«Canada»... tacktack... «Canada»... tacktack...

Von Oliver Gerhard
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Mindestens zwei Tage dauert die Zugreise im Indianer-Express von Winnipeg an die Hudson Bay. Viel Zeit, um die kanadische Weite zu erleben – und die Mitreisenden kennenzulernen.

Seit gefühlt zehn Minuten rollt der Zug an Getreidewaggons mit der Aufschrift «Canada» vorbei... tacktack... tacktack... Es ist sechs Uhr morgens im Zug von Winnipeg an die Hudson Bay. Langsam erwacht der ViaRail 693 zum Leben, der Duft von Filterkaffee und gebratenen Eiern zieht durch die Gänge.

Zweimal in der Woche begleitet eine sechsköpfige Crew die 1700 Kilometer lange Reise. Zuerst geht es durch unendliches Farmland, weiter nördlich folgen Wälder der Taiga, die schliesslich in Tundra übergehen. Mit dem Flugzeug kann man diese Strecke in zwei Stunden hinter sich bringen, mit dem Zug dauert es mindestens zwei Tage – Verspätungen gehören hier aufgrund der klimatischen Bedingungen zum Programm.

Die von einer Diesellok gezogene Bahn verlässt Winnipeg.

Vorbei rattert der Zug an Tankstellen und Fast-Food-Läden. Kurz hinter der Stadtgrenze ertönt das erste markerschütternde «Heulen» der Lok. Mit Tempo 30 schwanken die Waggons durch Getreide- und Rapsfelder. So muss sich eine Postkutschenreise angefühlt haben. Doch nicht nur die Geschwindigkeit ist «retro» – in den Waggons fühlt man sich wie in einem Manufaktum-Katalog: angefangen bei den Polstersitzen mit ausklappbaren, ledernen Armstützen bis zu den Lichtschaltern aus Metall, die wie kleine Joysticks aus der Wand ragen.

Abendessen in mehreren Schichten

Der Zug an die Hudson Bay ist eigentlich keine Touristenattraktion, sondern ein Pflichtservice zur Versorgung der indianischen Gemeinden des Nordens. Unbequem wird es dennoch nicht, weder für die Passagiere der Economy Class, die sich nachts in Polstersesseln zusammenrollen, noch in der Sleeper Plus Class mit Liegekojen und Privatkabinen.

Punkt 17 Uhr wird das Abendessen serviert. In mehreren Schichten wechseln die Passagiere an den Resopaltischen – so lernt man andere Mitreisende kennen. Zum Beispiel die New Yorkerin, die als Forschungsassistentin nach Churchill fährt, oder die japanische Grossmutter, die ihrem Enkel die Tundra zeigen will.

Kurz vor Sonnenuntergang ein letzter namenloser Ort, Fahnen mit dem Ahornblatt, Kinder winken, eine alte Holzkirche. Schwarze Schemen – sind es Kühe oder Büffel? Dann taucht Zug 693 ins Dunkel der Nacht. Das eintönige Rattern wiegt die Passagiere sanft in den Schlaf, um sie am nächsten Morgen wieder aufzuwecken.

Wie ein Kinofilm in Überlänge

Wo gestern unendliche Felder vorbeizogen, erstrecken sich jetzt Wälder. «Last call for Breakfast», ruft die Service-Chefin durch die Waggons. In der Küche wirbelt Jennifer Roy. «Es hat eine Weile gedauert, sich an das schwankende Arbeiten zu gewöhnen», sagt die junge Köchin. «Allerdings verbrennt man sich öfter, als man sich schneidet – manchmal wackelt der Waggon plötzlich, wenn man gerade in den Ofen fasst.»

Vor den Zugfenstern läuft ein Kinofilm in Überlänge ab – eher intellektuell als actiongeladen. Rechts und links des Bahndamms erstreckt sich ein Chaos aus umgestürzten Bäumen, dazwischen funkeln Seen. Mächtige Biberdämme verraten, wer der Urheber war. Inzwischen ist der Zug mehrere Stunden verspätet – bei hohen Sommertemperaturen kann er nur mit 25 Stundenkilometern über sumpfigen Untergrund oder Permafrost schleichen, damit sich die Schienen nicht verschieben.

«Ich mag diese Verspätungen nicht», sagt Crewmitglied Ronald Susmelj. «Viele Passagiere lassen ihren Frust dann an uns aus.» Der stellvertretende Servicechef arbeitet seit knapp 30 Jahren für ViaRail. Fünf Tage lang in 18-Stunden-Schichten ranklotzen, dann hat er neun Tage frei.

«Das ist ein besonderer Lifestyle», sagt Susmelj. Der Mittfünfziger spricht voller Empathie über seine Passagiere – überwiegend Mitglieder der Indianergemeinden entlang der Strecke.  Es gebe kaum Jobs in der Region, die meisten lebten von der Wohlfahrt – und vom Jagen, Angeln oder Fallenstellen, berichtet Susmelj. Zweimal im Jahr kämen Pelzgrosshändler nach Thompson – die grösste Stadt entlang der Strecke –, um Luchs-, Fuchs- und Nerzfelle einzukaufen. Mangels Strassen und preisgünstiger Flüge bildet die Bahn das einzige Transportmittel in Manitobas Norden.

Jeden Freitagabend, wenn viele Ureinwohner nach einer Woche in der Stadt in ihre Dörfer zurückfahren, verwandelt sich das heute verwaiste Dining Car in einen Partywaggon: «Letzte Woche hatte ich danach nur drei Bier übrig», sagt Susmelj. «Nach zwei oder drei Jahren an Bord weiss man, wer die ‚Bösen' sind und wie man sie zur Raison bringt.» 

Am späten Nachmittag läuft der Zug in Thompson ein, eine Bergbaustadt mit rund 13'000 Einwohnern. Staubige Pick-ups schleichen durch die breiten Strassen. Indianer schlendern vom Einkaufen nach Hause. Überall sind Wölfe zu sehen: Als Wandgemälde auf einem grossen Wohnblock, als Skulpturen in den Strassen, auf Werbeplakaten.

Am nächsten Morgen Punkt 5.15 Uhr verlässt der Zug Thomson wieder. Kaum merklich beginnt sich der Wald zu verändern: Die Bäume werden kürzer, dünner, spärlicher.

Kreischende Bremsen kündigen den Zwischenstopp in Pikwitonei an. Quads parken, Pick-ups stehen an den Schienen, um die Einkäufe der Passagiere aufzunehmen: Grosse Kartons, Holzlatten, eine Tierbox, ein Schaukelstuhl, Familienpackungen mit Coca Cola, Trinkwasser und Toilettenpapier.

Gegen neun Uhr abends versinkt die Sonne hinter dem Horizont. Alle hängen jetzt am Fenster, warten auf die Lichter von Churchill. Ein Tourist holt seine Mundharmonika heraus und stimmt eine Polka an. Füsse wippen, Köpfe nicken im Takt, einige Damen klatschen sachte. Jetzt könnte eine grandiose Party beginnen, aber Churchill ist schon nah. Um kurz nach Mitternacht läuft Zug 693 in die Stadt an der Hudson Bay ein. 15 Stunden hinter dem Zeitplan – das ist der Preis des Sommers im Norden, wo Torfmoore und Permafrost den Untergrund instabil machen.