On The Move
Leinen los für Europas schönste Wasserstrassen
Christian HaasAuf Europas Flüssen ist mächtig was los! Im vergangenen Jahr buchten laut Deutschem Reiseverband DRV allein rund 840'000 Deutsche eine Flusskreuzfahrt – das ist fast dreimal soviel wie noch vor 15 Jahren. Und das, obwohl mit den (weiss-)russischen und ukrainischen Fahrgebieten Wolga und Dnjepr kriegsbedingt sogar zwei beliebte Routen weggebrochen sind.
Was Buchungen aus der Schweiz anbelangt, liegen zwar keine konkreten Zahlen vor, doch Schätzungen besagen: Ungefähr jede vierte von etwa 150'000 Kreuzfahrtreisen 2024 fand nicht auf hoher See, sondern eben auf Flüssen statt, wobei auch hier der Trendpfeil eindeutig nach oben geht, die «Corona-Delle» längst ausgemerzt ist. Mit modernen Schiffen (die Schweiz ist mit den Unternehmen A-ROSA, Mittelthurgau und Scylla AG ohnehin bestens vertreten) und neuen Zielen (wie der Donau-«Verlängerung» ans Schwarze Meer) sorgen die Veranstalter zudem dafür, dass die Begeisterung anhält und sich zunehmend auch jüngere Zielgruppen angesprochen fühlen.
Altbewährte Pluspunkte bleiben freilich bestehen: Da Flusskreuzschiffe in Schleusen und unter Brücken passen müssen, ist die Grösse auf meist 200 Passagiere limitiert (Europas grösstes Flusskreuzfahrtschiff, die «A-ROSA Sena», nimmt bis zu 280 Gäste auf). Das schafft eine gemütliche, fast familiäre Atmosphäre. Die stets gemächliche Fahrgeschwindigkeit trägt zum tiefenentspannten Reiseerlebnis bei. Ja, und dann sind die Passagiere den schönen Landschaften immer ganz nah und können innerhalb weniger Tage reihenweise interessante Städte und Dörfer, Burgen und Kirchen kennenlernen – wie auf diesen sieben beliebten Flusskreuzfahrtrevieren:
Donau: Von Passau nach Budapest (und weiter ans Schwarze Meer)
Die Fahrt auf Europas nach der Wolga zweitlängstem Fluss ist der Kreuzfahrt-Klassiker schlechthin. Das gilt insbesondere für den 690 Kilometer langen Abschnitt zwischen der Dreiflüssestadt Passau und Budapest, wo in kurzer Abfolge kulturelle Top-Sehenswürdigkeiten passiert werden. Erst lädt Linz mit ihrer Altstadt zum Bummeln ein, dann das Unesco-Welterbe Stift Melk zum Staunen – es zählt zu den schönsten Barockensembles Europas.
Ebenfalls auf der Welterbeliste steht die von Weinbau geprägte Kulturlandschaft Wachau, durch die es auf dem weiteren Weg nach Wien geht. Dort warten mit der Hofburg, dem Stephansdom und Schloss Schönbrunn weit mehr Attraktionen, als Passagiere Zeit an Land haben. Überraschend, wie schnell die nächste Hauptstadt auftaucht, diesmal die der Slowakei: Das aufstrebende Bratislava überrascht dann auch mit seiner XXL-Burg und der attraktiven Donaupromenade.
Nach einem Stopp an der mächtigen Sankt-Adalbert-Basilika in Esztergom wird mit Budapest der Höhepunkt der mehrtägigen Reise erreicht. Das majestätische Parlamentsgebäude zieht jeden in seinen Bann, ebenso die Kettenbrücke, die nachts mit all den Lichtern ein zauberhaftes Bild abgibt. Viele Passagiere nützen den Stopp zum Besuch eines der berühmten Thermalbäder der Stadt, etwa des historischen Gellértbads, oder eines der typischen Gulasch-Restaurants, bei denen als «Beilage» interessante Shows serviert werden. Zeit und Lust, weiterzufahren? Gar hier erst zu starten? Auf dem zweiten Teil von der ungarischen Hauptstadt nach Constanta am Schwarzen Meer – erst seit jüngerer Zeit von einigen Anbietern im Programm – rückt schliesslich der Naturaspekt in den Vordergrund. In der Puszta wird’s wild, erst recht im Donaudelta.
Rhein: Von Basel ins Ruhrgebiet (und weiter nach Amsterdam)
Burgen (Rheinstein!), Felsen (Lorely!), Weinberge (Müller-Thurgau!): Damit punktet das Rhein-Herzstück zwischen Köln und Rüdesheim. Nicht umsonst wurde das Obere Mittelrheintal 2002 zum Unesco-Welterbe erklärt. Bei einer klassischen Sieben-Tage-Tour auf Europas meistbefahrenem Fluss kommen jedoch noch weitere Highlights hinzu. Das geht in Basel schon mal gut los, schon bald darauf folgt mit Strassburg ein aufregender Stopp.
Sehenswert ist das historische Gerberviertel mit seinen Gässchen und Fachwerkhäusern. Historisch eindrucksvoll präsentieren sich im weiteren (Rhein-)Verlauf die Städte Speyer und Worms. Dann reihen sich im besagten Mittelrheintal Ritterburgen, romantische Barockschlösser und imposante Festungsanlagen wie Perlen aneinander, bevor es in Düsseldorf und Köln grossstädtisch zugeht. Da die Schiffe zentrumsnah anlegen, lassen sich die Innenstädte ideal zu Fuss erkunden. Immer stärker gefragt ist indessen die Tourverlängerung nach Amsterdam, wo die Reise im Übrigen auch starten kann. So oder so sollte vor Ort unbedingt noch Extrazeit für die Szeneviertel, Museen und die zahlreichen Kanäle und Grachten eingeplant werden.
Mosel: Von Koblenz nach Trier (oder umgekehrt)
Gut zu wissen: Vermehrt werden Touren in Kombination mit den Rhein-Nebenflüssen angeboten, allen voran mit der Mosel. Die gibt es indessen auch «solo» und starten dann meist in Koblenz (oder Trier, je nachdem, in welche Richtung man eben fährt). Der in etlichen Sagen und Liedern gehuldigte Fluss schlängelt sich dabei auf mehr als 230 Kilometern in unzähligen Schleifen quer durch Rheinland-Pfalz und eine der lieblichsten deutschen Weinbergslandschaften.
Als meistbesuchter Ort der Region sticht Cochem nochmal heraus, und aus dem 5000-Einwohner-Städtchen wiederum die malerische Reichsburg. Oberhalb der Altstadt gelegen, scheint das «Neuschwanstein an der Mosel» wie aus einem Märchen entsprungen. Aus einer anderen Zeit wirkt indessen Trier, zumindest teilweise. Deutschlands älteste Stadt ist wie kaum eine Zweite im Lande mit den Römern verbunden. Das Unesco-Welterbeensemble «Römische Baudenkmäler, Dom und Liebfrauenkirche in Trier» unterstreicht das.
Elbe/Moldau: Von Magdeburg nach Prag
Bestimmt nicht überlaufen, dafür garantiert beeindruckend: So lassen sich Elbe-Kreuzfahrten beschreiben. Zu den Höhepunkten der mehrtägigen Reise, die wahlweise in Hamburg, Berlin oder Magdeburg starten, gehören die Lutherstadt Wittenberg, die Porzellanstadt Meißen und das grossartige Elbflorenz Dresden mit Semperoper und Frauenkirche.
Im weiteren Verlauf erwartet die Passagiere die Sächsische Schweiz mit den einzigartigen Felsgebilden und der kreidezeitlichen Erosionslandschaft des Elbsandsteingebirges. Weiter geht es nach Böhmen, wo die meisten Schiffe in Melník am Zusammenfluss von Elbe und Moldau anlegen. Von dort sind es (wenn auch nur für kleinere Schiffe bis 160 Passagiere) noch 50 Kilometer bis nach Prag. Die «Goldene Stadt» bildet mit Karlsbrücke, St. Veits Dom, Wenzelsplatz und der grossen Burg ein hervorragendes Finale!
Rhône: Von Lyon nach Avignon
Blühende Orangenbäume, violette Lavendelfelder und spriessende Rebstöcke: Die Provence erlebt man an Bord eines Flusskreuzers besonders intensiv. Auf der Nord-Süd-Route liegt der Start in Frankreichs Gourmet-Metropole Lyon. Die Halles de Lyon Paul Bocuse lassen die Herzen von Foodies höherschlagen. Meist führt die Reise ein Stück die liebliche Saône hinauf ins Burgund mit einem Ausflug nach Dijon, dem Senf-Mekka schlechthin. Rhôneabwärts geht es vorbei an charmanten historischen Orten, etwa Viviers, das mit der Römischen Brücke und einem verwinkelten Ortskern entzückt.
Über weite Strecken wird das Flussufer zu beiden Seiten flankiert von steil aufragenden Weinbergen. Bald ist dann die Provence erreicht. In der Papststadt Avignon begeistert die berühmte, nachts beleuchtete (halbe) Bogenbrücke, in der Künstler- und Römerstadt Arles das römische Amphitheater. Gut zu wissen: Hier enden die meisten Kreuzfahrten, da der Rhône-Unterlauf breite Schleusen und ein stark verändertes Flussbild aufweist.
Seine: Von Paris bis Honfleur/Le Havre
Als Flusskreuzfahrtrevier wird auch die Seine immer beliebter, konkret die Strecke von Paris bis zur Atlantikküste. Nach einem aufregenden – idealerweise ausführlicheren – Start in der Stadt des Louvre und der Champs-Elysées geht es vom Seineufer nahe des Eiffelturms gen Westen, 200 Kilometer weit durch die Traumlandschaften der Normandie. Kalkweisse Hochufer, Obstwiesen, historische Burgen und Schlösser sowie grössere und kleine Orte mit ihrem typisch französischen Charme und die weisse Alabasterküste – kein Wunder, dass sich davon die berühmten Impressionisten zu grossen Meisterwerken inspirieren liessen.
Höhepunkte und beliebte Ausflugsziele sind Giverny mit dem Sommerhaus von Claude Monet und dem berühmtesten Seerosenteich der Welt. Bei Les Andelys grüsst Château Gaillard, die mittelalterliche Festung von Richard Löwenherz. Rouen mit seiner gotischen Kathedrale und der Künstlerort Honfleur an der Alabasterküste sind weitere Höhepunkte. Doch man kann freilich auch an Bord bleiben und sich einfach an der sattgrünen Landschaft und den blühenden Wiesen voller Apfelbäume erfreuen, aus deren Früchten Cidre gekeltert und Calvados gebrannt wird. Klar, dass sich diese Spezialitäten auf den Getränkekarten der Schiffe wiederfinden!
Douro: Von Porto nach Vega de Terrón
Fado & Flamenco, Portugal & Spanien: zwei Musikstile, zwei Länder, ein Fluss, eine Kreuzfahrt – auf dem Douro ist’s möglich. Die Route durch das Tal des Portweins ist eine der wenigen Mehrtagerouten in Südeuropa. Und das wiederum verspricht mehr Sonne, mehr Emotionen, mehr Gelassenheit. Was auch für den Flussverkehr gilt. Auf dem Douro herrscht (noch) kein Massenandrang. Zu sehen gibt es jedoch allerhand. Das geht schon beim Start- respektive Zielhafen los. Stark, wie sich die historische Altstadt von Porto steil über dem Flussufer aufbaut. Besonders sehenswert sind die Kathedrale, die Markthalle und der berühmte Bahnhof mit seinen kunstvoll gekachelten blau-weissen Wänden.
Dann geht es los in eine aufregende Landschaft, die von schroffen Felswänden, gewundenen Schluchten, sanften Hügeln und Feldern mit Korkeichen und Olivenbäumen geprägt wird – und natürlich von terrassenartig angelegten Weinbergen. Fans des Portweins werden im Alto Douro, Heimat des legendären Dessertweins, begeistert sein. Die Region rund um die Orte Vila Real, Lamego und Peso da Régua gilt gar als ältestes Weinbaugebiet der Welt.
Ein weiterer Höhepunkt stellt schliesslich die spanische Stadt Salamanca mit ihrer Universität aus dem 13. Jahrhundert dar. Vom Anlegehafen Vega de Terrón lässt sie sich in knapp zwei Stunden erreichen. Was den Douro im Übrigen ebenfalls zu einem besonderen Fahrziel macht sind sechs grosse Schleusen. Fallhöhen bis zu 40 Metern sorgen für gehörigen Nervenkitzel!