Reiseanbieter

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Karim Twerenbold, VR-Präsident und Inhaber der Twerenbold Reisen Gruppe, hier vor einem Bild von 17 Twerenbold-Bussen vor der Semperoper in Dresden, führt das Traditionsunternehmen in die Zukunft und hält dabei fest: «Innovation und Tradition beissen sich nicht». Bild: JCR

«Es ist wichtig, unternehmerisch denkende Mitarbeiter zu haben»

Von Jean-Claude Raemy

Karim Twerenbold, Inhaber und Verwaltungsratspräsident der Twerenbold Reisen Gruppe, äussert sich im Interview mit travelnews.ch zur Firmenphilosophie sowie zu Zukunftsprojekten des grossen Schweizer Reiseunternehmens.

Karim Twerenbold (34) ist seit Anfang 2016 an der Spitze der Twerenbold Reisen Gruppe. Obwohl dieser Schritt viel früher kam als erwartet – sein Vater, Firmenchef Werner Twerenbold, verstarb im Dezember 2015 bei einem Unfall – strahlt der gross gewachsene direkte Nachfahre von Unternehmensgründer Jakob Twerenbold eine natürliche Autorität aus, in der seltenen Mischung mit einem bescheidenen und freundlichen Naturell. Auf dem Weg durch die Eingangshalle zu seinem schlichten Parterre-Büro am Hauptsitz von Twerenbold Reisen in Baden-Rütihof begrüsst er sämtliche zufällig vorbeikommenden Angestellten beim Vornamen, während er stolz darüber referiert, wie hier zu Beginn der 90er Jahre noch tiefste Provinz herrschte, inzwischen aber ein mit dem Prix Acier ausgezeichnetes modernes Car-Terminal, mehrere Bürogebäude und inzwischen auch Wohnhäuser – die aber nicht der Firma gehören – stehen.

Der Firmensitz: Kein Pomp, kein unnötiger Luxus, aber zweckgemässe und moderne Räumlichkeiten, wo es für Kunden – seien dies Carreise-Kunden oder auch Personen, welche in der Buchungsstelle eine Reise buchen kommen – alles Notwendige hat. Die Twerenbold Reisen Gruppe passt hierhin: Aus schlichten Anfängen hat sich hier der schätzungsweise sechstgrösste Schweizer Reiseveranstalter etabliert; das Wachstum, welches die Gruppe in den letzten Jahren hingelegt hat, zeigt sich auch architektonisch im mehrmals erweiterten Busterminal, an den nunmehr 500 Garagen-Parkplätzen für Kunden, und nicht zuletzt auch an den aktuell vor sich gehenden Aus- und Umbauarbeiten vor Ort.

Am Tag des Besuchs von travelnews.ch strahlt der Firmensitz die «Ruhe der Zwischensaison» aus. Karim Twerenbold weist darauf hin, dass es hier teils ganz schön geschäftig sei, wenn mehrere Busse gleichzeitig ab dem Terminal zu diversen europäischen Zielen losfahren. Twerenbold selber ist ebenfalls geschäftig: Er kommt direkt vom Flughafen Kloten aus ans Interview. Er hat dem niederländischen Industriekonzern VDL in Eindhoven einen Besuch abgestattet. VDL ist unter anderem Hersteller von Bussen und Twerenbold Reisen dabei einer der Grosskunden. Zweck des Besuches: «Sich über die Entwicklung des Business ein Bild zu machen», so Twerenbold. Die Zukunft des Busgeschäfts will vorbereitet sein. Es geht um Themen wie «Connectivity», um «E-Busse» und weitere spannende Themen aus der zukünftigen Buswelt. Twerenbold ist mittendrin - er führt das Unternehmen aktiv in die Zukunft. Und setzt damit dem Unternehmen seinen Stempel auf, obwohl ihm diese Feststellung nicht behagt und er immer wieder darauf verweist, dass bei Twerenbold ein «fantastisches Team» mit mehreren «Unternehmern» am Werk sei. Anbei das Interview:


«Die Zusammensetzung der Twerenbold Reisen Gruppe ist keineswegs zufällig.»

Herr Twerenbold, die Firmen der Twerenbold-Gruppe und damit die Gruppe selber sind längst gewichtige Player der Schweizer Reisebranche. Können Sie uns dazu ein paar Eckdaten geben?

Wir haben über unsere Zahlen nie Auskunft gegeben und werden dies auch künftig nicht tun, zumal wir als Familienunternehmen dazu auch gar nicht verpflichtet sind. Was ich sagen kann: Wir haben total rund 350 Vollzeitstellen und zu den firmeneigenen Assets gehören 70 Reisebusse, 18 ÖV-Busse sowie unter der Marke Excellence bald 11 Flusskreuzfahrtschiffe. Darüber hinaus kann ich sagen, dass alle Firmen der Gruppe profitabel sind und keinerlei «Quersubventionierungen» von schwachen Marken durch starke Marken geschehen.

Wie beurteilen Sie den Geschäftsgang in diesem Jahr?

Die Umsatzentwicklung war insgesamt positiv. Allerdings gab es Probleme wegen dem extrem heissen Sommer: Von Juli bis November hat es kaum geregnet und die grossen europäischen Flüsse hatten extrem niedrige Pegelstände. Mitte Oktober kam der Flusschiffverkehr auf Rhein und Donau vollständig zum Erliegen. Das hat es in dieser Form noch nie gegeben und hat natürlich für Einbussen gesorgt. Wir können aber mit solchen Rückschlägen umgehen; die Gruppe ist gefestigt und hat genügend Standbeine.

Die Gruppe beinhaltet nebst Bus- und Flussreiseanbietern sowie einer Reederei auch einen Wanderferien-Anbieter und einen Gruppenreiseanbieter. Wie kam es zu dieser Konstellation?

Die Zusammensetzung ist keineswegs zufällig. Die Expansion begann 2002, als wir die Möglichkeit erhielten, die Flusskreuzfahrt-Marke Reisebüro Mittelthurgau zu übernehmen. Mein Vater sah damals sofort das Potenzial der Marke sowie die Synergiemöglichkeiten zwischen dem Bus- und dem Flusskreuzfahrtgeschäft. Darüber hinaus war von Anbeginn weg der heutige Geschäftsführer Stephan Frei dabei, ein Glücksgriff, der das Unternehmen zu dem gemacht hat, was es heute ist.

2003 kam die Übernahme von Imbach. Auch da sahen wir Synergiemöglichkeiten. Wer an diversen Orten Europas wandern will, muss ja auch dorthin gelangen – und kann dies gut im Bus tun.

2013 dann kam die Möglichkeit, Vögele zu übernehmen. Wir hatten zuvor festgestellt, dass Twerenbold stark im Segment der Rundreisen mit Flugverbindung gewachsen war. Wir wollten dieses Geschäft behalten, doch sollte Twerenbold Reisen sich auf seine Kernkompetenz, die Carreisen, besinnen. Vögele war für uns die ideale Traditionsmarke, um Gruppenreisen anzubieten, und Synergien in der ganzen Kette zu schaffen. Pascal Wieser, damals CEO der Twerenbold Reisen Gruppe, war im Übernahmeprozess involviert und leitet heute mit Erfolg Vögele Reisen. Wir haben gezeigt, dass die Marke mit klarer Positionierung sehr erfolgreich sein kann und das früher oft totgesagte Segment der Gruppenrundreisen profitabel betrieben werden kann.

Wie Sie merken, hängt der Erfolg unserer Marken auch stark von den Personen ab. Meine Geschäftsleiter sind allesamt Unternehmer; sie und ihre Teams sind mit Herzblut dabei. Das macht mich stolz und das will ich weiter pflegen.

«Wir bleiben primär im Direktvertrieb tätig, pflegen aber auch strategische Vertriebspartnerschaften.»

Sind weitere Zukäufe geplant?

Das ergibt sich aus der jeweiligen Situation. Ich will und muss mich da nicht festlegen. Wir werden sicher keine Volumenkäufe tätigen, um einfach den Umsatz aufzublähen. Wir haben auch schon zu spannenden Projekten Nein gesagt. Wir wollen nachhaltig wachsen und achten auf Profitabilität. Das zu übernehmende Unternehmen muss zu uns passen.

Es gab ja auch kleinere Käufe.

Ja, wir haben beispielsweise 2016 Terra Travel mitsamt Gründerin Dorothea Amsler übernommen, dieses Geschäft ist aktuell bei den Spezialgruppen integriert. Das Spezialgruppen-Team legt übrigens unter Führung von Kathy Malka insgesamt eine tolle Entwicklung hin. Weitere solche situativen Ergänzungen sind also durchaus denkbar, aber kein erklärtes Ziel.

Der Aufbau eines eigenen stationären Vertriebs ist nicht geplant?

Nein, wir sind primär im Direktvertrieb tätig und werden dies auch bleiben. Im Reisebüro-Bereich sind keine besonderen Initiativen oder gar Übernahmen geplant. Wir haben weiterhin unser Reisebüro in Baden, unsere «Visitenkarte in der Region». Es ist sowohl klassisches Reisebüro als auch Absatzmarkt für eigene Produkte; wir benötigen für Letzteres aber keine weiteren eigenen stationären Absatzstellen. Aber wir haben strategische Vertriebspartnerschaften mit anderen, «klassischen» Reisebüro-Partnern.

Wie könnte man denn ihre Firmenphilosophie umschreiben?

Wir sind innovativ aus Tradition. Innovation und Tradition beissen sich nicht. Wir wollen modern sein, aber niemals das Menschliche ausser Acht lassen. Im Kern und Herzen pflegen wir den direkten, persönlichen Kundenkontakt. Die Geschäftsführer und ich selber gehen auf Reisen mit. Wir hören zu und wissen so genau, was unsere Gäste denken.

«In Sachen Digitalisierung werden Sie noch einiges von uns zu hören bekommen.»

Sie sprechen Innovation an. Was tut sich in Sachen Digitalisierung?

Sehr viel. Am augenfälligsten ist natürlich die Anstellung von Lars Kläger, der seit einem Monat als Geschäftsleiter Digital bei uns tätig ist. Er bringt seine riesige Erfahrung aus Zeiten bei Kuoni und Swisscom mit ein und hilft uns, die Digitalisierung noch besser an die Hand zu nehmen. Da werden Sie noch einiges zu hören bekommen. Wobei es ja nicht so ist, dass wir in diesem Bereich bislang völlig untätig waren: Wir haben erst kürzlich eine völlig neue Buchungsstrecke auf unseren Webseiten integriert, alle unsere Firmen sind in den Sozialen Medien präsent, und wir haben als erstes Unternehmen in all unseren Bussen WLAN-Zugang installiert, und ab nächstem Jahr ist WLAN auf unserer Schiffsflotte gratis. Der Kunde ist heute weitgehend digital unterwegs, auch der ältere oder eher «traditionell» anmutende Kunde. Für diese Tatsache wollen wir fit sein. Dabei müssen wir aber auch nicht immer «First Mover» sein.

Es ist aber gewiss schwierig, ein traditionell gewachsenes Unternehmen in die Zukunft zu führen.

Wir nutzen neue Technologien, um Marken und Produkte noch näher an unsere Kunden zu bringen. High Tech und High Touch schliessen sich nicht aus! Diese Kombination ist typisch für unsere Firmenphilosopie. Deshalb ist es so wichtig, unternehmerisch denkende Mitarbeiter zu haben. Ich versuche mich ebenfalls weiterzubilden und habe zum Beispiel in diesem Sommer einen Intensivkurs an der Universität Stanford besucht. Das war extrem lehrreich.

Digitalisierung kostet. Sie haben nun aber auch Flusskreuzfahrtschiffe gebaut. Die Investitionen, allein für Instandhalten und den Ausbau der eigenen Flotte, sind doch immens. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Die Investitionen in die eigene Flotte sind das eine, deren Vermarktung ist das andere. Das Schwierige ist die Vermarktung. Wir sind Unternehmer und gehen ins Risiko. Als wir ins Flusskreuzfahrtengeschäft einstiegen, wurden wir mancherorts belächelt. Wir hatten aber die klare Vision der «Grandhôtels auf Flüssen» und haben diese konsequent verfolgt. Das Produkt haben wir stets den Marktgegebenheiten entsprechend und damit erfolgreich weiterentwickelt. Ein Grosskonzern, der auch mal in diesem Segment mitmischen wollte, schaffte es zu Beginn der 2010er Jahre nicht, drei Schiffe zu füllen. Wir sehen weiterhin Potenzial und werden unsere Geschäfte sorgfältig und überlegt betreiben.

[Interview geht unter dem Bild weiter]

Neues Juwel der Twerenbold-eigenen Excellence-Flotte - und eines der vielen Assets der Gruppe: Die Excellence Baroness. Bild: Reisebüro Mittelthurgau

Sie sind selber auch Leiter eines Unternehmensteils, nämlich der Reederei Excellence. Wollen Sie dies nicht abgeben? Oder warum leiten Sie dies selber?

Ich brauche das Operative. Ich bin neugierig und finde diese Aufgabe extrem spannend. Es hat aber auch den Aspekt, dass in diesem Bereich sehr hohe Investitionssummen nötig sind – wir sprechen hier von siebenstelligen Summen pro Jahr. Da übernehme ich die Verantwortung gleich selber.

«Die Planungen für unser 125-Jahr-Jubiläum 2020 laufen bereits.»

Die Schiffe und die Busse sind, vom Umsatz her gesehen, die wichtigsten Standbeine der Gruppe. Nun hört man überall, wie Kreuzfahrten und auch Flusskreuzfahrten boomen. Wie sieht es mit dem Bus-Bereich aus? Ist das ein Wachstumsmarkt?

Das Busgeschäft wird immer etwas unterschätzt. Wir sind bei den Bus-Rundreisen Marktführer und gewinnen immer neue Kundensegmente dazu. Man kann ja Veloreisen in Europa mit Bus- und Schiffsreisen kombinieren. Für spezielle Musikreisen befördern wir manchmal Hunderte Personen gleichzeitig. Letztes Jahr gelang uns ein richtiges Husarenstück: Wir konnten als erster Reiseanbieter die ganze Elbphilharmonie in Hamburg in der Eröffnungssaison für unsere Gäste reservieren; wir beförderten in mehreren Bussen und mit unterschiedlichen Routen und Aktivitäten 1500 Gäste nach Hamburg, welche gemeinsam eine exklusive Soirée in der Elbphilharmonie erlebten. Das unterstreicht, dass wir in Sachen Logistik, aber auch bei innovativen Reiseideen im Busreisebereich top sind und hochkarätige Erlebnisse für jedermann zugänglich machen können.

Ist Ihr Repeateranteil hoch?

Er ist es im Bus-Bereich wie auch im ganzen Unternehmen. Und dennoch schaffen wir es wie gesagt stets wieder, neue Kunden für Busreisen zu gewinnen. Kein Bus ist älter als sechs Jahre, wir haben ein eigenes, modernes Reisebus-Terminal, und wir investieren weiterhin in dieses Produkt, etwa auch in junge Bus-Chauffeure.

Macht Ihnen denn Flixbus kein Bauchweh?

Sorgen bereitet mir dabei, dass die Qualität bei Flixbus immer wieder ein Thema ist. Wir bauen beharrlich am Image von «qualitativ hochstehenden Busreisen», das wird durch solche Billig-Bus-Entwicklungen natürlich etwas gefährdet.

Zum Abschluss: Twerenbold Reisen steht ein grosses Jubiläum bevor. Was darf man da erwarten?

Im übernächsten Jahr, also 2020, wird unser Unternehmen tatsächlich schon 125 Jahre alt. Wir sind natürlich jetzt schon daran, das Jubiläumsjahr zu planen. Viel mehr will ich noch nicht verraten – aber die Planung macht jetzt schon Spass!


Nach dem Interview geht es für Karim Twerenbold direkt ins nächste Meeting. Er beordert aber persönlich noch einen der Bus-Chauffeure, den Autoren in seinem eigenen PW kurz an den nahe gelegenen Bahnhof Mellingen-Heitersberg zu fahren. Der besagte Chauffeur tut es ohne Widerrede und spricht auf der kurzen Fahrt unablässig davon, was für ein guter und offener Mensch Karim Twerenbold doch sei. Solche unaufgeforderten Komplimente von herkömmlichen Mitarbeitern sind es, was gute Konzernchefs auszeichnet…

Topmodern: Das Busterminal von Twerenbold Reisen am Hauptsitz der Firma sowie der Gruppe in Baden-Rütihof. Bild: Twerenbold Reisen