Reiseanbieter

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Seit knapp zwei Jahren an der Herostrasse 12 in Zürich-Altstetten: das wiedererstarkte Reiseunternehmen DER Touristik Suisse. Bild: TN

Kommentar Ganze Arbeit geleistet

Von Gregor Waser

Vier Jahre und vier Monate nachdem sich die Kuoni Gruppe übereilt vom europäischen Veranstaltergeschäft und den Reisebüros trennte und dabei viel Schaden anrichtete, steht die damals angeschlagene Reisefirma – mittlerweile DER Touristik Suisse – wieder fit im Ring.

Am 14. Januar 2015 platzt die Bombe. Der Kuoni-Konzern trennt sich vom europäischen Touroperating und seinen Reisebüros und konzentriert sich fortan auf das Visa- und Gruppengeschäft. Nur: ein Käufer ist noch gar nicht da. Die damalige Führungs-Crew hat einen übereifrigen Entscheid gefällt. Zudem verpatzt sie die Kommunikation. Anderntags schreiben die Schweizer Medien: Kuoni verkauft keine Reisen mehr.

Der Reputationsschaden ist gross, die Kunden sind total verunsichert. Und der Verkaufspreis rauscht in den Keller. Am 22. Juni 2015 kommt die deutsche REWE Gruppe zum Handkuss, deren Sparte DER Touristik übernimmt das zum Verkauf stehende europäische Touroperating von Kuoni.

Mit Marcel Bürgin an der Spitze wird der Neuaufbau eingeleitet, insbesondere die Implementierung der deutschen Veranstalter-Systeme. Ein Jahr später zieht die Führung von DER Touristik aber die Reissleine. Der jährliche Verlust beträgt über 25 Millionen Franken. Marcel Bürgin und 69 weitere Angestellte müssen gehen.

Die bangen Monate bei Kuoni nehmen kein Ende, die Verunsicherung bei den Mitarbeitenden ist gross. Mit schweizerischem Argwohn wird der Einstieg des neuen deutschen CEOs Dieter Zümpel verfolgt, ein Tourismusprofi und ehemaliger Hauptmann der deutschen Bundeswehr. Die Zweifel, ob Kuoni – die Firma nennt sich ab Sommer 2017 DER Touristik Suisse – die Kurve kriegt, halten an, denn auch viele Reisebüro-Agenten haben sich mittlerweile abgewandt und sich für einen anderen Leitveranstalter entschieden.

Jeden Stein umgedreht

Viereinhalb Jahre nach der Verkaufsankündigung und dem Beginn der grossen Ungewissheit, steht jetzt DER Touristik Suisse aber überraschend solide im Markt und dürfte in diesem Jahr den Turnaround schaffen. Das hätten viele der Reisefirma nicht zugetraut. Vor allem auch die Art des Wandels überrascht.

Denn bei der Ausganglage «Deutscher Grosskonzern übernimmt angeschlagene Schweizer Firma» wurde zunächst ein deutsches Ruckzuck-Zackzack-Vorgehen erwartet. Doch das Mutterhaus DER Touristik erwies sich als überaus unaufgeregt und geduldig. Zwar wurden zunächst schon auf 2018 hin schwarze Zahlen erwartet, nun hats halt ein Jahr länger gedauert.

Mit der selben Geduld und grosser Akribie ging auch CEO Dieter Zümpel ans Werk. Er hat jeden Stein umgedreht, alles in Frage gestellt. Farbkopierer eliminiert. Logistik-Deals neu aufgeschient. Einen schlanken, günstigeren Hauptsitz gefunden. Sich mit einer schlagkräftigen, aufopferungsvoll arbeitenden Geschäftsleitung umgeben. Und die alte Kuoni-Überheblichkeit über Bord geworfen. Gleichzeitig konnte er das gesamte Kader und die Mitarbeitenden für die Fitness-Kur gewinnen. Ein Husarenstück.

Kein Selbstläufer

Mit der schwarzen Null soll es nun aber nicht getan sein, für die kommenden Jahre werden deutliche Gewinne erwartet. Nur weil das Schiff mittlerweile in ruhigem Wasser liegt, wird das Erreichen dieses Ziels aber nicht einfach. Denn die aktuellen Herausforderungen sind vielfältig, einem wilden Ozean gleich.

Dass in diesem Sommer die Buchungen fehlen, könnte ein zyklisches Verhalten sein. Doch die Gefahr, dass das Pauschalreisen-Geschäft anhaltend wegbricht, ist vorhanden. Die «Entpaketisierung» schreitet voran: Einstige Pauschaltouristen haben die Online-Kanäle entdeckt und finden es cool und preiswert, Einzelleistungen zu buchen, hier den Flug, da das Hotel. Dass ihnen dabei das Sicherheitsnetz eines Veranstalters fehlt, ignorieren sie oder kennen die Vorzüge zu wenig.

Auch bei den Fernstrecken wird es nicht einfacher, Kunden an Bord zu holen. Der aktuelle Trend, dass etwa die Malediven zum Commodity-Produkt werden und sich Kunden bei der Airline und einem Hotelportal direkt die Leistungen besorgen, hält Einzug.

In den kommenden Jahren ist Gegensteuer gefragt. Es gilt, die Vorzüge, eines Reiseveranstalters und eines Reisebüros noch stärker herauszustreichen und bekanntzumachen. Und es gilt, die top Profis an Bord zu halten. Denn ihr Wissen, ihre Beratung, ihr Draht zu den Kunden kann über den künftigen Match entscheiden.

Gleichzeitig gilt es in der Online-Welt fit zu bleiben. Auch den online Buchenden kann man zur traditionellen Reisefirma holen – mit den passenden Argumenten, den angedockten Profi-Beratern und einem gewieften Online-Marketing. Doch dieses ist in rasantem Wandel. Über Nacht tauchen neue Kanäle und Werbeformen auf. Reisefirmen tun gut daran, sich in diesem Bereich Spezialisten an Bord zu holen oder selber topfit zu bleiben.

Denn es ist ja nicht so, dass nicht mehr gereist würde, Flugscham hin oder her. Die Reiselust ist ungebrochen, der Blick auf die Wachstumskurve des Flughafens Zürich der letzten Jahre oder das Gerangel an den touristischen Hotspots spricht für sich. Und das Reise-Know-how sowie der unbeugsame Wille, ein Boot herumzureisen, wie der Fall von DER Touristik Suisse zeigt, sind in der Schweizer Reisebranche schliesslich vorhanden.