 Millionen Pfund als Bonus. Dies, obwohl die Probleme im Unternehmen seit längerem bekannt waren und es besagtes Management offenbar nicht geschafft hat, die Wende herbeizuführen.

Man mag sagen, der Brexit sei nicht schuld des Managements, sondern des britischen Stimmvolks, welches dafür nun ruhig via Steuergeld aufkommen kann. Allerdings würde man damit auch sagen, dass der Brexit allein für den Niedergang von Thomas Cook Schuld ist, dass das Traditionsunternehmen quasi das erste prominente Wirtschafts-Opfer des Brexits ist. Aber auch das wäre zu einfach. Die 1,7 Milliarden Pfund Schulden wurden nämlich schon vor dem Brexit angehäuft. Luxuriöse eigene Hotels wie das neu entwickelte Konzept «Casa Cook» - hinter welchen Remo Masala steht, der wie Fankhauser über eine Kuoni-Vergangenheit verfügt - oder vier eigene Airlines zu betreiben, ist eben kapitalintensiv. Bei TUI scheint dasselbe Konzept der vertikalen Integration noch zu funktionieren - die TUI-Aktie hat seit heute Morgen jedenfalls deutlich zugelegt.

So oder so wirft diese Pleite ein schlechtes Licht auf die traditionelle Reisebranche. Es sind 600'000 Menschen gestrandet; die kommen schon nach Hause und werden keinen bleibenden finanziellen Schaden davontragen, aber für schlechte Presse ist gesorgt. Und ja, 21'000 Arbeitsplätze in 16 Ländern gehen wohl verloren. Allein in Grossbritannien geht in 500 Thomas-Cook-Reisebüros nichts mehr. Die Frage ist folglich: Werden all diese Kunden (und Arbeitsplätze) von vergleichbaren Unternehmen absorbiert? Kaum.

Lösungen gesucht

Wie weiter also? Die Pleite hat gezeigt, dass es jeden in der Reisebranche treffen kann. Bei Thomas Cook in Deutschland, in der Schweiz oder auch in Skandinavien wird zwar noch weitergearbeitet, doch die Thomas Cook Touristik GmbH, Bucher Reisen, Öger Tours etc. haben auf Notgeschäftsführung umgestellt. Der Verkauf von Reisen ist gestoppt. Nicht vertrauenserweckend.

Ist Vergleichbares bei anderen Riesen wie TUI, DER, Hotelplan oder dergleichen denkbar? Kurzfristig wohl nicht, diese schlagen sich nicht mit derart hohen Verschuldungen herum. Aber hinter vorgehaltener Hand wird schon da und dort über eine weitere Verringerung der stationären Verkaufsstellen diskutiert, oder um die Suche nach verbliebenen profitablen Nischen. Die Aufgabe für die Manager der grossen traditionellen Reisekonzerne ist durch die Pleite von Thomas Cook jedenfalls nicht einfacher geworden - im Gegenteil.