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Heinz Zimmermann analysiert seit über zwei Jahrzehnten das Reiseverhalten der Schweizer – so politisch geprägt wie aktuell war es noch nie. Bild: Adobe Stock

«Dieses Jahr wurde kein einziger Schweizer Bürger an der US-Grenze zurückgewiesen»

Reto Suter

Tiefster Dollarkurs seit Jahren – und trotzdem bleiben Schweizer Reisende den USA fern. Der Grund: Donald Trump. Heinz Zimmermann, Präsident des Visit USA Committee Switzerland, erklärt im Interview mit Travelnews, warum erstmals nicht der Wechselkurs, sondern der US-Präsident den Ferienplänen in die Quere kommt.

Seit Donald Trump erneut die Geschicke der USA lenkt, geraten nicht nur die globalen Märkte ins Wanken, sondern auch der transatlantische Reiseverkehr. Im März reisten rund 26 Prozent weniger Schweizerinnen und Schweizer in die USA – auch aus anderen europäischen Ländern ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

Heinz Zimmermann, Betriebsökonom und Präsident des Visit USA Committee Switzerland, erklärt im Interview, wie stark Schweizer Reisende von den neuen Einreisehürden betroffen sind, warum der aktuelle Rückgang historisch einmalig ist – und was es jetzt braucht, damit sich der Negativtrend wieder umkehrt.

Herr Zimmermann, im März 2025 sind 26 Prozent weniger Schweizerinnen und Schweizer in die USA gereist als im Vorjahr. Hat Sie dieser starke Rückgang überrascht?

Heinz Zimmermann: Grundsätzlich nicht. Man hört derzeit häufig im persönlichen Umfeld, dass viele Menschen wegen der drastischen Massnahmen der Trump-Regierung momentan keine Lust haben, in die Vereinigten Staaten zu reisen. Es gibt jedoch einen Aspekt, der mich tatsächlich erstaunt hat.

Und zwar?

Mein Vorgänger Werner Wiedmer und ich analysieren seit 25 Jahren für das Visit USA Committee die Einreisezahlen aus der Schweiz – mit besonderem Blick auf den Einfluss von Wechselkursen und politischer Stimmung. Und was wir aktuell erleben, ist tatsächlich eine Premiere: Zum ersten Mal überhaupt scheint die politische Lage in den USA einen direkten Einfluss auf das Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung zu haben. Bisher folgte die Entwicklung stets dem Wechselkurs – war der Dollar tief, gab es einen regelrechten USA-Boom, war er hoch, gingen die Zahlen zurück. Im Moment ist der Kurs aus Schweizer Sicht sehr attraktiv – und trotzdem bleiben viele zu Hause.

«Wer in den USA angekommen ist, wurde auch eingelassen»

Wie war das während der ersten Amtszeit von Donald Trump?

Das ist besonders interessant: Im letzten Jahr der Präsidentschaft von Barack Obama, der ja weltweit grosses Ansehen genoss, stieg der Dollarkurs leicht an – und entsprechend gingen die Schweizer Einreisezahlen zurück. Ab 2017, nach dem Amtsantritt von Donald Trump, wurde der Wechselkurs wieder attraktiver, und die Reiselust der Schweizer nahm zu. Obwohl viele damals sagten, sie würden «wegen Trump» nicht mehr in die USA reisen, zeigten die Zahlen ein ganz anderes Bild. Heute hingegen scheint sich die politische Haltung erstmals tatsächlich in konkreten Reisezahlen niederzuschlagen.

Wie erklären Sie sich, dass sich die Situation nun verändert hat – trotz attraktivem Wechselkurs?

Man merkt, dass sich die Wahrnehmung von Präsident Trump in seiner zweiten Amtszeit verändert hat. Während er in seiner ersten Amtszeit zwar umstritten, aber in der Schweiz zumindest einigermassen akzeptiert wurde, ist die Stimmung nun deutlich verhaltener – selbst bei jenen, die ihm früher wohlwollender gegenüberstanden. Hinzu kommt, dass derzeit viele Reisende unsicher sind, wie reibungslos die Einreise tatsächlich verläuft. Berichte über längere Wartezeiten oder verschärfte Kontrollen verunsichern. Ein weiterer Faktor sind die gestiegenen Preise – Reisen in die USA sind generell teurer geworden.

Sie haben die Einreise angesprochen. Gibt es denn Fälle von Schweizerinnen und Schweizern, die tatsächlich an der US-Grenze abgewiesen wurden?

Nein, dieses Jahr wurde kein einziger Schweizer Bürger an der US-Grenze zurückgewiesen. Die Einreise verläuft für Menschen der Schweiz nach wie vor problemlos. Beim ESTA-Antrag kam es in ganz wenigen Einzelfällen zu Ablehnungen – das betraf lediglich zwei bis drei Personen mit Migrationshintergrund. Aber: Wer in den USA angekommen ist, wurde auch eingelassen.

Heinz Zimmermann engagiert sich seit Jahren für den transatlantischen Tourismus. Bild: zVg

Wie steht es um die Wartezeiten bei der Immigration? Haben sich die Schlangen tatsächlich verlängert?

Die neuen Regulierungen von Trump können die Wartezeiten bei der Einreise tatsächlich etwas verlängern, was damit zusammenhängt, dass bestimmte Nationalitäten aktuell strenger kontrolliert werden. Für Schweizer Reisende jedoch gibt es in der Regel keinen Grund zur Sorge. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen klar: Die Angst, an der Grenze abgewiesen zu werden, ist unbegründet.

Wie reagieren Ihre Partner vor Ort in den USA auf die aktuelle Situation?

Unsere Partner in der Tourismusbranche setzen bewusst auf Differenzierung: Auf der einen Seite steht die politische Führung – auf der anderen das touristische Angebot, das nach wie vor unglaublich vielfältig und attraktiv ist. Gerade jetzt bemühen sich viele Leistungsträger mit grossem Engagement darum, dass internationale Gäste sich willkommen fühlen und einen rundum gelungenen Aufenthalt erleben. Und dies aktuell zu einem unschlagbaren Wechselkurs.

Was tut das Visit USA Committee konkret, um die Reiselust wieder anzukurbeln?

Unser oberstes Ziel ist es, Vertrauen zu schaffen und unbegründete Ängste auszuräumen – insbesondere die Angst, bei der Einreise abgewiesen zu werden. Diese Sorge hält sich hartnäckig, ist aber aus Schweizer Sicht nicht belegt. Das gilt übrigens nicht nur für Personen mit Schweizer Pass, sondern auch für jene mit Niederlassungsbewilligung C. Die Einreise funktioniert reibungslos.

«Erfahrene USA-Reisende lassen sich weniger leicht von der aktuellen Lage abschrecken»

Können Reisende, die sich trotz allem für einen USA-Trip entscheiden, hoffen, dass beliebte Reiseziele weniger überlaufen sind als sonst?

Eher nicht. Während der Pandemie hat der Binnentourismus in den USA stark zugenommen – und dieser Trend hält an. Der Anteil internationaler Gäste ist im Vergleich dazu sehr gering. Wer also glaubt, jetzt auf leere Hotspots zu treffen, dürfte überrascht sein: Viele Orte sind nach wie vor gut besucht.

Wie könnte sich die Lage entwickeln, falls die USA – wie von vielen Ökonomen befürchtet – in eine Rezession rutschen und die Inflation weiter steigt?

Ob es tatsächlich zu einer Rezession kommt, hängt vom Verlaufe der weiteren Regierungsentscheide ab; sicher ist aber, dass die Inflation in den USA massiv steigen wird, was die amerikanische Bevölkerung selbst hart treffen wird. Wenn alles teurer wird, sinkt die Kaufkraft – und damit auch die Bereitschaft, innerhalb des Landes zu reisen, dies vor allem beim Mittelstand. Der Binnentourismus würde abnehmen, was den internationalen Tourismus wieder wichtiger machen könnte. In diesem Szenario wäre zu hoffen, dass man in den USA die Preisstruktur überdenkt – sprich: dass Reisen wieder günstiger wird, um ausländische Gäste zurückzugewinnen.

Destinationen wie Hawaii sind vom Rückgang der Schweizer Besucherzahlen bisher kaum betroffen. Bild: Adobe Stock

Ursprünglich hatten Sie für 2025 das Ziel, erstmals 400’000 Schweizer Gäste in den USA zu begrüssen. Ist das unter den aktuellen Umständen noch realistisch?

Nein, von diesem Ziel müssen wir und definitiv verabschieden. Derzeit rechnen wir mit einem Rückgang von rund 20 Prozent – das würde etwa 320’000 Einreisen entsprechen. Entscheidend wird sein, was nach den 90 Tagen passiert, in denen Trump die angekündigten Strafzölle vorerst ausgesetzt hat. Sollte er diese Pläne komplett verwerfen, könnte das auch den Tourismus wieder ankurbeln.

Gibt es Regionen in den USA, die vom Besucherrückgang weniger stark betroffen sind als andere?

Ja, definitiv. Weniger betroffen sind beispielsweise Alaska und Hawaii. Reisen dorthin werden in der Regel lange im Voraus geplant und sind weniger impulsiv als etwa ein Städtetrip nach New York oder Badeferien in Florida. Auch erfahrene USA-Reisende – sogenannte Repeater – lassen sich weniger leicht von der aktuellen Lage abschrecken. Bei jenen, die sich eher spontan entscheiden in welche Region der Welt sie reisen, sieht das anders aus: Sie entscheiden sich in der momentanen Situation vielleicht eher für ein anderes Reiseziel als für die USA.

Würden Sie selber in die USA reisen?

Auch wenn ich die aktuellen Regierungsentscheide – gelinde ausgedruckt - absolut nicht unterstützen kann, schadet ein Reiseboykott in erster Linie nicht den Entscheidungsträgern in der Politik, sondern den tausenden von Leistungsträgern, die im touristischen Sektor täglich ihr Bestes geben und vom Tourismus leben. Darum «Ja» zur Reise in die USA.