Rail & Road

goetschi_peter3.jpg
Seit neun Jahren präsidiert der Freiburger Peter Goetschi den Zentralvorstand des Touring Club Schweiz (TCS). Bild: TN

«Das Auto muss ökologischer werden»

Von Gregor Waser

TCS-Zentralpräsident Peter Goetschi spricht im grossen Interview mit Travelnews über die Elektromobilität und äussert sich zum Reiseverhalten von morgen.

Herr Goetschi, welchen gesellschaftlichen Wandel stellen Sie in den letzten Jahren bei der Mobilität fest?

Peter Goetschi: Die Mobilität nimmt stetig zu, wir werden immer mobiler, sei es im Job, privat oder in den Ferien. Fliegen ist zumindest bis vor der Corona-Krise zur Normalität geworden. Neue Mobilitätsformen kommen auf, die Verknüpfung von Mobilitätsmitteln ist heute normal. Den reinen Auto- oder Zugfahrer gibt es viel seltener als früher, das sehen wir auch in unserer Mitgliederstruktur: wir haben heute nicht nur den Autofahrer bei uns, sondern immer mehr multimodal mobile Menschen, die zwar mit dem Auto, aber gleichzeitig auch mit dem Zug, dem Velo und zu Fuss unterwegs sind. Diesbezüglich hat ein Wandel stattgefunden. Das Velo hat schon vor Corona ein Revival erlebt und gewisse weitere Trends zeichnen sich ab, etwa «nutzen statt besitzen». Ein Trend, den die ganze Sharing-Economy bereits mit vielfältigen Angeboten bedient. In diesem Sektor sehen wir ein konstant wachsendes Angebote. Dennoch können wir noch nicht von einem Megatrend sprechen.

Sie sind seit 2012 TCS-Zentralpräsident. Wie muss man sich Ihren Job vorstellen?

Sehr spannend und vielschichtig. Der TCS ist keine 08.15-Organisation. Wir haben 1700 Mitarbeiter, machen 380 Millionen Franken Umsatz und sind mit vielen Dienstleistungen sehr breit aufgestellt, eben nicht nur ein Pannendienst. Meine Tätigkeit umfasst verschiedene Pfeiler: Als Zentralpräsident leite ich den Vereinsvorstand, den wir Verwaltungsrat nennen. Darin sind alle 24 Sektionen des TCS vertreten. Das heisst, wir sind sehr föderalistisch aufgestellt, was einen regen Austausch und einen engen Kontakt mit allen Sektionen bedingt. Ein weiterer Grundpfeiler meiner Arbeit bildet das politische Engagement des TCS. Wir beteiligen uns unter anderem an Vernehmlassungen zu nationalen Vorlagen, die Mobilität betreffend und engagieren uns, wenn wir es für notwendig erachten, auch im Abstimmungskampf. So haben wir uns zum Beispiel für die Annahme der 2. Gotthardröhre und die NAF-Vorlage eingesetzt, wie auch für den «Bundesbeschluss Velo». Ich sehe es als unsere Pflicht, die Rechte und Interessen unserer Mitglieder in der Mobilität wahrzunehmen. Darüber hinaus sind wir international stark vernetzt, mit verschiedenen Partnerclubs wie ADAC und ÖAMTC, wir sind aber auch Mitglied der Fédération Internationale de l‘Automobile (FIA). Da gibt es einen regen Austausch auf internationaler Ebene.

An welchen Baustellen arbeiten Sie in diesen Tagen?

Die Mobilität entwickelt sich ständig weiter, diese Baustelle ist nie fertig. Viele politische Themen liegen auf dem Tisch, etwa die CO2-Gesetzgebung. Hier geht es darum, uns im Interesse unserer Mitglieder richtig zu positionieren. Und, ich freue mich auf einige Generalsversammlungen von TCS-Sektionen, welche aufgrund der Corona-Situation in den Herbst verschoben werden mussten. Das sind natürlich keine Baustellen, sondern Anlässe, an welchen ich mit grosser Freude teilnehme. Und schliesslich wird bei der FIA im nächsten Jahr ein neuer Präsident gewählt.

Ein Thema für Sie?

Nicht das Amt an sich, aber für uns als TCS, den fünftgrössten Mobilitätsclub Europas, ist es wichtig, unseren Einfluss in der FIA auch künftig geltend zu machen.

Welche Auswirkungen hat Corona auf die Mobilität?

Gewisse Bereiche kamen zum Stillstand, etwa das Fliegen, aber auch der öffentliche Verkehr wurde stark gebremst. Insofern zeigt sich, wie glücklich wir uns in der Schweiz schätzen dürfen, mit Strasse und Schiene zwei gut ausgebaute Verkehrsträger zu haben. Diese beiden Systeme müssen wir auch künftig kombinieren anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Mir persönlich gefallen ideologische Trends nicht. Vielmehr sollte die Frage im Vordergrund stehen, welche Fortbewegung sinnvoll, nachhaltig und effizient ist. In der Gesellschaft ist das Umweltbewusstsein stärker geworden, einer der Haupttreiber für das stark anziehende Interesse von Herrn und Frau Schweizer an der Elektromobilität.

«Bei den PW-Immatrikulationen im September liegt der Anteil der Steckerfahrzeuge bei 20 Prozent. Das ist enorm.»

Wo steht die Schweiz heute bei der Elektromobilität?

Sie steht an der Schwelle vom Nischenprodukt zum Mainstream. Aus meiner Sicht stellt sich jedoch die Frage: ist Elektromobilität die Lösung? Für den Individualverkehr ist sie momentan sicher eine richtige und notwendige Lösung, für den Schwerverkehr scheint mir der Elektroantrieb weniger geeignet zu sein. Hier rechne ich mit grossen Chancen für die Wasserstofftechnologie. Aber so oder so, punkto Effizienz und Nachhaltigkeit sind wir auf dem richtigen Weg. Das zeigen die Immatrikulationszahlen bei den PW‘s im September: der Anteil der Steckerfahrzeuge lag bei 20 Prozent. Das ist enorm.

Lohnt sich denn heute schon ein Umstieg? Kostenmässig und von der Convenience her?

Unser regelmässig durchgeführter E-Barometer zeigt, ein Grossteil der Befragten findet die Entwicklung toll. Themen, die beschäftigen, sind weiterhin die Reichweite und die Anschaffungspreise sowie die Frage nach genügend Ladestationen. Punkto Reichweite sind eigentlich keine Bedenken mehr angebracht. Mit reinen Elektrofahrzeugen kommt man heute gut 300 bis 400 Kilometernweit. Für jemanden, der nicht gerade Aussendienstmitarbeiter ist, reichen diese Distanzen vollkommen aus. Bei den Preisen ist es nach wie vor so, dass die Anschaffung im Vergleich zu einem Verbrenner teurer ist. Bei der Vollkostenanalyse hingegen – rechnet man Treibstoff, Motorfahrzeug-Steuern und Werkstatt-Kosten hinein – schneiden Elektrofahrzeuge im Vergleich zu Verbrennern mittlerweile fast gleich gut ab. Dies auch dank neuen Massenmodellen. Bei der Ladeinfrastruktur gibt es noch einige Herausforderungen. Eine Voraussetzung ist, dass man sein Fahrzeug entweder zuhause oder im Geschäft laden kann. Gerade da gibt es noch grossen Handlungsbedarf.

Würden Sie einem Schweizer Hotelier empfehlen, eine Ladestation zu installieren?

Unbedingt. Für einen Elektroauto-Besitzer ist diese Option unerlässlich. Für Hoteliers wird das Anbieten einer Ladeoption deshalb immer wichtiger.

Sie fahren selber ein E-Auto. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus?

Ich bin begeistert und möchte nicht mehr zurück auf einen Verbrenner. Das Fahrerlebnis ist toll. Die Fahrleistung mit einem Drehmoment, das man sofort und konstant abrufen kann, ist sehr beeindruckend. Ich merke auch, dass ich viel ruhiger fahre. Mit der Reichweite von rund 330 Kilometern bin ich zufrieden. Ich muss einzig ein wenig vorausplanen und mir bei langen Routen überlegen, wo ich aufladen kann. Die Ladezeit nutze ich meistens für eine Kaffeepause.

Wie wichtig ist die E-Thematik für den TCS und die TCS-Mitglieder?

Für uns spielen verschiedene Aspekte eine Rolle. Als die ersten E-Fahrzeuge auf den Markt kamen, war es unser Anspruch auch bei diesem Thema wie immer an der Seite unserer Mitglieder zu sein. Ein erster Schritt war daher, unsere Patrouilleure so auszurüsten, dass sie auch bei einer Panne eines E-Fahrzeuges helfen können. Heute wollen wir die Elektromobilität einem breiteren Publikum näher bringen. Wir wollen informieren, worum es bei der E-Mobilität geht, welche Vorteile sie mit sich bringt, gerade auch hinsichtlich des neuen CO2-Gesetzes. Schliesslich tragen wir mit der Installation von Ladestationen für Zuhause, deren Wartung und Reparatur aktiv zur Förderung der Elektromobilität bei, was für uns als Mitunterzeichner der Roadmap 2022 des Bundes ein erklärtes Ziel ist.

Zeichnen sich weitere Szenarien ab? Sie haben die Wasserstoffmobilität erwähnt – was ist davon zu halten?

Wasserstoffmobilität ist eines von mehreren Szenarien. Die Technologie ist insbesondere bezüglich der Speicherung von Energie sehr interessant. Es braucht zwar viel Energie, um den Wasserstoff zu produzieren, dann ist er aber als Treibstoff sehr sauber. Diese Technologie muss man im Auge behalten, gerade im Lastwagen-Bereich, wo es um grössere Mengen von Energie geht – denn ein batteriebetriebener Lastwagen wäre sehr schwer. Ob Wasserstoff auch für Personenwagen interessant wird, muss sich noch zeigen. Dann gibt es aber auch im Bereich der synthetischen Treibstoffe interessante Entwicklungen. Weitere Effizienzsteigerungen bei Verbrennungsmotoren stehen auch an. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Heute lehnt sich in der Fahrzeugindustrie niemand mehr zurück und sagt, ich mach das, was ich schon immer gemacht habe.

«Wir warnen unsere Mitglieder, wenn in der Feriendestination, an der sie sich aufhalten, Erdbeben, Waldbrände oder Streiks zu erwarten sind.»

Angesichts all dieser Entwicklungen – stehen auch für den TCS Richtungswechsel an?

Veränderungen gab es bei uns schon immer. Im nächsten Jahr werden wir 125 Jahre alt. 1896 wurde der TCS von Velofahrern gegründet und bot damals Hilfe an mit Kartenmaterial oder setzte sich dafür ein, dass es auf den Wegen weniger Schlaglöcher gab. Wir haben uns stets den Bedürfnissen unserer Mitglieder angepasst. Heute, bei der Elektromobilität etwa, geht es uns darum, das Thema sofort aufzugreifen und unseren Mitgliedern auch in der Elektromobilität zur Seite zu stehen. Unser Ziel ist, dass ein Mitglied bei einer Panne gleich wieder weiterfahren kann, egal, mit welchem Verkehrsmittel es unterwegs ist. Alles in allem müssen wir uns anpassen und gleichzeitig den Mitgliedern die Zukunft der Mobilität aufzeigen. Neben dem Pannendienst, mit dem wir gross geworden sind, bieten wir mit dem ETI Schutzbrief umfassenden Reiseschutz an – ein weiteres wichtiges Standbein. Auch hier gilt es genau zu verfolgen, was die Bedürfnisse unserer Mitglieder sind und was wir bieten müssen, damit sie auch in Zukunft unbeschwert ihre Ferien verbringen können. Hier spielt die Digitalisierung einer immer wichtigere Rolle. Wir haben zum Beispiel vor zwei Jahren das Modul «Travel Safety» in die TCS App integriert. Damit können wir unsere Mitglieder warnen, wenn in der Feriendestination, an der sie sich aufhalten, Erdbeben, Waldbrände oder Streiks zu erwarten sind. Mit Travel Safety sind wir auch in der Lage, sehr schnell Soforthilfe und Repatriierungen zu organisieren, da wir dank Geolokalisierung genau wissen, wo sich unsere Mitglieder, die Hilfe benötigen, befinden. Und schliesslich gehen wir auch im Tourismus mit der Zeit. Vor zehn Jahren wurde ich fragend angeschaut, wenn ich erwähnte, der TCS betreibe auch Campingplätze. Was wollt ihr denn mit denen, hiess es da. Heute sind die 29 TCS-Campingplätze ein weiteres wichtiges Standbein mit 650‘000 Übernachtungen 2020 gegenüber 600‘000 im letzten Jahr. Camping liegt im Trend, nicht nur aufgrund von Corona.

Die Klimadiskussion wurde in diesem Jahr in den Hintergrund gedrängt. Welche Bedeutung nimmt das Thema heute beim TCS ein?

Es geht um nichts weniger als um unseren Planeten, die Klimadebatte ist sehr wichtig. Wir versuchen das Thema – wie andere Themen auch – nicht ideologisch anzugehen. Wir müssen unseren Fokus darauf legen, dass unsere Mitglieder auch in Zukunft mobil sein können, ob mit Auto, Zug oder Velo. Dabei muss das Auto ökologischer werden, um diesen Punkt kommen wir nicht herum. Mobilität ist eine Errungenschaft, die es zu bewahren gilt. Sie ist einer der Hauptpfeiler für die gesellschaftliche Entwicklung und Wohlstand.

Wie schaut die Nach-Corona-Mobilität aus?

Es stellt sich die Frage, wie die nächste Phase aussehen wird. Im Herbst oder Winter rasch an die Sonne, das wird im Moment zunehmend schwierig. Wie lange geht das nun so weiter? Wie schaut in einem Jahr das Angebot aus? Wir gross wird der Flurschaden sein? Gerade in der Reisebranche dürfte dieser enorm sein. Aber die Lust nach Reisen nach Wochen, ja Monaten des Zuhause-Bleibens wird – so schön die Schweiz auch ist – wieder grösser werden. Gleichzeitig hoffe ich, dass wir gewisse Lehren aus Corona ziehen und gewisse Erkenntnisse mitnehmen, was in Zukunft anders zu machen ist. Wir müssen es schaffen unserer Mobilität besser zu organisieren. Im Moment gibt es viele Ideen und Konzepte, was aber wirklich sinnvoll ist, müssen wir genau prüfen. Homeoffice zum Beispiel ist in einer gewissen Dosis gut, aber wie bei allem, bei einem Übermass kann es zu Problemen führen. Persönlich habe ich beispielswiese meinen Berufsalltag so umgestellt, dass ich an verschiedenen Tagen zunächst zuhause eine Stunde lang Mails abarbeite und dann später ins Büro fahre, wenn sich der Verkehrsstrom ein wenig beruhigt hat. Und längerfristig braucht es smarte Konzepte für die multimodale Mobilität. Diesbezüglich wollen wir als TCS eine führenden Rolle einnehmen.

Der TCS hat vor einem Jahr mit TCS Reisen die Reisesparte wieder aufleben lassen. Wie ist der Stand dieses Projekts?

Wir hatten Glück im Unglück, TCS Reisen ist noch eine kleine Sparte. Wir befinden uns in einem Horchposten und warten ab, bis Auslandreisen wieder möglich sind. Schweiz-Angebote haben wir vereinzelt kreiert. Bei internationalen Reise-Angeboten sind wir bereit wieder loszulegen, wenn es die Rahmenbedingungen zulassen.