On The Move
So bewerten HR-Profis die Personaloffensive von Knecht Reisen
Reto SuterDer neue Knecht-CEO Sebastian Kickmaier hat keine Zeit verloren. Kaum zwei Wochen nach seinem Stellenantritt sorgte er für eine kleine Branchenbombe: Sechs Mitarbeitende seiner langjährigen Ex-Arbeitgeberin Hotelplan Suisse wechseln im Herbst zu Knecht Reisen – dorthin, wo im Tour Operating durch zahlreiche Abgänge mehrere Stühle frei wurden (Travelnews berichtete).
Ein geschickter Schachzug? In jedem Fall ein selbstbewusstes Zeichen. Kickmaier zeigt: Er packt an, entscheidet schnell – und will Knecht Reisen mit Tempo auf Erfolgskurs bringen. Die Branche staunte, als die Personaloffensive publik wurde. Nur: Hat dieser Transfer-Coup einen Beigeschmack?
Denn während Hotelplan mitten im sensiblen Übernahmeprozess durch Dertour steckt, zieht der frühere Shootingstar des Unternehmens gleich ein halbes Dutzend Know-how-Träger an seinen neuen Arbeitsort ab.
Ein normaler Move im rauen Business – oder ein Tabubruch? Travelnews hat bei drei erfahrenen HR-Profis mit Touristik-Background nachgehakt – und überraschend unterschiedliche Einschätzungen erhalten.
Vertraute könnten zum Störfaktor werden
Für Matthias Mölleney, früherer Personalchef der Swissair und Gründer der PeopleXpert GmbH ist klar: «So eine Vorgehensweise ist zumindest ungewöhnlich und birgt nicht unerhebliche Risiken in sich.» Sie könne im neuen Unternehmen wie eine «Übernahme» wirken und zu erheblichen kulturellen und organisatorischen Verwerfungen führen.
«Wenn die abgeworbenen Führungskräfte im neuen Umfeld als Besserwisser erlebt werden, führt das in der Regel zur Demotivation der bestehenden Talente», so Mölleney. «Sie empfinden das Verhalten der Neuen als geringschätzend und begeben sich häufig in eine innere Kündigung.»
Der HR-Profi findet die Abwerbe-Aktion auch moralisch fragwürdig. Zur Ausrichtung des moralischen Kompasses empfehle er den bekannten Grundsatz von Immanuel Kant, der fordert, dass man immer so handeln sollte, dass die Maxime des eigenen Handelns zugleich als allgemeines Gesetz gelten könnte, erklärt Mölleney.
«Vereinfacht gesagt: Wenn alle CEOs bei einem Stellenwechsel so vorgehen würden, würde das zu ziemlich grossen Problemen für alle Beteiligten führen.»
Ihm seien nur wenige vergleichbare Fälle bekannt, sagt der frühere Personalchef der Swissair. «Die geschilderten Risiken überwiegen in den meisten Fällen den Vorteil, dass man als neuer CEO auf eine Gruppe von Vertrauten zurückgreifen kann, die den gewünschten Wandel beschleunigen könnten.»
Wechselbereitschaft ein Zeichen der Unzufriedenheit
Weniger kritisch sieht die Personaloffensive Jean-Philippe Spinas. Der Mitgründer des Karriereportals MyCareerGate ist heute im Executive Search für die renommierte Beratungsfirma Kienbaum tätig – und mit der Reisebranche bestens vertraut, unter anderem durch frühere Stationen bei Kuoni, STA Travel und Swiss.
Gegenüber Travelnews sagt Jean-Philippe Spinas: «Sebastian Kickmaier hat schlicht die Gunst der Stunde genutzt.» Aus seiner Sicht ist gegen die Abwerbe-Aktion grundsätzlich nichts einzuwenden: «Zu einem solchen Wechsel gehören immer zwei – das abwerbende Unternehmen und der wechselwillige Mitarbeitende.» Solche Personalrochaden seien nie einseitig motiviert.
Wenn Mitarbeitende – in diesem Fall von Hotelplan – auf ein Abwerbungsangebot eingehen, deute das auch auf interne Unzufriedenheit hin, so Spinas. «Wären sie rundum zufrieden, käme ein Wechsel kaum infrage.» Kickmaier stehe in der Verantwortung, seine Ziele zu erreichen – und brauche dafür ein starkes Team. «Wenn er dabei auf langjährige Vertraute setzt, ist das nur folgerichtig.»
Überrascht zeigt sich Spinas über den Zeitpunkt der Personaloffensive: «Kickmaier ist erst seit Kurzem CEO. In der Regel dauert es eine gewisse Zeit, bis ein neuer Chef personelle Weichen im grösseren Stil stellt», sagt er.
Möglich sei jedoch, dass Kickmaier bereits in seiner vorherigen Funktion als Leiter Strategie und Geschäftsentwicklung bei der Knecht Gruppe, die er im Herbst 2024 übernommen hatte, ein klares Bild der Lage gewonnen habe – und deshalb rasch handeln konnte.
Als kritisch stuft Spinas – wie auch Mölleney – die Auswirkungen auf das bestehende Team bei Knecht Reisen ein. Besonders heikel sei die Situation für Mitarbeitende, die bei der Neuausrichtung übergangen oder in ihrer Rolle sogar zurückgestuft wurden. «Da ist Frust vorprogrammiert», so Spinas. «Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Knecht Reisen einige dieser Mitarbeitenden auf Sicht verlieren wird.»
Branchenwechsel schmerzt mehr als Abwerbung
Sehr zurückhaltend beurteilt Sophie Renevey das Vorgehen von Sebastian Kickmaier. Die Geschäftsführerin von Travel Job Market, der führenden Personalberatung im Schweizer Tourismus, betont, dass sie sich für eine fundierte Einschätzung erst mit allen Beteiligten unterhalten müsste – und selbst dann bliebe es letztlich eine persönliche, subjektive Wahrnehmung.
Travel Job Market hat sich in der Zusammenarbeit mit touristischen Unternehmen einem klaren Prinzip verpflichtet: «Wir kontaktieren keine Talente, die bei einem Partnerunternehmen tätig sind», erklärt Renevey. Dieses selbst auferlegte Gentlemen’s Agreement soll Vertrauen und langfristige Beziehungen sichern.
Grundsätzlich seien Abwerbeaktionen wie jene von Kickmaier jedoch keine Ausnahme. «Unsere Branche ist klein, eng vernetzt – man kennt sich», sagt Renevey. Ob ein CEO-Wechsel der Auslöser sei, hänge dabei stark davon ab, wie stark sich die oder der CEO in die Rekrutierung einbringe.
Wichtiger als die Bewertung einzelner Personalentscheide ist für Renevey jedoch ohnehin die Perspektive für die gesamte Branche. «Uns liegt der Tourismus am Herzen», sagt sie. «Wenn das Know-how zumindest innerhalb der Branche erhalten bleibt, stimmt uns das deutlich zuversichtlicher, als wenn wir laufend Fachkräfte an andere Branchen verlieren würden.»