Rail & Road

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Marco Venturini sieht die Enterprise Schweiz, deren Geschicke er über die Helvetic Mobility AG leitet, gut aufgestellt, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Bild: MSS Holding

«Die Geschäftsmodelle Car Sharing und Car Rental werden zusehends konvergieren»

Von Jean-Claude Raemy

Marco Venturini, Managing Director der Helvetic Mobility AG, äussert sich im Travelnews-Interview über Trends im Mietwagengeschäft.

Im November 2019 übernahm der Mobilitätskonzern MSS Holding AG - in der Reisebranche etwa bekannt als Muttergesellschaft des Versicherungsunternehmens Helvetic Assistance - die AIL Autovermietung AG und damit die Schweizer Lizenzen für Enterprise Rent-A-Car, National Car Rental und Alamo Rent A Car. Bereits zuvor hatte sich die MSS Holding an einem Start-Up beteiligt, welches eine Car-Sharing-Plattform aufbaut. Das Ziel war klar: Mit der Car-Sharing-Technologie, dem umfangreichen Partner- und Dienstleistungsnetzwerk der MSS Holding AG und einem starken Fokus auf «Customer Service» und Elektro-Mobilität wurde eine rasche Expansion angepeilt. Dann kam Corona - dass das Unternehmen aber flexibel ist, hat kürzlich die Lancierung der Mobile-App «Click & Go» in Zusammenarbeit mit der SBB bewiesen. Wir wollten daraufhin genauer wissen, wie es um das Unternehmen steht und haben deshalb das Gespräch mit Managing Director Marco Venturini gesucht.


Herr Venturini, wie ist Ihr jüngstes Projekt «Click & Go» eigentlich angelaufen?

Marco Venturini: Wir sind im April an den Bahnhöfen Uster, Wetzikon und Rapperswil mit unserem neuen Mobilitätskonzept gestartet. Per App können unsere Mietfahrzeuge spontan und selbstständig mit dem Smartphone gebucht und entriegelt werden. Aktuell bieten wir vorerst 20 Fahrzeuge über «Click & Go» an.

Die Mietfrequenzen steigen, weshalb wir unser Angebot nun ab Mitte Mai erweitern und neue Standorte am Bahnhof Zug und dem Zürcher Flughafen lancieren. Ab Juni expandieren wir in die Romandie. Bis zum Sommer werden wir rund 100 Fahrzeuge mit unserer «Click & Go»-Technologie ausgestattet haben.

Ist diese Erweiterung im Inlandgeschäft auch als Reaktion auf die Einbrüche im internationalen Mietwagengeschäft zu verstehen?

Nein. Die Digitalisierung des Autovermietungsprozess ist ein Ziel, welches wir schon länger verfolgen und welches einen wichtigen Teil unserer Domestic-Strategie ausmacht.

Trotzdem hat ja Corona auch bei der Helvetic Mobility AG Spuren hinterlassen. Wie hat Ihr Unternehmen auf die Corona-Krise reagiert?

Zu Beginn der Krise haben wir die Fahrzeuge, die nicht vermietet wurden, unseren Mitarbeitenden für den privaten Gebrauch zur Verfügung gestellt. Unser Fokus lag zudem stark auf den Bedürfnissen des lokalen Marktes. Mit Enterprise Minilease und dem «complete clean pledge» konnten wir der zunehmenden Unsicherheit in der Bevölkerung entgegenwirken und so mittels flexiblem All-Inclusive-Angebot die individuellen Mobilitätsbedürfnisse sicherstellen – ob jemand regelmässig pendelt oder einen Tagesausflug unternimmt.

«Bis zum Sommer werden wir rund 100 Fahrzeuge mit unserer ‹Click & Go›-Technologie ausgestattet haben.»

Denken Sie, dieses Bedürfnis für solche flexiblen Mieten wie eben bei «Minilease» wird auch nach Corona weiterbestehen? Oder ist dies ein «temporäres Produkt»?

Ich bin überzeugt, dass dieses Mietmodell auch nach Corona bestehen wird. Mit Enterprise Minilease entsprechen wir den individuellen Bedürfnissen verschiedener Kundentypen. Wer zur Überbrückung ein Fahrzeug für ein paar Monate benötigt oder darauf Wert legt, stets einen Neuwagen zu fahren und je nach Bedürfnis und Ereignis flexibel auf das entsprechende Fahrzeug zurückgreifen möchte, wird auch in Zukunft von unserem Angebot profieren können.

Welche Vorteile bietet Minilease denn gegenüber einer herkömmlichen Fahrzeugmiete?

Gegenüber der klassischen Fahrzeugmiete hat man bei Minilease den Vorteil, dass man nicht irgendein Fahrzeug einer bestimmten Kategorie erhält, sondern selbst ein spezifisches Auto aus unserer Neuwagenflotte auswählen kann.

Und wer wird damit primär angesprochen?

Die Zielgruppe des Auto-Abo-Marktes wird immer breiter, da immer weniger Menschen sich über Jahre an ein Fahrzeug binden möchten. Daher kann und will ich dies nicht spezifisch eingrenzen.

Sie sind aber nicht der einzige Anbieter solcher flexiblen Mieten. Was macht Enterprise aus Ihrer Sicht besser oder anders als die Mitbewerber?

Enterprise Minilease bietet als einziger Anbieter ein transparentes und absolut flexibles All-inclusive-Paket an. Wir bieten ausnahmslos neue Fahrzeuge an, welche bereits ab einem Monat, ohne Kilometerbeschränkung, mit Vollkaskoversicherung, Tank- und Waschkarte und sämtlichen Service- und Unterhaltkosten gemietet werden können.

«Die Zielgruppe des Auto-Abo-Marktes wird immer breiter.»

Sie haben auch die Hygienemassnahmen angesprochen. Was lässt sich zu diesen sagen?

Enterprise hat sich weltweit bereits seit Beginn der Pandemie zum «Complete Clean Pledge» verpflichtet. Das heisst, dass sämtliche Fahrzeuge bei uns ausnahmslos nach jeder Miete gründlich gereinigt und sämtliche Flächen desinfiziert werden.

Sie haben während der Corona-Zeit aber auch neue Angebote im High-End-Segment lanciert. Wie ist dies angelaufen und welche Fahrzeuge stehen hier etwa im Angebot?

Im High-End-Segment läuft das Geschäft zufriedenstellend. Das Volumen ist überschaubar. Bei der Lancierung stand die Nutzung der Synergien mit unserem Partner Elite im Zentrum.

Aktuell bieten wir unseren Kundinnen und Kunden im High-End-Segment rund ein Dutzend Fahrzeuge an – vom Porsche 911 bis hin zum Range Rover Vogue.

Es gab seit über einem Jahr kaum internationale Reise-Nachfrage – das betrifft natürlich auch das Mietwagengeschäft. Wo konnte dennoch etwas Geschäft generiert werden?

Das ist korrekt. Der starke Rückgang des Inboundgeschäfts hat uns hart getroffen. Dies konnten wir teilweise durch den Pendel-Verkehr kompensieren, welcher sich von der Schiene ins Automobil verlegt hat sowie vom Schweizer Ausflugs-Tourismus, da Fliegen ins Ausland keine Option mehr war/ist.

Wann rechnen Sie mit einem Comeback im - wohl auch für Sie wichtigsten - Auslandsmarkt USA?

Mit dem Comeback des US-Inboundgeschäfts rechne ich nicht vor nächstem Jahr – eventuell spüren wir eine erste Erholung ab dem nächsten Wintergeschäft.

«Das Inboundgeschäft wird sich ab Herbst langsam erholen.»

Können Sie uns ein paar Eckdaten zu Enterprise Schweiz mitgeben? Wie viele Personen arbeiten für diese Firma unter dem MSS-Dach bzw. an den Aussenstationen und wie viele Mietstationen/Fahrzeuge hat Enterprise in der Schweiz?

Derzeit sind wir rund 80 Mitarbeitende und unterhalten 15 Mietstationen mit aktuell knapp 1500 Fahrzeugen.

Welches würden Sie als die aktuellen Trends im Mietwagenmarkt bezeichnen?

Gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung bin ich überzeugt, dass die Geschäftsmodelle «Car Sharing» und «Car Rental» zusehends konvergieren werden. Der Wunsch nach flexibler und intermodaler Mobilität wird weiter steigen.

Man hört nun oft, dass Ferien mit dem eigenen Auto, irgendwo in der Nähe, wegen Corona wieder im Trend sind. Rechnen Sie weiterhin mit einer längeren Durststrecke in der Mietwagensparte, oder herrscht hier auch langsam so etwas wie Aufbruchstimmung?

Von Aufbruchstimmung zu sprechen ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Dennoch bin ich zuversichtlich, da einerseits der eigene Privatwagen nicht immer optimal für die Ferien geeignet ist und da sich andererseits das Inboundgeschäft ab Herbst langsam erholen wird.