On The Move
Kommentar Das Ende der Komfortzone
Gregor WaserFür 53 unabhängige Schweizer Reisebüros gilt es, innerhalb weniger Monate eine neue Systemumgebung zu evaluieren, nachdem Dertour Suisse entschieden hat, das bisherige Hotelplan-Backoffice-System HIT nicht weiterzuführen (Travelnews berichtete). Am 6. November 2025 wurden die Reisebüros darüber informiert, dass der Vertrag mit HIT per 31. Oktober 2026 aufgelöst wird.
Ein Schock für zahlreiche Reisebüros: Denn mit HIT verlieren sie eine All-Inclusive-Lösung, die nicht eins-zu-eins ersetzt werden kann. Gerade für wenig IT-affine Büros bietet HIT ein Wohlfühlpaket, das sich über das Mid-/Back-Office hinaus erstreckt bis hin zur GDS-Anbindung, zusätzlichen Bausteinen oder einem Outlook-Support. All diese Einzelelemente gilt es nun erst neu zu finden und zu implementieren.
Ein Problem in doppelter Hinsicht: Der Fokus liegt bei vielen KMU-Reisebüros auf der täglichen Beratung und dem Verkauf von Reisen. Umfangreiches Software-Know-how wurde angesichts der kompletten HIT-Rückendeckung über Jahre vielerorts vernachlässigt. Nun gilt es neben dem Tagesgeschäft aber plötzlich eine komplizierte, undurchsichtige und teure Software-Entscheidung zu treffen.
Klar kann Reisebüro-Inhabern vorgehalten werden: Hey, das gehört zum 360-Grad-Unternehmertum, sich dann und wann eine neue IT- oder Software-Umgebung zu beschaffen. Doch die Suche und Evaluation einer neuen Software-Umgebung hat für viele die Priorität und den Reiz eines Zahnarztbesuches oder des Ausfüllens der Steuererklärung.
Branchenprimus mit unzähligen Baustellen
Ist ein Groll auf Dertour Suisse, der neuen Besitzerin von Hotelplan, berechtigt? Nur bedingt. Der Branchenprimus muss gerade unzählige eigene Baustellen bewältigen, ob beim Personal, im Sortiment, bei den Filialen oder eben der Systemlandschaft. Insofern ist die Begründung, dass die Einstellung des HIT-Systems auf technologischen Gründen und plattformbedingt erfolgt, nachvollziehbar. Das Weiterführen mehrerer IT-Systeme, so gut HIT auch war, kann wohl nicht im Sinn einer zentralen Strategie sein.
Doch einige Fragen bleiben dennoch offen. Das Gefühl einiger Hotelplan-Agenten, von Dertour im Regen stehen gelassen zu werden, ist verständlich. Wer bisher jährlich zwei, drei Millionen Hotelplan-Umsatz generiert hat und dann in einem Schreiben lesen muss, es stünden für HIT-Partner «gewisse Anpassungen» bevor, um Zeilen später von einer vollständigen System-Kündigung zu erfahren, der dürfte sich schon fragen, wie es nun mit der Zusammenarbeit genau weitergeht – oder ob eine solche überhaupt noch erwünscht ist.
Diese Antwort wird erst in den nächsten Monaten geliefert. Das Dertour-Bekenntnis, «wir setzen weiterhin auf eine enge, verlässliche Zusammenarbeit mit unseren Reisebüro-Partnern», muss sich erst noch bewahrheiten. Vorerst dürfte der Dertour-Hauptfokus auf der Zukunft der eigenen Reisebüros liegen. In Städten, wo Dertour mit Kuoni/Helvetic und Hotelplan/Travelhouse auftritt, dürfte das Interesse am provisionsfälligen Umsatz von Drittagenten wohl geringer ausfallen.
Insofern steht für 53 Reisebüros nicht nur eine System-Suche an, sondern auch eine Neubeurteilung ihrer Hauptlieferanten, was durchaus zu gewissen Verschiebungen im Schweizer Reisemarkt führen könnte. Denn wer bisher von tiefen HIT-Lizenzgebühren profitieren wollte, steuerte so viel Umsatz wie möglich zu Hotelplan. Dieser Anreiz fällt nun weg.