Rail & Road

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So sieht das aktuelle Team von MyCamper aus - Interviewpartner Michele Matt ist 3.v.l. in der hintersten Reihe (mit Brille und Bart). Bild: zVg

«Wir rechnen mit einem Marktvolumen von 80-100 Millionen Franken allein für die Schweiz»

Von Jean-Claude Raemy

Vor fünf Jahren gründete Michele Matt das Wohnmobil-Sharing-Unternehmen MyCamper.ch. Dieses hat jüngst im Rahmen einer Finanzierungsrunde viel Geld eingenommen. Im Interview erzählt der Jungunternehmer, wie es läuft und was die nächsten Ziele sind.

Herr Matt, wie kam es überhaupt zur Gründung von MyCamper.ch?

Ich war 2014 mit meiner Freundin und heutigen Frau auf Sardinien in den Ferien, wie so oft mit unserem VW Camper. Ich suchte damals fieberhaft nach Möglichkeiten, meine Unternehmerlust in ein konkretes Projekt umwandeln zu können. Wir realisierten, dass der Camper, damals brandneu, viel herumsteht – und dass dies auch bei vielen anderen Eigentümern wohl der Fall ist. Mit einer Camper-Vermittlungsplattform gäbe es doch in der heutigen Sharing Economy Chancen! Ich kam heim, analysierte die Lage und machte mich daran, einen Businessplan zu schreiben.

Moment mal – was machten Sie davor eigentlich?

Ursprünglich habe ich an der Universität Basel Wirtschaft studiert und dann noch ein Masterstudium in International Management an der Fachhochschule Nordwestschweiz erworben. Ins Berufsleben eingestiegen bin ich bei der Credit Suisse, im Rahmen eines Hochschulabsolventenprogramms. Dort war ich in diversen Funktionen angestellt. Nach einem kurzen Ausflug in die Beratung kam ich wieder zur CS auf Teilzeitbasis zurück, was es mir erlaubte, MyCamper.ch zunächst nebenbei aufzuziehen. Seit 2018 bin ich Vollzeit mit dem Aufbau von MyCamper beschäftigt.

Wie war der Anfang?

An der Startup-Academy in Basel lernte ich Mirjam Affolter kennen, die zur Mitgründerin wurde und heute als Community Happiness Manager im Unternehmen tätig ist. Die Gründung erfolgte 2015; 2016 stiess mit Stefan Lieberherr noch ein Marketing-Experte hinzu, den ich ebenfalls auf einem Projekt in der Beratung kennenlernte - zuerst extern, heute in Vollzeit als Marketingchef. Wir brachten den Dampfer zum laufen und merkten bereits im Sommer 2017, dass uns alles langsam zu viel wird. Also starteten wir die erste Finanzierungsrunde.

Wie ging diese aus?

Wir konnten in der ersten Runde von diversen Business Angels rund 300‘000 Franken Kapital zusammentragen. Das erlaubte es uns, im Frühjahr 2018 als Dreierteam in Vollzeit zu starten. Seitdem ging es steil aufwärts.

«Wir machten bei der TV-Sendung ‹Die Höhle der Löwen› mit und konnten uns dort Unterstützung durch die fünf Investorinnen und Investoren sichern.»

Was wiederum Investitionen bedingte.

Ja, wir haben 2019 eine zweite Investitionsrunde absolviert. Auf ziemlich unkonventionelle Weise: Wir machten bei der TV-Sendung «Die Höhle der Löwen» mit und konnten uns dort Unterstützung durch die fünf Investorinnen und Investoren sichern. Insgesamt kamen 450'000 Franken zusammen, 300'000 von den Löwinnen und Löwen, dazu noch weitere pro rata zugesicherte Beiträge der vorherigen Investoren sowie Geld von einem deutschen Camper-Unternehmen.

Und vor wenigen Wochen nun haben wir in einer dritten Runde 1,1 Millionen Franken eingenommen. Dieses Geld kam von weiteren Business Angels und einem Family-Office in Deutschland zusammen. Das Geld wird für das weitere Wachstum in der Schweiz sowie für den Aufbau eines Ablegers in Skandinavien verwendet.

Bevor wir dazu kommen: Wie gross ist das Team aktuell?

In Basel sind, mich inklusive, 12 Personen angestellt. Im neuen Ableger in Stockholm sind es deren drei, zwei «Interne» in einem Büro sowie ein externer Mitarbeitender, der für das Product Management zuständig ist.

Und wie sieht der Verwaltungsrat des Unternehmens aus?

Im Verwaltungsrat sitzen drei Gründer und zwei Investoren. Die «Gründersitze» sind aktuell mit mir und mit Désirée Mettraux, welche inzwischen nicht mehr aktiv im Unternehmen arbeitet, sowie mit einem unabhängigen Rechtsanwalt besetzt; auf Investorenseite sind im VR einerseits Patrik Grobe, in der Reisebranche von seiner früheren Tätigkeit bei der Europäischen Reiseversicherung bekannt und heute CEO der Swisscare und Tobias Reichmuth, Gründer und Chairman bei SUSI Partners AG und einer der Investoren aus der «Höhle der Löwen».

Erklären Sie kurz Ihr Geschäftsmodell.

Ganz simpel: Wir vermitteln Wohnmobile, Wohnwagen und Campingbusse oder auch andere campingfähige Fahrzeuge wie Offroader zwischen deren Eigentümern und Reisenden. Das erfolgt über unsere Plattform. Wir machen das «Matchmaking» und kümmern uns um Versicherung, Reinigung etc., und erhalten eine Kommission, in Prozent des Verkaufspreises, nach Abschluss einer Buchung. Wir sind sozusagen das Airbnb für Wohnmobile.

Und diese Wohnmobile stehen alle in der Schweiz?

Auf der Schweizer Website arbeiten wir derzeit vor allem mit Eigentümern aus der Schweiz zusammen. Die Fahrzeuge können aber problemlos für Fahrten ins Ausland genutzt werden, zumindest innerhalb Europas, das ist versicherungstechnisch sauber gelöst. Über die neue Website mycamper.se können nun auch Fahrzeuge in Schweden gemietet werden.

«Wir schauen nach wie vor über unsere Grenzen hinaus.»

In Skandinavien hegen Sie aber grössere Pläne, nicht? Jetzt, wo Geld dafür vorhanden ist.

Klar, der Plan ist, ganz Skandinavien abzudecken. Der Fokus liegt aber zuerst auf Schweden. Wir haben eine saubere Markt-Analyse durchgeführt und bemerkt, dass das Angebot auf Fahrzeug-Eigentümerseite gross ist, die Nachfrage für die Nordländer mit dieser Reiseform ebenfalls, und dort gibt es noch fast keine Konkurrenz. Die Campingregeln sind locker dank dem nordischen Jedermannsrecht, welches allen freien Zugang in die Natur garantiert, und die Kaufkraft ist vergleichbar zur Schweiz. Wir verprechen uns da einiges.

Eine geografisch näher gelegene Expansion wurde nicht angedacht?

Deutschland oder Österreich wäre naheliegender gewesen, dort ist aber die Konkurrenzsituation viel ausgeprägter. Wir schauen aber nach wie vor über unsere Grenzen hinaus. Ich denke da etwa an Osteuropa oder Asien.

Zuerst einmal muss aber das Kerngeschäft gut laufen. Wie sind Sie bislang durch die Coronavirus-Krise gekommen?

Der Lockdown und damit die weitgehende Unterbindung des öffentlichen und privaten Verkehrs hat uns stark tangiert, ich rede hier von einem Umsatzeinbruch von über 50 Prozent. Es herrschte grosse Unsicherheit und die Campingplätze waren geschlossen. Seit einigen Wochen merken wir aber, dass die Buchungen zurückkommen. Dadurch, dass nun vom Bundesrat Ferien in der Schweiz empfohlen werden, profitieren wir gar. Wir sind aktuell noch unter Plan; für das Gesamtjahr 2020 rechne ich aber, den Level von 2019 halten oder gar leicht steigern zu können.

Wie sieht es mit Vorausbuchungen für 2021 aus?

Das läuft noch verhalten und macht erst rund 5 Prozent unseres Buchungsvolumens aus. Wobei ich hier anfügen muss: Im Schnitt werden die Camper bei uns nur rund zwei Monate im Voraus gebucht.

«Wir sind offen für neue Vertriebspartnerschaften.»

Stichwort Buchung: Wie erfolgt ihr Vertrieb?

Da muss ich differenzieren, denn wir vermitteln ja zwischen Eigentümern und Mietern. Angebotsseitig, also bei den Wohnmobil-Eigentümern, sind wir «Multi-Channel» unterwegs. Wir sind auf Social Media, veranstalten monatlich 1-2 Informations-Zmorge, führen Webinare durch und haben ein Vermieterhandbuch bereit, welches alle Fragen zu Reinigung, Schadensfall, Versicherungsumfang und mehr beantwortet. Das beste Marketing ist aber immer noch die Mund-zu-Mund-Propaganda der Vermieter unter sich.

Auf Seite der Mieter ist es so, dass wir vor allem auf Google organisch oder bezahlt gefunden werden und dann der Camper direkt online gebucht wird.

Wäre allenfalls ein Vertrieb über Reisebüros ein Thema? Diese versuchen aktuell, auch Schweiz-Ferien zu verkaufen, da wäre allenfalls ein Schweizer Camper-Angebot angebracht.

Dazu habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Aber wir sind offen für neue Vertriebspartnerschaften. Man müsste sich an einen Tisch setzen und über Konditionen verhandeln. Warum auch nicht?

Gibt es denn bereits Partnerschaften?

Wir sind beispielsweise schon in einer Marketing-Partnerschaft mit der Grosspeter AG, dem wichtigsten VW-Vertreter der Nordschweiz. Wir haben auch eine Partnerschaft mit dem TCS und mit Swisscamps, im Bereich der Campingferien, sowie auch mit dem Ausrüster Transa.

Nun sind die Campingplätze noch immer geschlossen…

Da schliesse ich mich dem Aufschrei des TCS voll und ganz an. Wir fordern eine sofortige Öffnung der Campingplätze. Es leuchtet nicht ein, wieso Hotels öffnen können, Campingplätze jedoch nicht. Sollte das Problem an den geteilten Sanitäranlagen liegen, so lassen sich dafür doch ganz einfach Schutzkonzepte umsetzen. OK, die Campingplätze dürften am 8. Juni wieder eröffnen, doch nun wurde bereits das Auffahrtswochenende verspielt und wenn es wirklich erst dann aufgeht auch das Pfingstwochenende. Das wäre schade und eben auch nicht nachvollziehbar.

Noch etwas zum Buchungsprozess: Was erhalte ich aktuell, wenn ich online buche?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Eine Sofortbuchung, wo alles drin ist, oder eine unverbindliche Anfrage, wo man vom Vermieter innert 24 Stunden Bescheid erhält, ob das Fahrzeug verfügbar ist. In der Regel kann man dann mit diesem vereinbaren, wie viel Zeit man erhält, um die Buchung abzuschliessen oder das Fahrzeug wieder freizugeben. Wir sind da flexibel und bieten auch eine SMS-Benachrichtigungsfunktion an. Auf der Website sind die Mietbedingungen, die Verischerungspakete und Informationen zu den Vermietern einfach und klar ersichtlich.

«Wir fordern eine sofortige Öffnung der Campingplätze.»

Klingt gut. Wie gross ist das Marktpotenzial denn?

Wir rechnen mit einem Marktvolumen von 80-100 Millionen Franken allein für die Schweiz. In Schweden ist dies wohl noch grösser. Trotzdem sind wir vorsichtig. Für die Schweiz rechnen wir 2022 mit dem Break-Even; in Skandinavien wird es noch etwas dauern, wir fangen ja erst an.

Wie ist denn die Preislage?

Das beginnt bei 25 Franken pro Nacht, im Schnitt liegen wir bei 120-150 Franken pro Nacht, je nach Fahrzeug und Mietdauer. Die Fahrzeuge werden am vom Vermieter angegebenen Standort abgeholt und retourniert. Damit können wir schweizweit Fahrzeuge anbieten.

Camperferien in der Schweiz und im angrenzenden Ausland dürften gerade dieses Jahr ein Hoch erleben. Bild: MyCamper.ch