Rail & Road

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Die DB-Wagenkomposition im Bahnhof Basel - hier müssen zumindest Zürich-Reisende umsteigen. Bild: Deutsche Bahn

Per Zug von Berlin nach Zürich: Kann man machen!

Von Jean-Claude Raemy

Die Deutsche Bahn konnte letzte Woche zahlreiche vom Flughafenstreik betroffene ITB-Besucher befördern. Das Produkt kann sich durchaus sehen lassen.

Am letzten Fachtag der ITB ging bekanntlich der Streik des Bodenpersonals los und sorgte für ordentlich viel Chaos bei allen Teilnehmern, welche zurückreisen wollten. Einer der grossen Profiteure des Streiks war zweifellos die Deutsche Bahn (DB), da zahlreiche ITB-Besucher aus Deutschland oder den benachbarten Ländern wie etwa der Schweiz kurzfristig eine Bahnfahrt für den Heimweg buchten.

Travelnews.ch trat den Heimweg am Freitag ebenfalls mit der Bahn an. Frühmorgens die App namens «DB Navigator» runtergeladen, kurz registriert, den passenden Zug gesucht, die Reise per Kreditkarte bezahlt und das Ticket direkt auf die App runtergeladen: Zumindest was die Technologie angeht, gibt es überhaupt nichts zu beanstanden. Die App ist top und die Buchungsprozedur sehr benutzerfreundlich. Ähnlich den Airline-Websites kann man den Sitzplatz fix reservieren; über die App wird der entsprechende Bahnwagen mit allen Sitzplätzen angezeigt und man kann je nach Verfügbarkeit den Sitzplatz reservieren. Sympathisch auch der Umstand, dass die Reise in 1. Klasse lediglich 10 Euro mehr kostet als in 2. Klasse – allerdings auch nur, weil es sich nicht um einen Flexpreis handelte sondern um einen Preis, der nur auf einem ganz bestimmten Zug gültig ist, sowas kennt man ja auch von den SBB.

Stressfreie Reise mit viel Schokolade

Die Bahnfahrt ist allerdings schon deutlich länger als der Flug. Von Berlin nach Zürich stehen, mit Umsteigen in Basel, total 8,5 Stunden zu Buche. «Die Route von Berlin nach Interlaken Ost ist die längste Strecke im DB-Netz», erklärt DB-Sprecher Andreas Fuhrmann, den wir noch in Berlin kurz aufsuchen. Die guten Verbindungen der DB in die Schweiz sind kein Zufall: «Die Schweiz ist der grösste Auslandmarkt der DB», so Fuhrmann – umgekehrt ist übrigens auch Deutschland der grösste Auslandmarkt der SBB.

Fuhrmann muntert auf und verweist darauf, dass die Fahrt mit der Bahn «problemfrei» ist und eine Reise per se darstellt. Das ist effektiv so: Die Stopps in den Bahnhöfen von Wolfsburg oder Fulda sind nicht direkt spektakulär, aber die sich abwechselnde deutsche Landschaft ist wunderbar erholsam nach den hektischen Tagen in Berlin. Zudem ist man ja als Schweizer ohnehin «Bahn-affin» und fühlt sich auf der umweltfreundlichen Zugfahrt nach Hause auch noch gleich moralisch im Recht.

Der Hauptbahnhof Berlin ist schnell erreicht, der Zug kommt pünktlich und am Perron stehen manche andere Schweizer ITB-Teilnehmer. Es geht schon mal gut los! Eine kleine Ernüchterung dann an Bord: Der automatisch zugeteilte Sitzplatz – hätten wir doch die App besser genutzt – ist einer im Sechser-Abteil, nicht am Fenster. Da gibt’s zwar eine Steckdose, aber keinen Arbeitstisch. Da der Zug rappelvoll ist, ist an ein Sitzen andernorts nicht zu denken. Mit dem Laptop auf dem Schoss ist es nicht gerade angenehm zu arbeiten. Immerhin funktioniert das Gratis-Wifi (in 1. und 2. Klasse, übrigens) einwandfrei und das Einloggen ist einfach; etwas mehr Download-Kapazität könnte nicht schaden aber es ist in Ordnung. Zudem ist das Bahnpersonal stets um den Komfort bemüht, kommt vorbei mit Zeitungen (gratis) oder Getränken (zu bezahlen), dazu gibt es nach gefühlt jedem Bahnhofsstopp gratis ein Twix. Noch vor der Schweizer Grenze haben wir eine Schoko-Überdosis. Ärgerlich für die Berner Kollegen im Zug: Es geht doch nicht bis nach Bern und Interlaken-Ost, sondern der Zug endet in Basel. Umsteigen für alle. Eine Pass- oder Zollkontrolle ist aber Fehlanzeige und man hat in Basel schnell den nächsten Zug erwischt.

Fazit: Kann man machen! Wer genügend Sitzleder hat, kann in der DB gut entspannen und idealerweise auch arbeiten. Der Blick in die App lohnt sich vorher… Aufgrund der langen Reisedauer lohnt sich übrigens auch der Gang in den Speisewagen. Die Ausstattung ist modern, das Küchenangebot breit und gut, und dies bei vernünftigen Preisen.

Der ICE4 kommt bald

Die DB hat allerdings diverse Neuheiten in petto, welche auch für den Schweizer Markt von Interesse sind. Zum einen ist das im letzten Herbst vorgestellte neue Flaggschiff «ICE4» (Bild links) bereits hie und da in der Schweiz zu sehen, allerdings nur auf Testfahrten. Kommerziell kommt der ICE4 zunächst im innerdeutschen Verkehr zum Zug (haha), dafür wird die Schweiz «ab zirka 2020» als erstes Land international mit dem ICE4 bedient, wie Fuhrmann bestätigt.

Bereits Ende dieses Jahres gibt es dann auch eine durchgehende Verbindung von Frankfurt via Basel nach Mailand. Die Betriebszuständigkeit ist auf die Länder aufgeteilt, wie letztes Jahr bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels mitgeteilt worden war. Zunächst ist bis 2020 täglich ein Zugpaar geplant. In Richtung Nord-Süd werden die Züge über die Gotthardachse geführt, in Richtung Süd-Nord via Lötschberg. Damit werden Direktverbindungen aus Deutschland nach Luzern und ins Tessin sowie vom Wallis nach Deutschland ermöglicht.

Doch Zürich bleibt nicht abgehängt. Ab 2019 gibt es auf der Strecke Stuttgart-Zürich dann die doppelstöckigen Intercity-Züge der DB zu geniessen. Der Zug bleibt eine valable Alternative zum Flugzeug im innereuropäischen Verkehr. Anzumerken ist hierbei noch, dass es inzwischen ja auch wieder Nachtzüge von Zürich nach Berlin gibt, allerdings mit der österreichischen Railjet und nicht mit der DB.