Rail & Road

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Die Nachtzüge der ÖBB erfreuen sich guter Nachfrage. Die Österreicher hegen mit ihrem Angebot grosse Pläne. Bild: Nightjet.com

«Die Marke Nightjet soll zum Synonym für Nachtreisen werden»

Von Jean-Claude Raemy

Vor 15 Monaten lancierte die österreichische ÖBB unter der Marke «Nightjet» eigene Nachtzüge im europäischen Bahnverkehr. Bis jetzt hat sich das unternehmerische Risiko gelohnt.

Kurt Bauer, Leiter ÖBB Fernverkehr.

Gross war das Gezeter, als im Dezember 2016 die DB Fernverkehr die «CityNightLine», damals mit Sitz in Zürich, einstellte. Etwas mehr als ein Jahr später spricht niemand mehr darüber: Damals sprang nämlich die österreichische ÖBB ein und lancierte eigene Nachtzüge unter der Marke «Nightjet», und übernahm dafür auch einen Teil der Routen und der Nachtzüge von der DB. Mit anderen Worten: Die ÖBB haben den Nachtzug im deutschsprachigen Raum am Leben erhalten. Dieser Schritt war ein Risiko, weil die DB die Aufgabe der Nachtzüge mit den damit eingefahrenen Verlusten begründete. Doch das neue Angebot der ÖBB hat sogleich eingeschlagen.

«Unsere Erwartungen haben sich voll erfüllt und wir freuen uns, dass das Angebot so gut angenommen wird», erklärt Kurt Bauer, Leiter ÖBB Fernverkehr. Im ersten Jahr wurden rund 1,4 Millionen Nachtreisende an Bord der Nightjet-Züge empfangen, womit man genau im Plan lag; im aktuellen Jahr wird eine «leichte Steigerung» erwartet. Es sei sogar ein kleiner Gewinn im einstelligen Millionenbereich eingefahren worden.

Das Ziel Bauers ist klar: «Die Marke Nightjet soll zum Synonym für Nachtreisen werden», erklärt der Manager.

Umfangreiches Netzwerk ab der Schweiz

Aktuell fährt der Nightjet auf 16 Linien in der Schweiz, in Österreich, in Deutschland und in Italien; mit Partnern geht es gar bis nach Kroatien und Ungarn. Von Zürich aus werden die Strecken Zürich-Basel-Hamburg, Zürich-Basel-Berlin, Zürich-Linz-Wien, Zürich-Leoben-Graz, Zürich-Villach-Zagreb, Zürich-Wien-Budapest und Zürich-Linz-Prag angeboten, wobei bei den letzten drei Strecken nicht durchgehend im Nightjet gefahren wird.

«Durch die Zugteilung der Verbindung Zürich–Berlin-Hamburg in Zürich – Hamburg und Zürich – Berlin erreichen wir aus der Schweiz seit Dezember auch direkt Hannover, Magdeburg und Potsdam und bieten eine kundenfreundliche Ankunfts- bzw. Abfahrtszeit in Berlin», erläutert Bauer eine wichtige Neuerung im aktuellen Kursplan.

Diese Kategorien sind im Angebot

Im Nightjet gibt es drei Komfortkategorien: Sitz-, Liege- und Schlafwagen. Erstere ist natürlich die Günstigste, aber auch die Unkomfortabelste und vor allem für junge Reisende attraktiv. Ein Abteil bietet 6 Plätze in der 2. Klasse. Wasch- und Toilettenräume befinden sich in jedem Wagen.

Die Liegewagen sind in Abteile mit 4 oder 6 Liegen ausgestattet und sind ideal für Gruppen, Familien oder preisbewusste Individualreisende. Es wird nicht nach Geschlechtern getrennt, jedoch können auch Damen- und Familienabteile gebucht werden. Wasch- und Toilettenräume stehen in jedem Wagen zur Verfügung. Die Abteile sind von innen verschliessbar. In allen Nightjet-Zügen können übrigens Familien (1-2 Erwachsene mit 1-4 Kindern) ein eigenes Liegewagenabteil zu vergünstigten Pauschalpreisen buchen (siehe Bild unten). Für Kinder gibt es kleine Aufmerksamkeiten wie eine Gute-Nacht-Buch oder «Nora Nightjet», ein Bastelbogen aus Pappe, aus welchem ein Zug gebastelt werden kann. Kinder bis 5 Jahre in Begleitung eines zahlenden Erwachsenen reisen übrigens kostenfrei, wenn sie keinen eigenen Bett-, Liege- oder Sitzplatz in Anspruch nehmen.

Schliesslich gibt es die Schlafwagen, die höchste Katregorie. Diese kann man als Single-, Double- oder Triple-Abteil buchen. Wer alleine reist, kann auch Double oder Triple buchen, reist dann also mit fremden Personen, wobei die Abteile nach Geschlechtern getrennt werden.  Unterschieden wird in ein Standard-Abteil mit kleiner Waschgelegenheit (Waschbecken) und ein Deluxe-Abteil mit eigenem Bad mit Waschbecken, Dusche und WC inkl. Duschgel und Handtüchern.

Im Liege- und Schlafwagen sind Frühstück und Wasser in den Ticketpreisen inkludiert, auf Vorbestellung wird auch glutenfreies Frühstück geboten. Im Schlafwagen kann man sich das Frühstück anhand einer Speisekarte selbst zusammenstellen. Darüber hinaus gibt es warme Speisen und Snacks in jedem Schlaf- und Liegewagen, welche direkt an den Platz serviert werden.

Wer ein Generalabo oder auch ein Halbtax-Abo hat, erhält übrigens Ermässigungen auf Komfort-Tickets. Und wer mit Tieren reist, kann dies auch tun – allerdings nur bei Buchung eines eigenen Abteils zur Alleinnutzung, wobei ein Hund jeweils ein Ticket braucht. Bei Fahrten nach Budapest und Prag sind keine Tiere zugelassen.

Grosser Ausbau wohl erst ab 2021

In den kommenden Monaten will Bauer vor allem am Komfort in den Zügen feilen. Es werden neue Matratzen, Vorhänge und Teppichböden oder auch Fototapeten in den Liegewagen installiert. «Wir planen zudem, in den nächsten Jahren sowohl für den Tag- als auch für den Nachtreiseverkehr neue Züge anzuschaffen», erklärt Bauer.  

Diese können erst 2021 geliefert werden, wurde im Rahmen einer «Nachtzug-Konferenz» in Brüssel bekannt. In den kommenden drei Jahren muss sich die ÖBB also behaupten, bevor zum grossen Expansionsschritt angesetzt werden kann. Dann wird ein echtes Europanetz denkbar, etwa auch mit Nachtzügen nach Skandinavien, Frankreich oder in die Benelux-Länder.

Gute News gibt es auch bei der Buchbarkeit: Die ÖBB und die DB haben sich gerade letzte Woche über eine neue Regelung beim Vertrieb von Nachtzugtickets einigen können. Bis zum 9. Juni 2018 akzeptieren die ÖBB noch die Tickets der Deutschen Bahn. Für alle Fahrten danach brauchen Fahrgäste einen ÖBB-Fahrschein. Zwar können Kunden diese Tickets auch zukünftig bei der Deutschen Bahn (DB) kaufen, etwa auf der DB-Website oder am Schalter im Reisezentrum. Doch wer zwischen DB und ÖBB umsteigt, erhält demnächst zwei Fahrkarten statt einer – nicht ideal, wie aus einem «Spiegel»-Bericht hervorgeht.

Aus Schweizer Sicht ist das weniger problematisch:  Tickets für den Nightjet kann man online auf www.nightjet.com buchen, aber auch bei der SBB und bei allen Verkaufsstellen des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz.

Bauer glaubt fest daran, dass die Nachtzüge echte Alternativen zu Flug und Auto sein können. «Der Nachtzug ist weder die schnellste noch die billigste Art zu reisen, aber mit Sicherheit die kultivierteste», pflegt der ÖBB-Manager zu sagen. Eine genügende Grundnachfrage kann damit sicher generiert werden. Aber eigentlich ist klar, dass es innerhalb Europas noch mehr Deregulierung und Wettbewerb sowie einheitliche Technik-Standards braucht, um Bahnprodukte wirklich konkurrenzfähig zu machen. Hierbei sind in erster Linie aber nicht die Bahnen selbst, sondern die EU-Kommission gefragt.