On The Move
Kommentar Übernahme-Logik statt Branchenromantik
Reto SuterDertour Suisse hat geliefert – und zwar punktgenau. CEO Stephanie Schulze zur Wiesch hatte vor Weihnachten versprochen, bis zur Fespo die erweiterte Führungsstruktur des neuen, gemeinsamen Unternehmens mit Hotelplan offenzulegen. Genau das geschah am Donnerstag, um Punkt 10 Uhr – exakt mit der Türöffnung der grössten Schweizer Ferienmesse.
Inhaltlich blieben Überraschungen aus. Das neue Organigramm folgt letztlich einem Muster, das man aus anderen Branchen nur zu gut kennt: In der zweiten Führungsebene dominiert der Käufer. Viel Blau, wenig Rot – oder, übersetzt: deutlich mehr Kuoni- als Hotelplan-DNA. Wer gehofft hatte, dass die Reisebranche bei Übernahmen grundsätzlich anders tickt als die Metallbauindustrie oder das Bankenwesen, wurde hier sanft auf den Boden der Realität zurückgeholt.
Beim Top-Management hatte Dertour noch fein säuberlich darauf geachtet, Dertour- und Hotelplan-Köpfe ausgewogen zu berücksichtigen. Eine Stufe tiefer verschieben sich die Gewichte klar. Hotelplan-Mitarbeitende zogen im Kampf um die begehrtesten Kaderfunktionen oft den Kürzeren.
Ausnahmen bestätigen die Regel – und sind namentlich wichtig: Roland Birchmeier (BTA First Travel) und Claudine Jaggi-Furrer (Finass Reisen) im Business Travel, Christian Kiser im Flight Management, Victoria Studer, die den neu geschaffenen Bereich VTO Commercial leitet, sowie Cora De Francisci als neue Head of Service Center. Das sind keine Alibi-Positionen, sondern zentrale Funktionen. Andere bekannte Namen sind nun eine Stufe tiefer angesiedelt. Dazu zählen Kreuzfahrt-Manager Marco Strub oder Andrea Zeller, die frühere Head of Sustainability bei Hotelplan Suisse.
Strukturen stehen – nun folgt die Bewährungsprobe
Den Vorwurf, Dertour habe bewusst «die eigenen Leute» bevorzugt, würde dennoch viel zu kurz greifen. Gerade bei den Kuoni Specialists sind die bisherigen Führungskräfte ausgesprochen erfahren und stark positioniert – etwa bei Asia365, Private Safaris oder Manta Reisen. Dass Dertour hier auf Kontinuität setzt, ist betriebswirtschaftlich schlüssig.
Gleichwohl hätte es Spielraum für ein starkes Zeichen gegeben. Statt Nordamerika und Ozeanien direkt ins Kuoni-Portfolio zu integrieren, wäre ein eigenständiger Spezialist denkbar gewesen – geführt etwa von Nicole Rosenberg oder Fabio Di Canio, beide mit Führungsverantwortung bei Travelhouse. Auf ein solches Symbol hat Dertour verzichtet.
Positiv hervorzuheben ist der Prozess selbst. Das Personal wurde einbezogen, Entscheidungen wirkten nie wie Schnellschüsse, sondern abgewogen. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einer Phase, in der Unsicherheit schnell zu Flurfunk und Abwanderung führt. Dertour hat hier vieles richtig gemacht – auch wenn das Ergebnis nicht alle glücklich macht.
Am Ende zählt vor allem eines: Klarheit. Die Branche hat sehnlichst auf die Personalentscheide gewartet, um zu wissen, wer künftig Ansprechpartner ist. Diese Klarheit ist nun da. Jetzt liegt es an den Reisebüros, auf dieser Basis zu entscheiden, in welcher Form und in welchem Umfang sie künftig mit Dertour Suisse und ihren Marken zusammenarbeiten wollen.
Für Dertour ist das zugleich Chance und Verpflichtung: Die Strukturen stehen. Nun muss das neue Gebilde beweisen, dass es nicht nur effizient organisiert ist, sondern auch die unterschiedlichen Kulturen zusammenführen kann.